Ort: Rough Trade East, London
Vorband:

Tom Chaplin - London, 02.09.2022

Tom Chaplin. Der Sänger von Keane.

2022 nahm Tom Chaplin an der britischen Ausgabe der Erfolgsshow „The Masked Singer“ teil. In dieser treten bekannte Persönlichkeiten in bunten Kostümen auf, und eine Jury versucht herauszufinden, wer sich hinter der Maskierung verbirgt. Chaplin performte als Pudel, mit lustigen gelb-pinken Ohren und grünen Puschel-Füßen. Die Juroren erkannten seine Stimme nicht und ordneten sie dem Sänger Mika zu. Selbst als die Maske fiel und seine Identität enthüllt war, fragten sich auf Twitter viele Zuschauer*innen, wer zur Hölle dieser Typ sei. Das beschreibt das Standing von Tom Chaplin ganz gut: Er ist berühmt genug, um zu solchen Formaten eingeladen zu werden, aber für die breite Masse ist er trotzdem ein Unbekannter. Anfang der 2000er war Chaplin mit seiner Band Keane noch dabei, den Pop-Olymp zu erklimmen und Coldplay vom Thron zu stoßen.

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Aus Richtung White Chapel frisst sich die Gentrifizierung langsam aber sicher in das alte Viertel der Brick Lane. Ein Hamptons Inn entsteht direkt neben der Metrostation. Wir sind auf dem Weg zum Plattenladen Rough Trade, in dem manchmal und regelmäßig auch kleine Konzerte stattfinden. An diesem Abend spielt Tom Chaplin, der Sänger von Keane, erstmals live die Songs seines neuen Albums, das – oh ha – auch an diesem Tag veröffentlicht wird. Midpoint heisst das übrigens.
Sein Konzert plus ’signing‘ ist für 20 Uhr angesetzt. Das Rough Trade ist ein ganzes Stück weit die Brick Lane herunter. Den Weg säumen gefühlt Dutzende von indisch-pakistanischen und arabischen Restaurants. Leider habe ich keinen Hunger und kann den duftenden Einladungen nicht nachgeben. Ist vielleicht auch besser so.
Als wir schon denken, wir sind zu weit, öffnet sich links ein Pfad zum Rough Trade East Plattenladen. (Ob es auch einen Rough Trade Nord / West oder Süd gibt, weiß ich gerade nicht). In einer Seitengasse liegt das Geschäft, etwas unscheinbar neben weiteren Restaurants und Bars. An diesem Abend macht allerdings eine Schlange von vielleicht 50 Leuten den Eingang sichtbarer. Es ist kurz vor 20 Uhr und draußen und drinnen – das sehen wir natürlich erst, als wir den Laden betreten haben – warten Leute auf den Konzertbeginn. Beim Einlass bekommen wir die aktuelle Tom Chaplin CD in die Hand gedrückt. Mit Midpoint, so heißt das Album, haben wir uns quasi den Eintritt erkauft.
Wie erwähnt, Midpoint kommt frisch aus der Plattenpresse. Das Debütalbum des Sängers enthält 13 Songs; die beiden Singles hatte ich mir zuhause mal angehört, sie klangen wie eine Mischung aus Keane und den Editors („Gravitational“). Das war allerdings nebensächlich, vielmehr beschäftigte uns die Frage, ob Tom Chaplin an diesem Abend ein oder zwei Keane Songs spielen wird.
Leider lautet die Antowrt null. Tom Chaplin spielt keinen Song seiner alten Band. Das macht er dann, so erzählt er gegen Ende des Konzertes, im Herbst. Im Oktober geht Tom Chaplin auf Konzerttour, die einige spannende Sachen beinhaltet. Er plane einen song request Part, in dem er auf Zuruf Songs spielen möchte. Weiterhin soll ein ‘Frage und Antwort’ Teil fest im Programm installiert werden. Für mich klingt das so ‘na ja’. Ich bin ganz froh, dass ich definitiv nicht in die Verlegenheit komme, eines seiner Konzerte zu besuchen.

Kurz vor Beginn bin ich überrascht, dass das Plattenladenkonzert nicht ausverkauft ist. Nach hinten ist doch noch relativ viel Luft. Oder hatte sich rumgesprochen, dass Tom Chaplin keine Keane Songs spielen wird und dass sein Soloalbum, nun ja, so lala ist? Ich hatte gedacht, dass Tom Chaplin am Klavier sitzend alleine ein paar Songs spielt. Doch er kommt mit voller Kapelle, sprich einem Gitarristen, Schlagzeuger und zwei Keyboarderinnen, von denen eine seine Lebensgefährtin Natalie Dive ist. Wenn ich die Vorstellungsrunde richtig verstanden habe. Zusammen spielen sie 10 Songs. Vom aktuellen Album fehlen „Rise and fall“, „Colourful light“, „New flowers“ und „It’s over“. Stattdessen steht „Quicksand“ vom 2016er Album The wave auf der Setlist. Zwischendurch erzählt Tom Chaplin über die Entstehungsgeschichte der Songs, über die Begebenheiten beim Songschreiben, über BBC Radio 2 – auf die er scheinbar nicht sonderlich gut zu sprechen ist, zumindest stellt er den Radiosender in kein gutes Licht (‘sie wollten, dass der Song glatter produziert wird’, ‘dieser Song war ihnen als Single zu lang’) – und eben über die bevorstehende Tour. ‚Shut up and play a Keane song‘ hätte Noel Gallagher bestimmt gerufen, ich fand‘ das mitunter ganz amüsant und unterhaltsam.

Musikalisch ist Midpoint Schlagerpop. Britischer Schlagerpop, der sehr oft ins sehr pathetische abdriftet. In den Songs geht es um Liebe und Leben, um das Leben und die Liebe. Wehmütig klingt das, und es kommt mir so vor, dass jeder Song das Älterwerden thematisiert. Mir ist das teilweise zu viel. Das ein oder andere dramatische Gitarrensolo oder den ein oder anderen Keyboardpart hätte er sich sparen können.
Überragend ist nach wie vor Tom Chaplins Stimme, daran gibt es keine Zweifel. Am besten gefallen mir noch die beiden Singles „All fall down“ und „Gravitational“. Das sind zwei richtig schöne und gute Popsongs.

Keane haben übrigens in diesem Sommer ein paar Festivals bespielt. Ob sich hier wieder etwas bezüglich neuer Bandaktivitäten tut, müssen wir abwarten. Offiziell stehen Keane seit 2013 auf stand-by, auch wenn sie zwischenzeitlich ein Album herausgebracht haben.

Setlist:
01: All fall down
02: Stars align
03: Cameo
04: Midpoint
05: Black hole
06: Gravitational
07: Gonna run
08: Quicksand
09: Panoramic eyes
10: Overshoot

Kontextkonzerte:
Keane – Rock am Ring 2006