Ort: Robert-Schumann-Saal, Düsseldorf
Vorband:

Ach, ‚Fall‘ für Herbst und nicht von ‚fallen‘. Die Reihe vor mir diskutiert den ‚Neuen Herbst‘ und interpretiert eifrig das Plakat der New Fall Konzertreihe im Düsseldorfer Kunstviertel. Das New Fall Festival findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt, in einer Woche bindet es Konzerte großer und kleiner Bands in der Tonhalle und im benachbarten Robert-Schumann-Saal. Beide Veranstaltungsorte liegen dabei schön am Rheinufer im Komplex bzw. am Museum Kunstpalast. Ein schöner, angenehm ruhiger Ort um im bestuhlter Atmosphäre Konzerte von Bands wie The Notwist, Get well soon, Dillon, und anderen zu genießen. Als das Programm des diesjährigen New Fall im Frühjahr bei einem kleinen Konzert vorgestellt wurde, freute ich mich wie Bolle auf die erste Oktoberwoche. Seinerzeit konnte ich ja nicht ahnen, dass Dinge wie Arbeit und Nebenhöhlenentzündung mich vom täglichen Besuch des Festivals abhalten werden.
The Notwist in der Tonhalle hätte ich gerne gesehen, ebenso Get well soon und Dear reader. Nun, immerhin blieb der Samstag, an dem ich mich auf den Weg nach Düsseldorf mache. Auf dem Programm steden im Robert-Schumann-Saal zwei sehr nach Düsseldorf passende Künstler / Bands: Dillon und Stabil Elite. Es sind definitiv nicht die größten Namen des Festivals, die meine Aufmerksamkeit weckten, aber für mich die interessantesten. Und wenn schon Düsseldorf und Kunstmuseum, dann auch musikalisch Kunstkram. Und wenn dieser wie bei Stabil Elite auch noch aus Düsseldorf kommt, passt alles haargenau.
Auf Stabil Elite war ich besonders neugierig. Vieles hörte ich von der Band, viele Assoziationen verband ich vorurteilsbehaftet mit ihrer Musik. Düsseldorfer Elektropop, wer da nicht sofort an Kraftwerk denkt hat irgendwann irgendwo nicht aufgepasst. Und die fünf Düsseldorfer, live wird das Kernteam Lucas Croon, Nikolai Szymanski und Martin Sonnensberger um Schlagzeuger Niklas Wandt und Bassist Timo Hein verstärkt, werden seit einiger neuestem ja quasi als legitime Nachfolger gehandelt. Nun gut, es ist an der Zeit, mir ein Bild davon zu machen und mir eine eigene Meinung abzuholen.

Um kurz nach acht, der Robert-Schumann-Saal ist gut besucht, eröffnen Stabil Elite mit dem instrumentalen „Hydravion“ (die Band schrieb zwei Tage später auf ihrer Facebookseite, dass sie mit diesem Stück nicht begonnen hätten, verraten aber nicht, welches Stück ihr Song 1 war) ihr Konzert. Aha, denke ich, genau wie ich es mir vorgestellt habe. Keyboards, Keyboards, Keyboards. Bis hierhin fühlt sich das sehr nach einer Bestätigung dessen an, was ich vorher gelesen hatte. Doch dieser Eindruck ändert sich schnell. Zwei, drei Songs später höre ich mehr. „Wir kommen aus“ zum Beispiel hat viel von den Sternen. Der soulige Bass erinnert sehr an die Hamburger. Also sind Stabil Elite gar nicht so elektronisch nüchtern und technisch? Richtig, sie sind viel verspielter und (Achtung!) wärmer als ich es gedacht hatte. Natürlich gibt es Giorgio Moroder und Jean Michel Jarre (in “Endecomputer“) , aber das ist bei weitem nicht alles. Gerade oder eben die Stimme und die Art des Gesangs hat – wenigstens live – viele Frank Spilker Anleihen. So klingt dann das ein oder andere Stück eher nach dem 24-7 Sterne Album als nach Kraftwerk. Mir passt das sehr gut und im laufe der guten 45 Minuten Stabil Elite gefallen mir die Düsseldorfer immer mehr.
‚Alles, was ich anfasse, wird sofort zu Gold / Ich muss verhungern.‘ Texten können sie also auch. Kunststudenten.

Dann Dillion. Es wird dunkel auf der Bühne. Zwei ins Publikum gerichtete Bodenstrahler, viel Nebel, ein Keyboard und ein DJ Pult bilden das Bühnenbild. Die Szenerie erinnert mehr als einmal an den japanischen Film „The Ring“. Rachel Keller sehr ähnlich sieht es aus, wenn Dillon ihre Arme hebt und sich ihre Silhouette in den hell ausgeleuchteten Nebelschwaden abzeichnet. Dillons Düster-Techno ist das Gegenstück zur gute Laune Musik der Düsseldorfer, beide Bands passen aber irgendwie wunderbar zusammen und geben so das große Musikverständnis des Veranstalters wider, beide Künstlergruppen nacheinander auftreten zu lassen. Gut gemacht, New Fall Festival!
Dillon hat eine tolle Stimme. Kate Bush, Björk, so die spontan aufkommenden Vergleiche. Während des Konzert bin ich hin und weg von ihrem Gesang. Zusammen mit dem ein oder anderen technoiden Stumpfbeat gibt das eine mal melancholisch schaurige mal aufkratzend tanzbare Stimmung. Und genau zwischen diesen beiden Enden pendelt das Konzert, und ist dabei immer ummantelt von Dunkelheit.
Ich merke mir keine Setlisten oder Songs (weil ich es nicht kann), aber zwei Stücke gingen mir anschließend nicht mehr aus dem Kopf. „Thirteen thirty-five“ und „Abrupt clarity“, die jeweils auch noch zufälligerweise zu den beiden Stimmungsenden gehören. Leider wird das eigentlich auch schöne „Tip Tapping“ durch die unnötige Mitsing- Aufforderung stark abgeschwächt und verliert so viel von seiner Faszination. Wegen meiner muss man das so nicht machen, Frau Dillon.
Im Ganzen kann dieser Ausrutscher den Abend jedoch nicht vermiesen. Zu überzeugend und beeindruckend war das bis dahin gesehen und gehörte. Ein abschließendes „Undying need to scream“ und der Abend im Robert-Schumann-Saal des Kunstmuseums war beendet.
Applaus! Ich hoffe auf ein New Fall 2013.

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