Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Vorband: Farida Amadou

Ein geschenktes Konzert. Manchmal gewinne auch ich bei Verlosungen. Das ist zwar selten, aber ich möchte mich nicht beklagen. Mein bester Gewinn (und nahezu mein einziger) war eine Dauerkarte für die Tischtennis-WM in Dortmund 1990. Experten erinnern sich: Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner wurden überraschend Doppelweltmeister. Gut, dass ich zwei Wochen zuvor meine Führerscheinprüfung bestanden hatte und so die Osterferien nicht für Abiturvorbereitungen nutzen musste, sondern jeden Tag nach Dortmund in die Westfalenhalle fahren konnte. Dort verbrachte ich dann zehn bis zwölf Stunden. Ganze 14 Tage lang, wenn ich mich richtig erinnere. Die besten Osterferien meiner Schulzeit. Wie das mit dem Abilernen lief, ehrlich, daran habe ich keine Erinnerungen mehr.

Diese Woche hatte ich erneut Glück und gewann Tickets für das Scott Matthew Konzert im Kölner Stadtgarten. Es ist mein drittes Konzert innerhalb dieser Woche. Wow, fast wie in alten Zeiten. Und ja, ich glaube, ich bin noch nicht zu alt für den Kram. Scott Matthew. Singersongwriter. Mehr kann ich nicht sagen. Nicht zu verwechseln mit Scott Matthews (auch Singersongwriter, aber ein s mehr im Namen) oder John Fitzsimmons (auch Bartträger und Singersongwriter). Für Leute wie mich, die nicht 100% den Überblick in der Singersongwriterabteilung haben, ist es mitunter schwierig, bei den einzelnen Musikern nicht durcheinanderzukommen. Soweit meine Dummheit und meine Ahnungslosigkeit.

Scott Matthew. Wikipedia beschreibt sein Rüstzeug wie folgt:

Seine Stimme wird als warm, sinnlich und ein wenig androgyn bezeichnet. Er ist ein fähiger Gitarrist und Ukulele-Spieler.

Wenn ich nicht weiterweiß, frage ich Wikipedia. Ob mir allerdings diese Aussage nützt, ich habe Zweifel. Immerhin lerne ich, dass Scott Matthew seit 2005 eine Vielzahl an Alben veröffentlicht hat und einige Filmsoundtracks mitzuverantworten hat. Seine Setlist an diesem Abend besteht hauptsächlich aus Songs des Filmsoundtracks zu Shortbus und aus Liedern seiner ersten beiden Alben Scott Matthew und There Is an ocean that divides and with my longing I can charge it with a voltage that’s so violent to cross it could mean death. (Himmel, was für ein Albumtitel!). Ach ja, und Coverversionen. 2013 veröffentlichte er ein ganzes Coveralbum. Die vier Cover, die die drei Musiker*innen spielen, “Harvest Moon”, “Anarchy in the UK”, “I don’t want to talk about it” und “I wanna dance with somebody” stammen alle von Unlearned.

Der Coversongteil ist sowas wie der zweite Block an diesem Abend. Es ist das Sahnetüpfelchen auf ein bis dahin ruhiges, ausgewogenes und mitunter andächtiges Konzert. Nachdem Whitney Houston mit launigen Singalong Momenten gebührend bedacht wurde, wurde es in der Zugabe mit “Harvest Moon” nochmal etwas ruhiger. Und es zeigt, was mir völlig unbekannt war. Scott Matthew hat eine unglaubliche Bandbreite in seinem Songfundus, die ich so bei einem Künstler selten gehört habe. Klar, hier und da mal eine Coverversion, aber dann gleich Neil Young, Rod Stewart und Whitney Houston mit den Sex Pistols zusammenzubringen, finde ich schon ungewöhnlich. Und gefährlich. Denn wenn es nicht gut, ist es wie ein Auftritt einer Coverband auf irgendeiner Party: es ist nicht gut. Doch Scott Matthew hat es drauf, definitiv. Ich denke, eine seiner Stärken ist es, dass er die fremden Songs nicht nur zitiert. Er überführt sie vielmehr in seinen eigenen musikalischen Kontext und macht daraus viel mehr als nur Coversongs. Ja, dieser zweite Konzertblock war ungewöhnlich und bemerkenswert, er hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Ungewöhnlich finde ich auch, dass Bandmitglieder ihre eigenen Songs spielen dürfen. Das hat was Jazziges. Man stelle sich vor, Scott Kannberg spiele in einem Pavement Konzert Spiral-Stairs oder Preston School of industry Sachen. Also ich fänd’s gut, aber erstaunen würde es mich schon. Scott Matthew gibt seinen beiden Mitmusikern die Zeit und den Raum. Und so singt Marisol Limon Martinez ihren “Pirate Song” und Sam Taylor das bisher noch nicht veröffentlichte “Cruel tongue”. Beide Musiker*innen sind übrigens langjährige Tourbegleitungen.

Die Stimmung ist ausgeglichen und lustig-locker. Das alles passt in die Gemütlichkeit des Abends, der in Summe ein Abend voller Balladen ist. Die Stimme von Scott Matthew ist wunderschön, die Melodien leise und eindringlich. Cello, Klavier, Gitarre und Ukulele sind die Instrumente, die zum Einsatz kommen. 
Der Stadtgarten ist entgegen der Ankündigung bestuhlt. Als wir kurz vor 20 Uhr eintreffen, sind bis auf zwei, drei Plätze alle besetzt. Es bleibt nur noch die Galerie. Okay, sitzen wäre sicher entspannter, aber da keine Vorband gebucht ist, sollte es auch im Stehen funktionieren. Nach gut 90 Minuten ist das Konzert vorbei, der Wein, der auf dem kleinen Beistelltischchen steht, ausgetrunken. Mehr geht nicht, mehr wäre vielleicht auch zu viel. Wenn es am schönsten ist, sollte Schluss sein.

Setlist:
01: Amputee
02: German
03: The Wish
04: Little Bird
05: Community
06: White Horse
07: Pirate Song
08: Friends and Foes
09: The Wonder of falling in love
10: Cruel Tongue
11: For Dick
12: Surgery
13: Sinking
14: In the End
15: I wanna dance with somebody
Zugabe:
16: I don’t want to talk about it
17: Harvest Moon
Zugabe II:
18: Anarchy in the UK

Kontextkonzerte: