| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Artheater, Köln
Vorband:

Seitdem ich Channy Leaneagh zusammen mit dem stargaze Ensemble Poliça Songs habe spielen sehen, bin ich großer Fan. Ein paar Jahre ist das her. Damals in Eindhoven, Himmel das war sehr großes Kino. Die eher in Elektrobeats gehüllten Songs hinterließen auf großer Bühne und mit starkem Instrumentenaufgebot einen verdammt mächtigen Eindruck auf mich. Das war toll, eines der besten Auftritte, die ich gesehen habe. Die beiden ‘normalen‘ Poliça Konzerte waren dagegen nicht nichts, aber sie konnten natürlich nie so gut sein wie dieses und sind mir folgerichtig nicht so stark in meiner Erinnerung. Poliça mit dem stargaze Ensemble, das überstrahlt alles.
Ein bisschen überrascht war ich über die Ankündigung des Konzertes für das Artheater. Mhh, bisschen klein, denke ich, oder?! Obwohl, mir fällt ein, das letzte Luxor Konzert war auch nicht gerade überzeugend besucht. Grundsätzlich stellte ich mir jedoch die Frage, ob Poliça wirklich so tief unter dem Radar fliegt, dass sie in so kleinen Läden spielt. Erinnern wir uns doch nur kurz an die Kulturkirche 2014 und an das Theater in Eindhoven, doppelt bis dreifach so groß.
Die nächste Überraschung bekam ich im Laufe des Tages gerade noch so mit: Konzertbeginn 19 Uhr. Puh, Rock’n’Roll ist anders. Aber für Menschen meines Alters mit regulärem Job und frühem Arbeitsbeginn ist das perfekter Rock’n’Roll. Nichtsdestotrotz, ein Hauch von After work Party (ich verbinde damit nichts Positives) schwingt mit, als ich mich auf den Weg mache.
Obwohl ich mich beeile, ich bin nicht pünktlich. Dustin Zahn im Vorprogramm verpasse ich komplett. Ich sehe ihn erstmals zur Zugabe, als er bei einem Song an den Keyboards mithilft. (Am neuen Poliça Album When we stay alive hat Dustin Zahn mitgearbeitet, daher die Verbindung).

Bis dahin standen Poliça zu viert auf der Bühne. Channy Leaneagh, die an diesem Tag ihren Geburtstag feiert (Instagram Wissen), Bassist Chris Bierden und die beiden Schlagzeuger Drew Christopherson und Ben Ivascu. Es ist damit die gleiche Truppe, die ich auf den letzten Touren zu sehen bekam. Wichtiges fünftes Bandmitglied ist die Beatmaschine. Ihre Hilfe wird bei jedem Song benötigt. Ohne sie kein Discofeeling und ohne sie kein elektronischer Indie-Pop; zwei Musikrichtungen, an die ich bei diesem Konzert oft denken muss.

Es ist bereits die fünfte Platte, dass Poliça veröffentlich haben. Und es ist – so finde ich – ihr synthielastigstes und poppigstes Album. When we stay alive ist nicht mehr so düster und vertrackt, und hat damit leider die Nebenwirkung, dass es weniger spannend und interessant rüberkommt. Es ist kein schlechtes Album, beim zaghaften Hören entdeckte ich den ein oder anderen Hit („Steady“), aber es klingt für mich anders als die älteren Alben und ja, ich bin darüber ein bisschen enttäuscht. Mit einer Ausnahme: „Driving“. Beim ersten Song des Albums haben Poliça da weitergemacht, wo sie bei früheren Songs aufgehört haben. Triphop, dunkle Beats, Wave. In weiteren Songs ist dann davon leider weniger zu spüren. Enttäuscht bin ich auch deshalb, weil das Vorgängeralbum Music for the long emergency für mich ein Meilenstein darstellt und eine der besten Platten des Jahrzehnts ist. Ich hatte gehofft, Poliça könnten daran anknüpfen.

„Lime habit“ fluppt gut. Der Song von United crushers ist mein Ticket in das Konzert. Die am Bühnenrand postierten Laserlichter geben alles, Disco macht sich breit. Bis halb zehn wird sich daran nicht viel ändern. Wie auch, die Songs von When we stay alive bilden das Gerüst der Setlist, und die älteren Stücke kommen gegen die Grundstimmung Dance/Pop nicht an. „Dark star“ haben sie in einen techno-dance Mix Mantel gepackt, der nicht mehr an den ursprünglichen Sound erinnert, „Forget me now“ und „Steady“ erscheinen mir noch poppiger als auf Platte. Dazu unterlegt der Synthiebeat unaufgeregt den Gesang, die beiden Schlagzeuger spielen ruhig und taktvoll.
Es ist ein Konzert der schönen Melodien, der nicht zu heftigen Beats und ohne rabiate Brüche. Also eigentlich genau richtig für eine After work Party. Da möchte man auch nur zu schönen Klängen entspannen, ein bisschen was trinken, tanzen und gut. Ja, ich bin sarkastisch. Und ja, ich bin nicht voll zufrieden. Natürlich ist das alles nett und schön und auf eine gewisse Art macht es mir auch Spaß, hier zu sein. Aber ein bisschen mehr Spannung hätte ich mir doch gewünscht. Und „Chain my name“! das spielen sie nämlich nicht.

Sie fühle sich unwohl, wenn jemand permanent seine Kamera auf sie richte und meint damit den älteren Herren, der auffällig unauffällig seine Systemkamera in Hüfthöhe hält, unter seinen Brillengläsern drunter her auf den Monitor schaut und gefühlt jeden zweiten Song aufzeichnet. Sicherlich mache er das, weil ein Freund leider nicht zum Konzert mitkommen kann, aber doch etwas vom Konzert mitbekommen möchte. Sie hoffe, er habe beim Streaming Spaß am Konzert. Channy Leaneagh klingt dabei leicht angenervt. Ich meine mich zu erinnern, dass sie sich auch bei früheren Konzerten über Filmereien geäußert hat.

Auch nach diesem Konzert wird mir nur der Poliça Auftritt in Eindhoven in Erinnerung bleiben. Schade.

Kontextkonzerte:
Poliça – Crosslinx Festival Eindhoven, 02.03.2018
Poliça – Köln, 27.10.2016 / Luxor
Poliça – Köln, 28.01.2014 / Kulturkirche Nippes