Ort: Cultuurcentrum Hasselt, Hasselt
Vorband: Mick Harvey & Amanda Acevedo

Mercury Rev - Hasselt, 20.10.2026

‘Was macht der denn hier?’ fragen wir uns erstaunt, als wir im Cultuurcentrum Hasselt an den Merchtisch kommen. Dort steht ein uns bekannter Musiker, verkauft ein paar seiner CDs und unterhält sich mit Mick Harvey. Mh, Georgio Valentino steht doch an diesem Abend gar nicht auf der Künstlerliste. Mick Harvey mit Amanda Acevedo und Mercury Rev lauten die Ansetzungen für diesen Abend. Unsere Gedanken tappen im Dunkeln, wir sind ein bisschen irritiert, vermuten aber, dass er bei einer der beiden Bands als Aushilfsgitarrist mitwirkt.
Ach ja, Georgio Valentino muss man nicht kennen. Wir sahen ihn die letzten Jahre zweimal eher zufällig als Compagnon von Blaine L. Reininger und im Vorprogramm und als Gitarrist bei Tuxedomoon. Jedes Mal fiel er mir durch sein sehr markantes, auch weil lautes, Gitarrenspiel auf. Und tatsächlich, während wir die Plätze einnehmen und auf Mick Harvey & Amanda Acevedo warten, bringt Georgio Valentino direkt vor uns sein Keyboard und die Gitarrenpedals in Stellung. Ahh, okay, hier spielt er also mit und unterstützt. Wieso und warum erschließt sich mir nicht so ganz. ‘Aber na gut, schaden kann es nicht’  denke ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnend, dass ich gut 20 Minuten später anders denken werde.

Denn bereits mit seinen ersten Gitarrentönen wird mir klar, dass ich an diesem Abend von Mick Harvey & Amanda Acevedo kaum was hören werde. Ich sitze direkt vor der Monitorbox von Georgio Valentino und höre nur sein Gitarrenspiel. Und das sehr laut. Zu laut, um eines der anderen Instrumente oder gar den ruhigen Gesang wahrnehmen zu können. Keine Chance diesbezüglich. So ist das halt, wenn man in der ersten Reihe sitzt und gefühlt mit Körperkontakt zu den Musikern ein Konzert erlebt. Was willste machen? Nun, umsetzen zum Beispiel, wie es ein Zuschauer drei Plätze weiter macht. Aber dazu hatte ich irgendwie keine Lust. Ich hoffe vielmehr darauf, dass die Aussteuerung nach dem ersten Song besser wird (wurde sie ein wenig) und vielleicht nicht in jedem Song die Georgio Valentino Gitarre benötigt wird (was in der Tat zutrifft, in einigen Stücken spielt er Keyboard oder zupfte nur leicht an den Gitarrensaiten). Es wird also besser.

Mick Harvey kannte ich vorher nicht. Ich ließ mich aber belehren, dass er ein alter Kumpel von Nick Cave sei und in den frühen 1980er Jahren zusammen mit Nick Cave und Blixa Bargeld die Bad Seeds gegründet hat. Zuvor spielte er bereits mit seinem Schulkumpel in The Birthday Party und hat auch später noch das ein oder andere Album zusammen mit Nick Cave produziert. Soviel zum Hintergrund.
Natürlich kenne ich nichts von dem Australier. Dessen aktuelles Projekt ist die Zusammenarbeit mit der mexikanischen Sängerin Amanda Acevedo. Zusammen haben sie mittlerweile drei Alben produziert, ihr aktuelles Album ist Psychedelia in white. Auf Einladung von Mercury Rev bestreiten sie das Vorprogramm der aktuellen 25 years of All is dream Tour. Optisch und musikalisch passt das ganz gut zusammen. Das Konzert der drei Musiker – einen Schlagzeuger haben nicht dabei – ist streckenweise ganz nett und vor allem dann für mich immer gut hörbar, wenn die Gitarre von Georgio Valentino nicht so prominent in den Vordergrund rückt. Ich finde die nach Desert Rock klingenden Folk-/Americana Songs des Trios durchaus hörbar. Um mir aber ein endgültiges Urteil über die Songs bilden zu können, müsste ich mir die Platte anhören. Live sind weder der Gesang von Mick Harvey noch die doch sehr sanfte und mitunter leise Stimme von Amanda Acevedo für mich gut wahrzunehmen. Positiv hängen bleibt „Night of the Blues“, das mich an Songs von Bill Callahan und Konsorten denken lässt.

Es folgt eine Umbaupause, bevor Mercury Rev auf die Bühne kommen. Es ist die bekannte Formation mit den beiden Mercury Rev Urgesteinen Jonathan Donahue und Sean ‘Grasshopper’ Mackowiak an der Gitarre sowie Frau Donahue Marion Genser am Keyboard und dem ex-Midlake’er Jesse Chandler an Keyboard und Saxophon. Am Schlagzeug sitzt wie vor zwei Jahren im Kölner Artheater Bob Ross a.k.a. Joe Magistro.
Im Vorfeld war mir nicht ganz klar, wie viele Leute Mercury Rev in Hasselt hinter dem Ofen hervorlocken. Es sind dann doch einige, wie ich beim Schulterblick in den Saal sehe. Natürlich sind nicht alle Plätze des gut 800 Leute fassenden Theatersaals besetzt, aber so 250 bis 300 davon sind schon belegt. Ich denke, damit können Mercury Rev an diesem Dienstagabend gut leben, es ist so ungefähr die Größenordnung des Artheaters und der anderen Konzertsäle, die die Band so bespielt. Peinlich leer wirkt es immerhin nicht.

Die Mercury Rev Tour trägt den Untertitel 25 years of All is dream. Da liegt es nahe zu denken, okay, sie spielen zu diesem Jubiläum das Album. Überraschenderweise machen das Mercury Rev aber nicht. Eigentlich, so mein Eindruck, hat das Konzert mit All is dream relativ wenig zu tun. Gerade einmal fünf der 10 Albumsongs schaffen es auf die Setlist. Damit besteht die Setlist noch nicht einmal zur Hälfte aus All is dream Songs. Es ist im Prinzip ein ganz normales Mercury Rev Konzert, das alle Phasen der Bandgeschichte abbildet. Find’ ich bei dem Touruntertitel etwas merkwürdig, aber gut. Mercury Rev nehmen das 25jährige Jubiläum ihres fünften Studioalbums quasi nur zum Anlass, diese Tour zu spielen. Nichtsdestotrotz, schön ist es allemal. Gefühlt ähnelt die Setlist der aus dem Jahr in Köln, ich erkenne einige Songs wieder. Ich muss aber dazusagen, dass ich kein allzu großer Mercury Rev Fan bin. 1998 war Deserter’s Songs mein Einstieg in Mercury Rev, und gleichzeitig auch irgendwie mein Ausstieg. Ich kenne die Songs also hauptsächlich von Konzerten. Aber ich mag Mercury Rev Konzerte. Grasshoppers Gitarrenspiel finde ich phänomenal und die neo-psychodelischen und mitunter sehr bombastisch klingenden Sounds kann ich live sehr gut hören. Die Keyboards, das Saxophon und der sehr markante und pathetisch anmutende Gesang von Jonathan Donahue haben schon das gewisse Etwas. Und so entwickelt auch dieses Konzert direkt mit den ersten Songs seine eigene Dynamik. Das Medley „Hercules / There’s always been a bird In me“ gleich zu Beginn ist einfach toll anzuhören und die beiden Riesenhits „Holes“ und „Goddess on a Hiway“ sind auch 2026 noch verdammt gute Livesongs. „The dark is rising“, „Tides of the moon“ und „Lincoln’s eyes“ von All is dream in ihren vollen Längen und ihrer vollen Schönheit setzen weitere Ausrufezeichen.
Auf der Setlist stehen zwar nur 12 Songs, die Konzertdauer reicht aber trotzdem an die 90 Minuten Marke. Wie gesagt, Mercury Rev mögen den Bombast. Und im Theater des Cultuurcentrums kommt der voll zum Tragen. Da darf dann auch das Blade Runner Thema „Tears in rain“ von Vangelis nicht fehlen; das spielen sie in Kombination mit ihrem eigenen Song „Runaway raindrop“. Noch so ein düsteres Bombast-Brett!
Natürlich ist auch jetzt die direkt vor mir gespielte Gitarre am lautesten, aber da auch alle anderen Instrumente lauter ausgesteuert sind als bei Mick Harvey, stört das jetzt nicht ganz so sehr. Optimaler wäre dennoch ein Sitzplatz weiter hinten, aber wie schon gesagt, aufstehen und umsetzen ist auch blöd. Was mag da die Band denken? Dann doch lieber Sean Mackowiak aus nächster Nähe bei der Arbeit zusehen.

I’ve seen things you people wouldn’t believe…

Ein toller Konzertabend und erneut ein schöner Ausflug nach Hasselt. Unterschätzt mir das dortige Cultuurcentrum nicht. Weder musikalisch, noch kulinarisch. Die Bitterballen im Theatercafé sind allerhöchste Kategorie.

Setlist:
01: The funny bird
02: Hercules / There’s always been a bird In me
03: Lincoln’s eyes
04: She cracked
05: Dream of a young girl as a flower
06: Patterns
07: Runaway raindrop / Tears in rain
08: Ancient love
09: Tides of the moon
10: Holes
11: Goddess on a Hiway
12: The dark Is rising

Kontextkonzerte:
Mercury Rev – Köln, 21.03.2025 / Artheater
Mercury Rev – Little Waves Festival Genk, 14.04.2018
Mercury Rev – Primavera Sound Barcelona, 28.05.2011

Schreibe einen Kommentar