Ort: Luxor, Köln
Vorband: Emperor X

Lucy Dacus - Köln, 31.08.2022

Das letzte Mal, als ich um diese Uhrzeit im Zug saß, endete meine Fahrt abrupt auf halber Strecke. ‘Personen im Gleis’ lautete die schmallippige Durchsage des Zugführers. Immerhin sorgte sein breiter rheinisch-eiflerischer Dialekt ein bisschen Heiterkeit. Aus 10 Minuten wurden 15 Minuten wurden über eine halbe Stunde. Und so sorgten die Personen im Gleis (wäre doch auch ein feiner Bandname für eine Deutschrockband) dafür, dass mein Zug die Weiterfahrt nicht nur unterbrechen musste, sondern sie komplett abbrach und wieder zurückfuhr. Da auch der nächste Zug ausfiel, verpasste ich an diesem Abend das Konzert von Torres im Bumann & SOHN. Schade.

Dieses Problem habe ich an diesem Abend nicht. Stattdessen habe ich ein anderes. Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, welches Konzert ich an diesem Abend sehen möchte: ist es Protomartyr im Gebäude 9 oder ist es Lucy Dacus im Luxor? Letztlich entschied ich mich aus reiner Bequemlichkeit für das Luxor und für Lucy Dacus.  Musikalisch hatte ich keinen Favoriten. Die Liste der rationalen Pros und Contras endete unentschieden. Das Luxor liegt näher am Bahnhof, was einem kürzeren Fußweg gleichkommt. Ehrlich gesagt, ich hätte beide Konzerte sehr gerne besucht. Aber das geht ja nicht. Physik und so.

Also Lucy Dacus. 2019 sah ich sie auf dem Primavera Sound Festival und ich war sehr angetan. Ihr Indiepoprock war charmant, das Cover „La vie en rose“ außergewöhnlich gut. Ihre damalige Single „Night shift“ wurde sowas wie mein Festivallieblingslied. Nach dem Konzert kaufte ich direkt ihr aktuelles Album Historian.

Per Audioansage, die vom Band eingespielt wird, bittet Lucy Dacus alle Besucher darum, während des Konzertes Mundschutz zu tragen. Konzerte im Spätherbst 2022 beginnen so. Ich glaube, ich werde das in diesem Herbst noch des Öfteren hören.  Die Worte ihrer Chefin unterstützend verteilt ihre Tourmanagerin medizinische Masken an diejenigen, die keine dabeihaben. So kann sich nun wirklich niemand herausreden. Das ist gut und nachdem zuvor die aufgeklebten Hinweisschilder an den Wänden des Luxors noch von vielen ignoriert wurden, kramen jetzt – soweit ich das sehen konnte – alle ihren Mundschutz hervor und setzen ihn auf. Gut so. Mir ist vorher schon aufgefallen, dass der Bühnenbereich mit einem Sperrgitter und Instrumentenboxen nicht direkt zugänglich gemacht worden ist. Zwischen Bühne und Publikum bleibt an beiden Seiten ein gut ein Meter breites Gap. Im Kontext der Ansage und der Verteilung der Masken vermute ich, ein Wunsch der Band nach etwas mehr Abstand.

Das Luxor ist bereits gut gefüllt als Emperor X die Bühne betritt. Der amerikanische Singer/Songwriter überrascht mit sehr guten Deutschkenntnissen und einer interessanten Performance, die mich ein bisschen an Kleenax Girl Wonder erinnert. Der ehemalige Hochschullehrer Chad R. Matheny steht mit seiner Akustikgitarre am abgeknickten Mikrofon und schreit seine Texte mehr als er sie singt. Eine gute halbe Stunde lang schreit und spielt und schreit und spielt und flüstert und erzählt Emperor X seine Geschichten. Das hat eine gewisse Wucht, in vielen Momenten reichlich Charme und in den weniger lauten Augenblicken ist das wunderbar anzuhören. Die Mischung ist gut, die Texte offensichtlich lakonisch und nice. Seine Veröffentlichungen betitelt er mit Namen wie Several new songs in various digital formats oder 10,000-Year Earworm to discourage resettlement near nuclear waste repositories. Ein interessanter Künstler.

Lucy Dacus lässt es rocken. Indierocken. Mit ordentlich viel Gitarren. „Triple dog dare“ als Opener weist unmissverständlich den Weg. Das Versprechen nach einem richtig schönen old School Indierockpop Konzert wird in den nächsten anderthalb Stunden nicht gebrochen. Die Songs sind neu und stammen bis auf drei Ausnahmen vom aktuellen Album Home Video. Die Ausnahmen sind „Nonbeliever“ und „Night shift“ (von Historian – dem einzigen Album, das ich von Lucy Dacus kenne) und „I don’t wanna be funny anymore“ der einzige Song vom Debütalbum.

Bekanntermaßen handeln die Songs auf Home Video über Erinnerungen und Gedanken aus ihren Coming of Age-Jahren, die Songtexte sind meist autobiografisch. In „Partner in crime“ bettelt sie zum Beispiel mit leichtem Autotune in der Stimme um die Aufmerksamkeit einer Person. In „Christine” erzählt sie die Geschichte einer Freundin, deren bevorstehende Hochzeit sich als falsch herausstellen könnte. Die Textzeile

He can be nice, sometimes
Other nights, you admit he’s not what you had in mind
All in all, nobody’s perfect
There may be better, but you don’t feel worth it
That’s where we disagree

findet um mich herum viel Zustimmung und wird überzeugt mitgesungen. Oft gibt es auch Applaus auf offener Szene, wobei ich mich frage, warum gerade jetzt. Das alles und die Songs live vorgetragen wirkt auf mich erfrischend ehrlich und aufrichtig, manchmal auch bittersüß nachdenklich.
Der Abend ist für viele eine sehr emotionale Geschichte, die ihren Peak bei „Thumbs“ erreicht. Der Song nimmt mit, ist schwer und bedrückend. Das spüre sogar ich, der diesen Song nun nicht wirklich in- und auswendig kennt und weit davon entfernt ist zu behaupten, es sei mir ein wichtiger Song. Links und rechts werden Taschentücher gezückt, Hände wischen über die Augen. Die Ballade ist der ruhigste und aufgeladenste Moment des Konzertes. Nach dem Song ist es für einen Augenblick ruhig. Ergreifend ruhig. Der Kloß im Hals muss erstmal weg. Lucy Dacus und das Luxor atmen gemeinsam tief durch. Und das nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich. Diese gemeinsame Emotionalität schweißt zusammen, verbindet die Musiker mit dem Publikum und macht den Abend für viele zu einem besonderen Abend. Auch für mich.
Puh, sacken lassen. Weitermachen. Gerne auch etwas erfrischender und leichter.

Das wird gemacht, mit „Going going gone“. Den Backgroundchor, der auf Platte zu hören ist, übernimmt live die Band. Die Kumpaninnen Julien Baker und Phoebe Bridgers und all‘ die anderen, die auf CD im Chor zu hören sind, sind an diesem Abend ja nicht mit dabei. Aber nicht aus diesem Grund wird „Going going gone“ zu einem weiteren besonderen Moment an diesem Abend. Im Luxor wurden vor Konzertbeginn selbstgebastelte kleine Papiersternchen verteilt, die mit der klaren Anweisung ‘hochhalten zur 2. Strophe von „Going going gone“’ bezeichnet waren. Und so ist das Luxor zur zweiten Strophe auf einmal voller Papiersterne, denn nahezu alle machen mit und halten ihren Stern in die Höhe. Eine grandiose Choreographie, eine große Überraschung. Die Band ist perplex, Lucy Dacus kommt gar kurz aus dem Takt. ‘Let’s make a photo’, sagt sie schnell zu ihrer Keyboarderin, ‘or better a short film’ und posiert mit einem Daumen hoch vor den ersten Reihen. Ich weiß nicht, wer oder welcher Fanclub das geplant hat, aber es war eine tolle Idee.

Im Anschluss folgt mit „Brandon“ der poppigste Song des Abends. Ach ne, das Cher Cover „Believe“ kommt ja auch noch. Im Gegensatz zu den anderen Lucy Dacus Coversongs überzeugt mich „Believe“ an diesem Abend leider nicht; ich finde, es ist der schwächste Song des Abends. Was durchaus als Kompliment für die anderen – eigenen – Songs gewertet werden kann. Damit ist das Konzert so gut wie rum. Ganz zum Schluss spielt sie solo einen scheinbar neuen, noch unveröffentlichten Song, denn sie bittet darum, ihn nicht aufzuzeichnen. „Bus“ bildet den Abschluss des gut 80-minütigen Konzertes. 

Der Abend war großartig und es war definitiv nicht meine schlechteste Idee, hierher zu fahren. Aber das hätte ich beim Besuch des Protomartyr Konzertes sicherlich auch gesagt. Jetzt denke ich erstmal, dass das Lucy Dacus Konzert der bessere Abend war.

Setlist:
01: Triple dog dare
02: First time
03: Addictions
04: Hot & heavy
05: Christine
06: VBS
07: Nonbeliever
08: Partner in crime
09: Fool’s gold
10: Thumbs
11: Going going gone
12: Brando
13: Please stay
14: I don’t wanna be funny anymore
15: Kissing lessons
16: Night shift
Zugabe
17: Believe
18: Bus

Kontextkonzerte:
Lucy Dacus – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2019