Ort: Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Vorband: Maximilian Tanner

John Maus - Köln, 19.11.2025

John Maus ist ein rätselhafter Musiker. Es ist mein insgesamt viertes John Maus Konzert, aber ich habe weiterhin Fragen: Wieso ist das alles so, wie es ist? Warum sind alle mit einer Konzertdauer von 1 Stunde zufrieden? Wieso ist zur Hälfte der Tour schon der gesamte Merch weg? (Oder gab es nie welchen?) Warum bin ich nach jedem seiner Konzerte so fasziniert und sprachlos? Sind die Konzerte eigentlich im Vollplayback oder nicht?

Ohne Zweifel, ein John Maus Konzert beeindruckt mich. Und genau das ist auch der Grund, warum ich mir fuer dieses Konzert ein Ticket gekauft habe. Seine beiden letzten Konzerte, die ich von ihm sah, waren so verstörend beeindruckend, dass ich ohne zu zögern erneut zugriff. Mal ganz abgesehen davon, dass John Maus in den letzten Jahren nun nicht wirklich regelmäßig auf Tour war und man besser jede Gelegenheit wahrnimmt, ihn zu sehen. Das dachten wohl auch andere, denn zu meiner Überraschung ist das Konzert im Bahnhof Club Ehrenfeld mit sold-out geflaggt. Damit hätte ich nicht unbedingt gerechnet, ich spekulierte eher auf einen lausigen, nasskalten, trostlosen Abend. Also genau so, wie ich mir Bildsequenzen zu den Synthiesounds des Amerikaners vorstelle. Denn der John Maus Minimalsynthie wirkt auf mich sehr kühl, distanziert und manchmal sehr bedrohlich.

Aber denkste, das Konzert war das Gegenteil von alledem. Obwohl die Tour und damit auch dieses Konzert John Maus’ aktuelles Album Later than you think – das erste seit acht Jahren – promotet, stehen nur sechs Songs aus dem Album auf der Playlist. Für Menschen wie mich, die grundsätzlich neue Platten erst nach Wochen/ Monaten hören, also ein Konzert, das viel Bekanntes mitbringt. Allen voran „Bennington“, den vielleicht größten John Maus Song, oder seinen zweitgrößten Hit „Cop Killer“ und den drittplatzierten „…and the rain“. Aber auch ein paar andere Tracks sind mir nicht unbekannt. Im Club Bahnhof Ehrenfeld war ich lange nicht mehr. Ich hatte ganz vergessen, dass die Bühnenhöhe des schönen und übersichtlichen kleinen Ladens belgisches Höhenniveau aufweist. Sie ist fast auf Schulterniveau. Drei, vier Treppenstufen führen zu ihr hinauf.

Um kurz nach 21 Uhr kommt John Maus die Treppenstufen aus dem Untergeschoss nach oben. Konzertbeginn mit „My whole world is coming apart“ vom zweiten John Maus Album Love is real. Es fängt gemächlich und poppig an. Die nachfolgenden „Because we built it“ und „No title (Molly)“ schieben dann den Bass in den Vordergrund und der Bariton von John Maus klingt hier so, wie ich ihn kenne: düster und bedrohlich. Ian Curtis lässt grüßen. Langsam kommt John Maus in seinen Rhythmus und seine Performance (so nenn’ ich das jetzt mal) in Fahrt. Ermacht jetzt das, was er immer macht. Er rennt, springt und fuchtelt wie irre mit seinen Armen. Nach noch nicht einmal einer halben Stunde – also knapp zur Hälfte des Konzertes – tropft der Schweiß vom Ellenbogen. Und zwar ordentlich in schneller Tropfenreihenfolge. Sein blaues Hemd ist zu diesem Zeitpunkt schon längst durchgeschwitzt.
Eine seiner zwei kleinen Wasserflaschen hat er zur Hälfte neben seinem Laptop ausgeschüttet. Nach jedem Song packt er mit seiner linken Hand in die Wasserpfütze und wischt sich anschließend mit der Hand durchs Gesicht. Mit der anderen Hand bedient er im Anschluss sein Macbook Pro und scrollt in der Playlist einen Song weiter. Die einzelnen Tracks sind hellrosa hinterlegt.
Manch einer mag denken, wat jitt dat? wat soll dä driss? Wieso rennt er jetzt auch noch im Kreis über die Buehne, macht Sit-ups (ich glaube, die Gymnastikübung während „Pick it up“ nennt sich so) und schattenboxt wie weiland Rocky Balboa? Auch ich dachte nach meinem ersten John Maus Konzert, was fuer ein komischer Kauz. Spielt seine Playlist vom Macbook ab und macht dazu im Vollplayback ein bisschen Bühnenperformance. Ja, das macht er. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Denn mit welcher Wucht und Intensität er das macht, davon war ich eben auch beeindruckt und in einer gewissen Art und Weise fasziniert.

I’ve always struggled with sleep and motivation and crazy feelings and emotions that just seem overwhelming. So I tried to share a little bit of that cruel insanity with people.

sagte John Maus vor vielen Jahren in einem Interview über sich und seine Musik.
Und genau diese Intensität macht John Maus Konzerte aus. Er ist dadurch zu einem Bühnenphänomen, dem man sich als Zuschauer nur schwer entziehen kann. Auch an diesem Abend nicht. Die 17 Songs lange Playback Show bot genau das, was man von John Maus Konzerten erwarten kann: totales Auspowern in therapeutischer Dosis. Und die ist an diesem Abend sehr hoch dosiert.

Im Vorprogramm spielt Maximilian Tanner, der eine ähnliche Vorgehensweise beim Musikmachen bevorzugt. Allerdings steht sein Laptop auf einem kleinen Podest und seine Songs erinnern mich mehr an Nation of language als an Blade Runner. Das hatte ich mir jedoch interessanter vorgestellt, als es die gut dreißig Minuten dann waren. Sein Synthiepop wirkte für mich an diesem Abend nicht so richtig.

Nach dem Konzert warte ich noch kurz am Merchstand, bevor ich mich verabschiede. Dort liegen eine Handvoll Pins. Ist das der Merch? Es scheint so, als hätten die vorherigen Konzerte den gesamten Merchbestand aufgebraucht. Schade, ein John Maus T-Shirt hätte ich gerne mitgenommen.

Setlist:
01: My whole world’s coming apart
02: Because we built it
03: No title (Molly)
04: Decide decide
05: …and the rain
06: Came & Got
07: Rights for gays
08: The combine
09: Streetlight
10: Time to die
11: Do your best
12: Disappears
13: Keep pushing on
14: Bennington
15: I hate Antichrist
16: Just wait til next year
17: Cop killer
18: Pick it up
19: Pets
Zugabe:
20: Adorabo
21: Believer

Kontextkonzerte:
John Maus – Luxemburg, 13.08.2024 / Rotondes
John Maus – BIME Live Festival Bilbao, 26. – 27.10.2018
John Maus – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05. – 02.06.2018

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