Ort: Luxor, Köln
Vorband: Bellchild
Chk Chk Chk oder !!!. Ganz wie es die Syntaxvorschriften der digitalen Datenverarbeitung und Dokumentenspeicherung in den diversen Datenbanken erlauben und zulassen. Sonderzeichen in Dateinamen, dann bitte !!!, ansonsten die Wortlautersetzung Chk Chk Chk. Hierbei kann, das lehrt mich erneut das Musikportal Wikipedia, der Bandname !!! als beliebige Reihenfolge dreier wiederholter Laute ausgesprochen werden. Chk Chk Chk ist die Möglichkeit, die sich etabliert hat, auch, weil die New Yorker sie selbst verwenden.

Mein kurzes !!! Fantum ereignete sich 2010, als Strange weather, isn’t it? veröffentlicht wurde. Dieses Album bereitete mir viel Freude, mir gefielen die Dance Anleihen in der Musik und „AM/FM“ ist ein schöner, veritabler Hit. Den nachfolgenden Alben schenkte ich keine Beachtung, es gab einfach zu viel spannende Musik zu entdecken und der Indie Dance von !!! ging mir in den nächsten Jahren ein bisschen ab. Erst als im Frühjahr Chk Chk Chk beim Primavera aufspielten, und mich ihr Konzert, das ich als guten Festivalabschluss am Sonntagabend eingeplant hatte, ein wenig überraschend restlos überzeugte, rückten !!! wieder in meinen näheren Fokus. Menschenskind, was war das für ein Gehopse und Getanze, wie irre gab sich die Band an diesem Abend, wie gutgelaunt war passenderweise das Publikum. Sänger Nic Offer war völlig außer Rand und Band und die knappe Stunde im Innenhof des CCCB wurde eine meiner Höhenpunkte beim diesjährigen Primavera Sound. Das musste ich unbedingt nochmal erleben, sagte ich mir damals. Und so war ihr Kölner Konzert ein halbes Jahr später fest eingeplant und ich kam nicht umher, mir direkt nach der Konzertbestätigung ein Ticket zu besorgen.

Und wieder passierte es: Was hatte ich für einen Spaß! Was war das für ein unglaublich irrer Abend mit einem gut aufgelegtem Publikum und einer spielfreudigen Band! Wenn ich mich selbst für etwas loben müsste, dann dafür, dass ich zu diesem Konzert gegangen bin. Trotz Sonntags, trotz Nieselregen, trotz latenter Herbstmüdigkeit. Überracshend, oder auch nicht, all diese blöden Dinge waren spätestens nach den ersten beiden Minuten wie weggeflogen. Ich habe selten eine Band erlebt, die es schafft, binnen weniger Minuten das Konzertpublikum zu 100% auf ihre Seite zu ziehen. !!! machten das und ließen uns die nächsten 60 Minuten plus drei Zugaben nicht mehr los. Diese Band aus New York ist eine der besten Livebands der Jetztzeit und es ist so sagenhaft erfrischend und ermunternd, ein Konzert von ihnen zu erleben. Wie ich es aus Barcelona gewohnt war, ist Nic Offer von Beginn an die Rampensau, die nur mit Mühe still stehen kann. Von links nach rechts, von vorne nach hinten, wild mit den Armen fuchtelnd, Grimassen ziehend und Körperkontakt zu den ersten Reihen suchend, indem er Hände abklatscht, Köpfe tätschelt oder – wenn beiden nicht möglich ist – Leute direkt ansingt. Er ist er Eyecatcher von !!!, die Type, die jeden Konzertsaal zu einer großen Tanzfläche werden lässt. Er macht das !!! Indie-Dance-Ding zu purer Körperlichkeit. Es ist unmöglich, sich dem zu entziehen.

Stunden zuvor hatte ich unterschwellig kein gutes Gefühl, als ich sah, dass die Setlist der vergangenen Konzerte nur 12 Songs umfasst. ‘Na, das wird dann ja ein kurzer Abend‘, dachte ich so. Nicht schlimm, ob der zugtechnischen Chaosverbindungen in diesem November. Zwei Stationen werden derzeit nicht angefahren, für mich bedeutet das lästige Umsteigerei, und ein vorverlegter letzter Zug zurück. 12 Songs, ich rechnete schnell hoch, das sollte nach einer guten Stunde vorbei sein. Die zeitnahe Rückfahrt schien gesichert. Das klingt spießig, ist aber nicht ganz bedeutungslos, wenn man am nächsten Tag früh raus muss um einen wichtigen Termin wahrzunehmen. Ich dachte aber auch: Ist das nicht ein bisschen wenig für eine Band, die mittlerweile Album um Album veröffentlicht hat. Da Songrepertoire ist doch viel umfangreicher. Nun, zu wenig war es nicht. Und überdies gilt bekanntlich Qualität statt Quantität. Diese 60-70 Minuten reichten locker, mich glücklich und zufrieden nach Hause gehen zu lassen. Denn gefühlt war es viel mehr als das.

!!! begannen mit „NRGQ“. Diese aus der Konserve eher unspektakulär klingende Souldisconummer ist live drei Klassen besser. Saturday Night Disco Beats wirken in einem Klub einfach stärker als auf dem Sofa. „NRGQ“ hat genau diesen Discobass, der einen ungefragt wachrüttelt und lästige und blöde Fragen aus dem Vorfeld vergessen lassen macht. Damit war das Konzert (im positiven Sinne) schon gelaufen, das Luxor begann, sich unvermittelt zu bewegen. „Dancing is the best revenge“ heißt schließlich nicht umsonst ein Song von !!!. Tanzen hieß ab sofort die Antwort auf diesen Sonntag. Dass das Luxor nicht ausverkauft war, erwies sich nun als Vorteil. Es gab Platz, sich ausgelassen zu drehen oder einfach zu hüpfen, hüpfen, hüpfen. Angestachelt von Nic Offer, der alle ekligen Disco-Dancemoves in und auswendig beherrscht, gab es kaum ein Halten. Der Platz vor der Bühne wurde eine große Tanzfläche, die auch der !!! Sänger und seine Gesangskollegin mehrfach nutzten. Ein kurzer Hüpfer von der Bühne, und schwupps tauchten sie in die ersten und hinteren Reihen ein, während die Band um Mario Andreoni, Dan Gorman, Allan Wilson, Paul Quattrone und Rafael Cohen eine extended Version nach der anderen spielt. !!! machen das als Kollektiv unheimlich gut. Die beiden Vorturner können sich hundertprozentig auf die Spielkunst ihrer Band verlassen und sorglos durch das Publikum hüpfen, grooven und springen. Dauert der Ausflug mal etwas länger oder bleibt das Mikrofon unterwegs irgendwo liegen, ist das kein Problem für die Band. Dann spielt sie eben noch eine Instrumentalschleife hintendran und dreht den Beat noch ein Stück weiter.
!!! kommen mit zwei SängerInnen. Neben Nic Offer hüpft und tanzt beinahe genauso ausgelassen eine Sängerin. Die beiden teilen sich die Hauptstimme von Song zu Song oder singen im Duett. Manchmal scheint es mir, es ist auch egal, wer jetzt gerade singt. Wichtiger ist der Beat, der aus dem Keyboard und vom Schlagzeug kommt und unweigerlich nach vorne treibt.

„One Girl/One Boy” und „Slyd” beenden das Set. Es ist sowas wie das Standardfinale der Band, auch das kann man recherchieren. Ich blickte auf die Uhr, die knapp 60 Minuten ließen mich mit dem Gefühl zurück, stundenlang getanzt zu haben.
Es folgt als erste Zugabe das unwiderstehliche „Hearts of hearts“. !!! spielen es sehr ausführlich und sehr mitreißend. Danach, so schien es mir, war sich die Band kurz uneinig, ob sie noch einen Song spielen sollten. Sie spielten noch einen und gingen dann, um nochmal für einen weiteren Song zurückzukommen. Diese zweite Zugabe erschien mir spontan zustande gekommen zu sein. Eigentlich war das Saallicht schon fast an und der dramaturgische Höhepunkt längst überschritten. Ich empfand es schon als überraschend, dass sie nach „Hearts of hearts“ noch einen Song spielten, klang doch dieses Stück bereits nach großem Finale.

Wow, was für ein wahnsinniges Konzert. Im Gegensatz zum Frühjahr war ich vorbereitet auf das, was kommen sollte: aufs tanzen, aufs umarmt werden, aufs was-weiß-ich-noch-alles. Umgehauen hat es mich trotzdem. Tanzen und was-weiß-ich-noch-alles fand statt, das Umarmen nicht; es blieb bei einem nicht ganz so schweißigem Hände abklatschen. Sonderlich traurig darüber bin ich allerdings nicht. Wer lässt sich schon gerne von nassgeschwitzten Fremden umarmen.

!!! lieferten das tanzbarste Konzerte des Jahres.

Denn Vorspann gaben Bellchild. Die Band aus der näheren und weiteren Entfernung Kölns gefielen mir ganz gut. Henning Rohschürmann, Daniel Hofstadt und Tarek Zarroug machen so elektronischen, triphop lastigen Popkram, der mich ab und an Moderat denken ließ. Die ein oder andere Keyboardsequenz mopsten sie bei Radiohead, die ein oder andere Gitarrenspur bei Alt-J. Ihre fünf, sechs Songs waren schön anzuhören und unaufgeregt unterhaltsam.

Kontextkonzerte:
!!! – Primavera Sound Festival Barcelona, 04.06.2017

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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