| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband:

Built to Spill

‚Where’s Brett?‘ Gemeint ist wohl Brett Nelson, ehemaliger Bassist der Band Built to Spill. Where’s Brett? Bis zu diesem Abend dachte ich, Anschreier gäbe es nur in Berlin. Ich habe mich geirrt. Where’s Brett? Unaufgefordert sehr oft wurde mir diese Frage gegen den Kopf gerufen.
Ich weiß nicht, wo Brett ist, zumindest ist Brett nicht mehr Built to Spill. Schon seit einigen Jahren nicht mehr. Also falls sie Brett Nelson meinten; richtete sich die Frage dagegen nach Brett Netson, dem anderen langjährigen Built to Spill Brett, dann heißt die Antwort: Nicht im Gebäude 9.
Built to Spill sind dieser Tage nur zu viert auf Tour. Neben Doug Martsch und Jim Roth sind es die Musiker Steve Gere und Jason Albertini, die Built to Spill bilden. Ohne Brett. Die anderen Kalauer ob der ‚Brett‘- Rufe wie ‚wie, wo ist das Brot?‘ oder ‘Brett? Welches Brett?‘ sind geschenkt und nur alkoholisiert lustig. Da fand ich es doch viel witziger, ein Pärchen in meiner Nähe zu beobachten. Beide scheinbar große Built to Spill Fans, der Junge begleitete jedes Songende mit langanhaltenden lauten und schrillen Begeisterungspfiffen, und das Mädchen tanzte wie verrückt. Aber nicht nur aus musikalischer Leidenschaft, denn ich glaube, sie störte es, dass sich kurz vor Konzertbeginn ein Junge vor sie stellte und sie wollte sich so etwas Platz verschaffen. Ein putziger Gedanke, denn das gelang ihr natürlich nicht. In einem ausverkauften Gebäude 9 ist nämlich kein Platz. Zumindest nicht an diesem Abend. Leider beging sie zuvor schon den größten Fehler, den man kurz zu vor einem Konzertbeginn machen kann: zu viel Platz zum Vordermann lassen. Es ist klar, dass zwei Meter Raum in einem ausverkauften Konzert nicht lange frei bleiben.
All the songs sound the same. Es gibt da dieses Wedding Present T-Shirt, das diesen Spruch ziert: All the songs sound the same. Für Built to Spill könnte ich das auch hernehmen. Der leicht gequält klingende Gesang, die Gitarren, die gefühlt immer gleich sind, dass eher im Hintergrund spielende Schlagzeug. All the songs sound the same. Alle gleich wunderschön!
Hinter mir wurde konstatiert, man merke das Fehlen der dritten Gitarre überhaupt nicht. Stimmt. Auch ich merkte keine Gitarrensoundeinbussen. Aber ich hör‘ bei sowas auch nicht genau hin. Wenn es nur laut genug ist, würde mir sicher auch eine reichen.
Built to Spill haben die meisten unscheinbaren Welthits geschrieben. Nachzuhören ist das auf ihren letzten acht Alben . Immer wieder während ihres Konzertes denke ich, ich muss viel öfter Built to Spill hören. Denn komischerweise mache ich das kaum. Eigentlich ignoriere ich die Band seit einigen Jahren komplett. Dass das ein Fehler ist, wird mir bei den ersten Takten an diesem Abend klar, ganz sicher bin ich mir dann beim zweiten oder dritten Stück, „In the morning“, dem ersten Welthit. Diese Gitarrensoli! Es war traumhaft, es war schwelgerisch. Die schönsten Augenblicke sind immer die, wenn Doug Martsch am Mikrofon steht, sein Oberkörper plus Gitarre vor- und zurück neigt und dazu so famose Zeilen singt wie:
When things are all you think of – And plans are all you make
And thoughts are all you dream of – Your falls are all you take
Look out, the world’s destroying you – Relax, it isn’t fair
Mother nature’s disposition – She don’t mind, she don’t care

Und wie toll waren wieder die Songs. Allen voran „Liar“, aber auch „In the morning“, „Time trap“, „Kicked in the sun“ und grundsätzlich all die anderen Sachen, die Built to Spill an diesem Abend spielten. Ein kleiner Gitarrenrausch, ein kleines perfektes Konzert!

Allerdings ist da immer noch diese Eigenart, die mich aus dem schönsten Built to Spill Konzert herausreißen kann. Es ist die mitunter sehr lange Stille zwischen den Songs. Doug Martsch braucht mitunter viel Zeit, um für den nächsten Song bereit zu sein. Gitarre stimmen und so. Dabei geht das auch anders, denn Gitarre flicken in einem Song ist durchaus möglich. Irgendwann im Set passiert der Konzertaugenblick des Jahres: Doug Martsch reißen die Gitarrensaiten. Während seine Band weiterspielt, er in den entsprechenden Songmomenten an’s Mikro tritt und seine Songzeilen singt, fingert er aus seinem Gitarren-Erste-Hilfe-Täschchen eine verschweißte Packung zusammengerollter Gitarrensaiten, öffnet sie seelenruhig, singt dazu weitere Textzeilen und fängt an, seine Gitarre neu zu bespannen. Zumindest versucht er es, bis ein Helfer scheinbar das Dilemma erkennt und ihm eine andere Gitarre zum weiterspielen reicht.
Ein beispielhaftes Bild für die gesamte Band Built to Spill. So unaufgeregt, so entspannt, so selbstsicher, sich so unwichtig nehmend habe ich selten eine Band erlebt. Das Gebäude 9 spendet zurecht Szenenapplaus.
Das mit der Ruhe zwischen den Songs fiel mir schon vor Jahren auf (2008), seinerzeit schrieb ich:

Built to Spill Konzerte wirken merkwürdig. Sie scheinen eine Anreihung von Songs zu sein und weniger ein 120 Minuten Gesamtkonzept. Jedes Mal, wenn durch eine zulange Pause zwischen den Songs der Rhythmus unterbrochen wurde, dachte ich: Schade, jetzt waren wir gerade so schön drin. Es ist wie ein abruptes Aufwachen in der Nacht. Zwar schläft man wieder ein, aber kurzzeitig ist man rausgerissen, wach und abgelenkt.
Wenn Doug Martsch nach sechs, sieben Minuten feinster Gitarrenmelodien seine 30 Sekunden Gitarrenstimm-, Pedalsortier- oder Setlistnachfrageauszeit nimmt, ist das genauso. Dann ist die Realität des nur gut besuchten Konzertraumes wieder da und der Built to Spill- Dauertrip kann nicht stattfinden.

Es fiel mir an diesem Abend erneut auf. Aber das störte mich gar nicht so sehr wie es vielleicht noch vor Jahren störte. Die Pausen konnten dem Abend nichts anhaben. Es war schön, gut und unterhaltsam. Auch wenn das Gebäude 9 zu voll war, auch wenn die Konzertnachbarn anstrengend waren. Aber hey, so ist das eben manchmal. Da ist es nichts anderes als wie mit der Familie: man kann sich seine Konzertnachbarn nicht immer aussuchen. Sie sind dann einfach da.

Guter Dinge machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ein herrlicher Abend. Als ich daheim ankam erhielt ich eine sms: „Hast du das aus dem Bataclan schon gehört?“ Nein, hatte ich noch nicht. Plötzlich war der Abend überhaupt nicht mehr herrlich.

Kontextkonzerte:
Built to Spill – Köln, 26.09.2013 / Gebäude 9
Built to Spill – Bochum, 16.10.2008 / Bahnhof Langendreer
Built to Spill – Köln, 18.05.200 / Gebäude 9

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."