Oder: Dessau, Wittenberg, Halle, Merseburg, Naumburg, Jena und Weimar.

Eine Wochentour im August. Wohin fahren, wenn man ein paar Tage frei hat, im letzten Jahr in Süddeutschland war, im nächsten Monat nach Ostwestfalen fährt und keine Lust auf Meer hat? Ach ja, ein bisschen Kultur, gerne Architektur, wäre auch nicht verkehrt. Das Auge reist ja schließlich mit.

Nun, wie wäre es dann mit dem Bauhaus. Also nicht der Bauhaus im örtlichen Industriegebiet (puhh!!!), vielmehr das Bauhaus in Dessau und Weimar. Weimar, da war doch auch was mit Klassik. Und zwischen Weimar und Dessau liegen ein paar UNESCO Weltkulturerbestätten, weiß Google. Perfekt. Schnell steht grob die Route und nach einigen Abwägungen und Überlegungen der exakte Plan. Wir starten in Dessau und Wittenberg, fahren weiter über Halle nach Merseburg und legen auf dem Weg nach Weimar in Naumburg und Jena einen Zwischenstopp ein.

Nach einem Stop in Dortmund geht es nach Dessau, oder besser Dessau-Roßlau, wie die Stadt heisst. Dessau ist einer von zwei Stadtteilen. Unser Hotel liegt gegenüber dem Anhaltischen Theater, einem erhabenen Bau. da wir nachmittags bereits vor Ort sind, führt uns unser Weg zum neuen Bauhaus Museum, das gegen 17 Uhr nahezu leer wirkt. Wir können ohne Rücksicht auf ein zu reservierendes Zeitfenster spontan Tickets kaufen. Das machen wir und geraten erstmals auf unserer reise in Kontakt mit dem Bauhaus Universum. 

Bauhaus Museum Dessau

Wir vertreiben uns die Zeit, es bleibt eine Stunde bis zur Museumsschließung, und laufen anschließend noch durch die Stadt. Als wir uns draussen zum Abendessen hinsetzen, fängt es an zu regnen. Es wird der einzige Regen während unserer Tour bleiben. Jetzt ist er allerdings völlig unpassend. Aber der Schirm ist gerade noch groß genug und der Weg zum Hotel nicht allzu weit.

Dessau - Meisterhäuser

Die Meisterhäuser sind toll. Wir sind etwas früh im Bauhausviertel angekommen und haben noch etwas Zeit, bis unser Timeslot zur Besichtigung des Bauhauses aufgerufen wird. So wandern wir die Straße entlang zu den leicht abseits liegenden Meisterhäusern. Es ist nichts los, einzig eine Radfahrergruppe steht am Strassenrand und macht ein paar Fotos. Wieder einmal zeigt sich, dass Denkmal- und Museumsbesuche während der Pandemiezeit total unstressig und ruhig ablaufen. Mit acht weiteren Personen werden wir später durch das Bauhaus geführt. Intimer war da nur die Neuschwansteinbesichtigung vor einem Jahr.

Nach der Besichtigung des Bauhauses und der Meisterhäuser bleibt am Nachmittag Zeit, nach Wittenberg zu fahren. Luther und so. Wittenberg ist eine schöne Kleinstadt mit einer tourifreundlichen Fußgängerzone. Zwei parallel verlaufende Straßen verbinden im Osten das Geburtshaus Luthers mit der am westlichen Ende des Stadtzentrums liegenden Schloßkirche (Tür & Thesen). Ziemlich genau in der Mitte liegt der Markt und ein zentrales Parkhaus. Besser geht es eigentlich gar nicht. Um die Kirche und das Lutherhaus zu besuchen macht man keinen Weg doppelt, und man erläuft sich so ganz nebenbei die gesamte Altstadt. Ich glaube, mehr muss man von Wittenberg nicht gesehen haben. Und selbst wenn würde es jetzt, nach 18 Uhr, schwierig. Die Stadt leert sich nach Geschäftsschluss rasend schnell.

Wittenberg - Stadtansicht

Von Dessau geht es weiter nach Merseburg. Allerdings dauert es ein bisschen, bis wir Dessau verlassen. Das Kornhaus an der Elbe (wir kommen nicht los vom selbst auferlegten Bauhaus Hype) wartet noch darauf, fotografiert zu werden und im Junkers Museum gibt es – selbst wenn sich der Museumsbesuch nicht ergeben sollte – bestimmt auch einen Merchshop. Den gibt es, nett und liebevoll geführt von zwei Frauen. Das gesamte Museum existiert nur mit und durch einen Förderverein, und genau diesen schönen Charme verbreitet es auch. Es ist ein Liebhabermuseum für Junkers Liebhaber. Wäre ein bisschen mehr Aufmerksamkeit nicht wünschenswert? Am Junkers Denkmal vorbei geht es raus aus Dessau. Um den großen Ikarus nicht zu verpassen, nehmen wir gar einen kleinen Umweg.

Dessau - Junkers Denkmal

Unser nächster Stopp ist Halle. Die Stadt ist nur ein paar Kilometer entfernt, beinahe dauert es länger einen Parkplatz in Halle zu finden als der Weg von Dessau nach Halle. Es ist ein verkehrstechnisches Wirrwarr, Baustellen und Einbahnstrassen machen die Anfahrt in die Stadt nicht einfach. Eher aus Zufall finden wir ein Parkhaus in Uni und Stadtnähe. Zentraler geht kaum, und als uns am Tiefgaragenausgang ein Burgerkettenladen mit Außenterrasse begrüßt, ist das Mittagessen quasi schon reserviert. Etwas unübersichtlich sieht Halle auf den ersten Blick aus. Es braucht ein paar Minuten, um die Grundstruktur der Straßen zu erfassen. Ahh, eine längere Fußgängerzone und dann ein Stadtring, den wir lieber nicht überschreiten sollten. Alles Wichtige spielt sich innerhalb dieses Straßenrings ab. Alles Wichtige sind die Uni, die Moritzburg, der Dom und der Marktplatz.

Merseburg. Wir kommen gegen spätnachmittag an. Der Dom und das Schloss sind schon geschlossen. Eine Besichtigung der Innenräume fällt aus. Das ist ein bisschen schade, aber das nach 16 Uhr hier nichts mehr geht, hatten wir nicht auf dem Schirm. Sonst hätten wir in halle nicht so lange rumgetrödelt. Wir schlendern durch den Park und das umliegende Areal. Schön ist es hier, und schön alt. Auf 1000 Jahre plus gehen die ersten Aufzeichnungen des Dombaus zurück; später in der Renaissance wurde wortwörtlich das Schloss angebaut. Martin Luther war natürlich auch hier.  In einem Teil der Anlage ist heutzutage die kommunale Verwaltung untergebracht, die letzten Angestellten haben die Türen jedoch längst hinter sich geschlossen. An diesem Abend sind wir nicht nur gefühlt die einzigen, die über das Gelände schleichen. Weiter unten in der Stadt suchen wir einen kleinen Snack zum Abend und finden noch einen offenen Bäcker. Es ist gegen 18 Uhr fast der einzige Laden, der noch geöffnet hat. Weiter in Richtung Bahnhof und Einkaufspassage laufen wir nicht. Das Wetter wirkt unbeständig und die Strassen nicht sonderlich einladend. Irgendwann ist es auch gut mit neuen Eindrücken. heute gab es davon eine ganze Menge.

Naumburg und Jena. Wir nähern uns Weimar.

Naumburg - Dom

Naumburg. Noch ein Dom. Nochmal verdammt alt. Wir sind so früh aus Merseburg hier, dass wir noch vor allen anderen Touristen den Weg durch die Altstadt zum Dom begehen können. Die Touristenbusse sind noch nicht da, erst eine Stunde später wird es voll. So haben wir Ruhe, Dom und Domvorplatz zu erkunden. Zu sehen gibt es da nicht allzuviel, also gehen wir in die Stadt. Wir suchen noch Nietzsches Geburtshaus (oder war es ‘nur’ das Wohnhaus seiner Mutter?), finden es aber nicht und beschließen, noch vor 12 Uhr weiter nach Jena zu fahren. Das Parkticket, 2 Euro für zwei Stunden, ist bis auf zwei Minuten ausgereizt.

Nach dem Mittag ist unser Ziel noch nicht Weimar. Um Goethe und Schiller und zu huldigen ist der nächste Tag eingeplant. Es reicht, wenn wir gegen Abend in Weimar ankommen. So bleibt noch Zeit, Jena zu besuchen. Oder genauer gesagt, den Jentower und das Ernst Abbe Spielfeld. Gerade letzteres ist für mich bei unserer Tour als must-see gesetzt. Seinen gesamten Charme kann das Sportfeld dann leider nicht ausspielen, es wird gebaut und das halbe Stadion ist in Schutt und Trümmern. Zumindest ist der Weg zum alten Holzturm frei; ein oder zwei Fotos ohne Kran, LKW oder Planierraupe sind drin.

Jena - Ernst Abbe Stadion

Weimar. Das Seattle der Klassik. Alle waren hier, nicht nur Goethe und Schiller. Details über Herder, Bach, Liszt und Nietzsche erspare ich mir, genau nachlesen kann man das alles auf diversen Wiki- und Informationsseiten im Netz. Bei einem Spaziergang durch die Stadt ist es unmöglich, nicht über irgendeinen Dichter oder Musiker zu stolpern: hier ein Denkmal, da ein Geburtshaus, dort ein Museum. Vergessen haben wir aber nicht das andere wichtige Thema in Weimar: das Bauhaus, sprich die Bauhaus Universität und das Bauhaus Museum. Idealerweise liegen beide Institutionen an unterschiedlichen Enden der Stadt, so dass wir auf unserer Besuchstour unwillkürlich an allen anderen Sehenswürdigkeiten (sprich Denkmälern, Geburtshäusern, etc.) vorbeilatschen.

Ein weiterer spannender Aspekt in Weimar ist unser Hotel. Man kann eine Führung buchen und das machen wir. Wow, ich hatte noch nie eine Hotelführung. Wo sind wir denn hier abgestiegen? In einer guten Stunde Besichtung lernen wir alles über unser Hotel: die dunklen Seiten in den 1930er Jahren, die schöneren Seiten in den 1920er Jahren und all das, was bis 1990 und nach 1990 in dem Gemäuer so passierte. So gibt es z. B. eine kleine Kunstausstellung mit Gemälden von ehemaligen Gästen. Okay, das Loriot Bild ist schnell erkennbar und auch Udo Lindenbergs Zeichnung ist zu markant, um sie zu übersehen. Nice to know, dass die Hotelbar Drehort verschiedener Filme war und in diesem Hotel Lotte a.k.a. Lotte aus Weimar a.k.a. Goethes Jugendliebe Charlotte Kestner übernachtete.

Über Stock und Stein

PS: Das hier ist ein Musikblog. Und schrieb ich nicht vorhin, Weimar sei das Seattle der Klassik? Was bleibt mir also anderes übrig.