Ort: Musik und Frieden, Berlin
Vorband:

PINS

Konzertbesuche in Berlin sind höchstinteressant. Wenn nicht das Publikum zur linken und zur rechten nervt, ist sicher irgendwas anderes, was die gemeine Konzertroutine (andere sagen: Langeweile) aus hinfahren – angucken – was trinken und nachbesprechen – zurückfahren durchbricht.
Zum Beispiel eine verschlossene Tür des Clubs. Oder aber technische Errungenschaften, die ein gewisses Hauptstadtflair umgibt. Beides bot das PINS Konzert an diesem Abend im neubenamten alten Magnet-Club, dem Musik & Frieden.

Doch zur Musik.
PINS sind eine britische Mädchenband, oder RrriotGrrll Band, wie man in den 1990er Jahren gesagt hätte. Ich lernte die Band in diesem Jahr auf zwei Konzerten im Vorprogramm von Sleater-Kinney schätzen, wo sich mich beide Mal voll und ganz überzeugt hatten. Ihre beiden Kurzauftritte empfand ich als so frisch und schön, dass ich bei den Mädels aus Manchester am Ball blieb. Nach dem Sleater-Kinney Konzert in Antwerpen waren wir so von den PINS angetan, das wir auf der Rückfahrt nur ihr Debütalbum hörten. Folglich bekamen wir mit, dass die PINS an diesem Freitagabend in Berlin eines von zwei Deutschlandkonzerten spielen sollten. Gut. Hingehen.
Sieben Euro ist sicherlich der günstigste Ticketpreis, den ich je bezahlt habe. Und so voll, wie es uns der Verkäufer in der KoKa weismachen wollte, war es auch nicht. Als wir gehen 23 Uhr am Musik & Frieden ankamen, sah es nicht nach Konzert aus. Die alte Holztür war fest verrammelt, weit und breit war niemand zu sehen, der nach Konzertpublikum aussah.
Wir warten, guckten um die Ecken, um sicherzugehen, dass der Club bei seinem Namenswechsel nicht auch seinen Eingang gewechselt hatte. Hatte er nicht, der Komplex war einfach nur noch nicht geöffnet. (Das Krieg & Frieden ist der ehemalige Magnet bzw. Comet Club. Hatte ich erwähnt, oder?) Während wir so warteten gesellten sich weitere mögliche Konzertbesuche zu uns. Einige fragten nach, ob hier die PINS spielen würden, andere nicht. Um kurz nach elf öffnete dann er Laden und aus den Worten: Beginn 23 Uhr wurde ein „die fangen um Mitternacht“ an. Es sollte uns recht sein, wir hatten Zeit.
Faith Holgate, Lois McDonald, Anna Donigan und Sophie Galpin betraten um kurz nach Mitternacht die Bühne, vor ungefähr 70 Leuten. Nein, der Laden ist nicht wirklich voll, es bleibt Platz genug, um nicht bis ganz an die Bühne gehen zu müssen. Erst ein paar Meter vom Bühnenrand entfernt standen die erste Reihe. Und die hatte es in sich. Von rechts nach links waren dort ein Dauerfotograf mit digitaler Kleinbildkamera, ein Dauerfotograf mit Handykamera (der aber von links nach rechts changierte und auch mal am Rand auf die Bühne kletterte, um Fotos zu machen), eine ambitionierte Hobby-Fotografin (sicher für einen Blog vor Ort), ein Britpop-Typ, der dauerhaft mit gestreckten Arm und Zeigefinger auf die Sängerin Faith Holgate zeigend irgendwie mitsang sowie ein weiterer Handy-Knipser in Endlosschleife. Der hatte aber ein tolles Feature, von dem ich gar nicht wusste, dass es so etwas gibt: Eine wahrscheinlich über Bluetooth verbundene stand-alone Objektiv-Kamera. Die hielt er in der rechten Hand, löste am Objektivring irgendwo aus und kontrollieret die Bilder auf seinem Handydisplay, dass er in der linken hielt.
Was denkt eine Band, wenn sie 50 Minuten vor solch‘ einer ersten Reihe spielt? Ich möchte es gar nicht wissen. Wahrscheinlich freut sie sich, dass sich in den Reihen dahinter die Leute weniger ablenken und bewusster zuhören.
Wild nights, ihre neue Platte, ist ein paar Wochen auf dem Markt, und so nahm der Punk, Surfpop, Indierock von Songs wie „Dazed by you“, „Young girls“ oder „Too little too late“ und anderen des aktuellen Albums einen Großteil der Setlist ein. Das kam mir alles bekannt vor, obwohl ich Wild nights gar nicht kenne. Es muss daran liegen, dass es zu den Vorprogrammauftritten im Frühjahr nur wenige musikalische Änderungen gab. Änderungen in modischer Hinsicht gab es allerdings. Die drei Frauen der ersten Reihe tragen jetzt blond, die Bassistin gar einen krisselig-fransigen Undercut. Willkommen in den 80ern! Modische Stilsicherheit bei alle fünf Mädchen. Es ist toll, der Band zuzusehen.

What will we do, what will we do, what will we do when our dreams come true?

Die fünf wuseln sich durch ihr Programm. „Young girls”, einen der PINS Hits spielen sie früh. Es dauerte ein paar Songs, bis sie sich auf der Bühne eingefunden haben. Aber ab da sind sie drin. Wir stehen links an der Bühne und werden sehr oft von Lois McDonald angeschaut. Sie ist diejenige, die am meisten Blickkontakt zum Publikum sucht. Später am Abend wird sie noch den Platz zwischen erster Reihe und Bühnenrand nutzen, um aus dem Publikumsraum heraus Gitarre zu spielen. Ein gefundenes Fressen für die Fotografenriege, der Britpoptyp war da schon lange weg.
Das Gegenstück zu ihr ist die Bassistin. Vielleicht hatte sie nur einen schlechten Tag, was okay ist, sie wirkte eher unmotiviert und spielte scheinbar emotionslos die Songs runter. 14 Stücke lang ist die Setlist, an derem Ende, wie auch schon in den S-K Vorprogrammen, ein Misfits Cover steht. 14 Stücke bedeuten bei den PINS eine knappe Stunde Musik. Das reicht und das ist gut. Die Band hat Potential, die Band hat eine gewisse Eigenständigkeit.

PINS überzeugten mich erneut. Ob die Band eine längere Lebensdauer hat, ich möchte es ihnen wünschen.

Setlist:
01: Baby Bhangs
02: Get with me
03: I Want it all
04: Young girls
05: Say to me
06: Got it bad
07: Oh Lord
08: Too little, too late
09: Molly
10. Dazed By You
11. Waiting for the end
12: LuvU4Lyf
13: Girls like us
14: Hybrid moments
Zugabe:
15: House of love

Kontextkonzerte:
PINS – Berlin, 18.03.2015 / C-Halle
PINS – Antwerpen, 21.03.2015 / TRIX

Fotos:

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christoph

    Waren sie zu viert da? Bei S-K war da noch die Fear Of Men Bassistin dabei.

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