Ort: Église Notre-Dame de Laeken, Brüssel
Vorband: Ronboy

Matt Berninger - Brüssel, 12.12.2025

Schon wieder Matt Berninger. Nachdem wir ihn mit demselben Personal (sprich in kleiner Besetzung mit Julia Laws a.k.a. Ronboy am Tasteninstrument und Sean O’Brien an der Gitarre) bereits im April in Zermatt gesehen haben, folgt an diesem Abend das zweite Konzert des Trios innerhalb weniger Monate. Und ja, natürlich ist das ’schon wieder‘ euphorisch gemeint. Dachte jemand ernsthaft etwas anderes?

Also yeahh, ein weiteres Matt Berninger Konzert in der Intimate Trio Performances Edition. Und der Ort ist wieder ein ganz besonderer Ort. Nein, der Brüsseler Norden ist nicht mit Zermatt gleichzusetzen, er ist anders spektakulär. Aber die Konzertlocation hatte es in sich. Das Konzert der Botanique war in der Église Notre-Dame de Laeken angesetzt. Also in der belgischen Königskirche direkt am königlichen Landsitz. In diesem neugotischen Kirchengebäude (übrigens das größte neugotische Gebäude Belgiens) finden sich Gräber der belgischen Königinnen und Könige; seit 1850 gibt es die königliche Krypta. Wissen, dass ich beim Warten auf den Konzertbeginn angelesen habe. Beim Ticketkauf selbst reichte bereits der Zusatz – Kirchenkonzert -, um direkt angefixt zu sein. Wer steht nicht auf besondere Konzertorte? Die historische Bedeutung des Gebäudes kannte ich im Sommer natürlich noch nicht.
Vom Place Rogier ist es ein gutes Stück zu Fuß. Eine gute halbe Stunde läuft man entlang des Canal de Bruxelles, bis man nach ein paar Schlenkern nach links vor der Église Notre-Dame steht. Noch schnell ein paar Treppenstufen die Straßenunterführung runter und rauf, und dann stehen wir vor dem Hauptportal. Wir sind früh vor der Kirchenpforte, aber natürlich nicht die ersten. 30 Leute harren hier bereits in der zugigen Kälte, die alte Kirchengemäuer umgibt, aus. Es wird Winter, ich spüre es. Eine knappe Stunde dauert es noch, bis die schweren Holztüren geöffnet werden. Wer gute Plätze haben möchte, komme früh.

Das Konzert findet im Kirchenschiff statt, die Bühne ist vor dem Altarraum aufgebaut. Drei Holzstufen führen hinauf. Als wir die Eingangstüren hinter uns lassen, sind die ersten Reihen vor der Bühne schon besetzt. Aber an den Seiten sind auch Stuhlreihen platziert. Interessanterweise zieht es lange niemand in Betracht, sich hier hinzusetzen. Wir machen das auch erst nach einigen Überlegungen, weil wir nicht sicher sind, ob die dort aufgestellten Stühle besetzt werden dürfen/sollen. Doch das dürfen sie und so haben wir eine gute seitliche Sicht auf die Bühne. Wir sind aber dennoch weit weg von der Bühne. Ich schätze mal, fünf bis 8 Meter trennen die ersten Stuhlreihen von den Bühnenaufbauten. Das kleine Holzpodest ist komplett mit Teppich ausgelegt und darf auf gar keinen Fall betreten werden. Die Sicherheitsleute haben ein waches Auge.
Egal, wenn die Propheten nicht zum Berg gelangen können, dann muss der Berg eben zu den Propheten. Und wer Matt Berninger/ The National Konzerte kennt, der weiß, dass das passieren wird.

Mein erstes The National Konzert war um die 2010er Jahre. Ich kann mich noch relativ gut an den Abend erinnern. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, nochmal raus und zu diesem Konzert zu gehen. Aber ich hatte ein Ticket und raffte mich dann doch irgendwann auf. Boxer, so hieß das aktuelle Album der Band, hatte einfach zu viele Hits und gute Songs, um sie nicht live hören zu müssen. Das Konzert fand im Primeclub (so hieß zwischendurch das Luxor) statt, ich war spät und stand nur hinten. Nicht die beste Konzertposition in diesem langgestreckten Konzertsaal, ich weiß. Boxer brauchte ein paar Wochen, bis ich seine Schönheit erkannte; den Bandnamen The National fand ich lange sehr blöd. Und irgendwie schafften The National es an diesem Abend, mich in einer bestimmten Art und Weise anzusprechen und mich zu begeistern. In den folgenden Jahren sah ich The National noch zwei oder drei Mal, bevor mir die Band aus Cincinnati ein egal wurde.
Erst in den vergangenen Jahren entdeckte ich sie wieder ein bisschen. Was auch viel mit der Doppelveröffentlichung First two pages of Frankenstein und Laugh track zu tun hat. „Alphabet City“ und „Turn Off the House“ sind zwei meiner absoluten Lieblingslieder. Da vor diesen Alben das erste Matt Berninger Soloalbum erschien, wurde ich auch darauf aufmerksam. Serpentine Prison, eine sehr unscheinbare und sehr schöne Platte. Das Plattencover ist toll und „Distance axis“ und „All for nothing“ meine Anspieltipps. (Die zusammen mit „Silver Springs“ und „One more second“ an diesem Abend auf der Setlist stehen.)

In diesem Jahr veröffentlichte Matt Berninger dann sein zweites Album und ging im Frühjahr auf eine kleine Tour. Intimate Trio Performances nannte sich das Ding. Matt Berninger, Sean O’Brien an der Gitarre und Ronboy am Piano. Vier Konzerte platzierten sie in Europa, drei in England und eines in der Schweiz. Durch glückliche Umstände ergatterten wir Tickets für sein Konzert im Rahmen des Zermatt Unplugged Festival in Zermatt. Mein teuerstes Konzertticket des Jahres, by the way. Aber das Matterhorn wollte ich immer schonmal sehen. Nun kann ich einen Haken dahinter machen. Und der Ausflug war toll, natürlich war er das. Das Ambiente in Zermatt zauberhaft und die Aussicht auf das Matterhorn den Zahnradbahnpreis mehr als wert.

Als im Sommer dann weitere Intimate Trio Performances angekündigt wurden, war ein erneuter Ticketkauf alternativlos. Und als als Spielort in Brüssel eine Kirche angekündigt wurde, sowieso. Auch hier war es relativ schwierig, an Tickets zu kommen. Nach zwei Stunden war das ganze Ding schon ausverkauft, was für belgische bzw. Brüsseler Verhältnisse sehr schnell ist. Aber wir kauften in den ersten zwei Minuten und waren daher safe. Das zweite Mal mein Konzert des Jahres, das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Im Vorprogramm spielt Ronboy zusammen mit Sean O’Brien knappe zwei Hände voll eigene Songs. Es ist eine gute Einstimmung auf den Abend. Ronboy veröffentlichte vor fünf Jahren ihre erste EP, 2023 erschien ihr Debütalbum. In diesem Jahr, sicher als Vorbote eines neuen Albums, veröffentlichte sie den Song „Desaster“, auf dem auch Matt Berninger zu hören ist. Leider kommt er an diesem Abend nicht aus den Katakomben gekrochen und begleitet Ronboy bei diesem Song. Die sehr gute halbe Stunde oder 40 Minuten haben mir viel Spaß gemacht. Musikalisch war es eine sehr gut passende Einstimmung auf die Matt Berninger Songs.
Im Anschluss dauert es dann nicht lange, bis das Matt Berninger Trio die Bühne betritt. Ihr  Setup ist identisch zu ihrem Konzert in Zermatt. Links von Matt Berninger steht Sean O’Brien und spielt Gitarre, rechts sitzt Ronboy am Keyboard. Im Hintergrund leuchtet die Lichterkette am Weihnachtsbaum. ‘Fehlt eigentlich nur noch Glühwein’, denke ich. Aber Getränke werden in der Kirche nicht ausgegeben. Die Setlist scheint mir sehr identisch mit der zu sein, die im Frühjahr in Zermatt gespielt wurde. Genau weiß ich es aber nicht. Die drei spielen knapp 80 Minuten Songs aus den beiden Matt Berninger Soloalben sowie ein paar The National Nummern („Gospel“, „I need my girl“, „Terrible love“, „Light years“). Interessanterweise sind es nicht die ganz großen The National Songs, die er ausgesucht hat. Es sind eher die kleinen Perlen („Gospel“) und arg unterschätzte The National Songs („Terrible love“). Egal was und wie, schön ist das immer, und stimmig. Das große und hohe Kirchenschiff bietet dabei ein ganz besonderes Ambiente, erst recht in der Adventszeit mit all dem Weihnachtsschmuck.

Matt Berninger gestern Abend in der Église Notre-Dame de Laeken in Brüssel. Ging zwischendurch auch ohne Mikrofon.

Frank (@spiralstairs.bsky.social) 2025-12-13T09:54:02.372Z

Es ist ein toller Abend, der durch das kleine technische Missgeschick bei “Terrible love” noch beeindruckender wird. Oder besonders. Das Wort passt vielleicht besser. Was war passiert? Bei einem seiner Spaziergänge durchs Publikum ging Matt Berninger im wahrsten Sinne des Wortes etwas zu weit. Sein Mikrokabel ist nicht lang genug und so ploppt es aus seiner Anschlussbox. Doch Matt Berninger ist natürlich Bühnenprofi genug, sowas wirft ihn nicht aus der Bahn. „Times of difficulty“ singt er ohne Mikrofon zu Ende, was bei der tollen Kirchenakustik auch kein Problem ist. Danach ist es gar nicht so einfach, die Technik wieder ans Laufen zu bringen. Einfach wieder den Stecker einstecken hilft im Anschluss nicht. Das Mikrofon bekommt keinen Saft. Und ein Ersatz muss erst besorgt werden. Darauf wartet Matt Berninger nicht, er startet „Terrible love“ ohne Mikrofoneinsatz, bevor er ab der Mitte des Songs wieder ‘verstärkt’ weitermacht. Aber das auch nur, weil durch das einsetzende rhythmische Klatschen sonst nichts zu hören gewesen wäre. So mein Eindruck.
Eine Zugabe spielen sie, dann ist das Konzert vorbei. Gemütlich schlendern wir an Tankstellen und Baumärkten zurück zum Canal de Bruxelles und zum Place Rogier. Die Zugfahrt am nächsten Tag läuft dann planmäßig.

Was für ein wunderbarer Abschluss meines Konzertjahres.

Setlist:
01: No love
02: Distant axis
03: Inland Ocean
04: Breaking into acting
05: Frozen oranges
06: Silver springs
07: Junk
08: All for nothing
09: One more second
10: Silver Jeep
11: Gospel
12: I need my girl
13: Little by little
14: Times of difficulty
15: Terrible love
16: Bonnet of pins
Zugabe:
17: Light years

Kontextkonzerte:
Matt Berninger – Zermatt, 08.04.2025
The National – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2024
The National – Köln, 11.06.2014 / Tanzbrunnen
The National – Köln, 17.11.2010  / E-Werk
The National – Weissenhäuser Strand, 12.11.2010
The National – Köln, 27.11.2007 / Prime Club

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