Ort: Theater Hebbel am Ufer, Berlin
Vorband:

Erst der Ausflug, dann das Konzert. Nachdem wir ein paar Tage in Brandenburg verbracht haben, gibt es kurz vor der Rückfahrt nach Hause noch eine Gelegenheit zu einem Konzertbesuch. Oder zu so was Ähnlichem. Ganz sicher bin ich mir bei der Ankündigung der Veranstaltung im Berliner Theater Hebbel am Ufer nämlich nicht.
Fehler Kuti und die Polizei geben ein Konzert, nachdem sie an den zwei Abenden davor ihr Theaterstück (oder ihre Performance?) The History of the Federal Republic of Germany as told by Fehler Kuti und die Polizei aufgeführt hatten. Mir war nicht ganz klar, ob sie nun nur die Songs aus dem Stück oder nur mehr Songs als an den Abenden zuvor spielen oder gar was sie überhaupt aufführen. Egal, ich werde mich überraschen lassen. Irgendwas mit Kultur wird schon dabei rumkommen.
Fehler Kuti sagte mir nicht so viel. Der Aufhänger für diesen Besuch war vielmehr der, dass sich die Begleitband (also die Polizei) aus Musikern von Spirit Fest und The Notwist zusammensetzt und alle Protagonisten aus dem Alien Transistor Umfeld kommen. Und hey, mit Markus Acher hatte ich das letzte Jahr musikalisch beendet, warum nicht auch das neue Jahr mit ihm (wenn auch nur in einer ‘Nebenrolle’ am Schlagzeug) beginnen?

Um nicht gänzlich ahnungslos in die Veranstaltung zu rennen, google ich ein bisschen hin und her und lese dies: Sein aktuelles Album heißt Professional People und es ist das zweite Album von Fehler Kurti, der bürgerlich Julian Warner heißt und in München lebt. Album Nummer eins erschien 2019 und hat den schönen Titel Schland is the place for me. Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu (also zum neuen Album):

Und so hört man auf dem Doppelalbum, das der Konzertperformance „The Story Of The Federal Republic Of Germany“ in den Kammerspielen entsprang, 19 elegant elektrifizierte Songs, die rein musikalisch erst mal recht geschmeidig ins Ohr gehen, um sich dann als pointiert überspitzte Widerhaken umso nachhaltiger dort festzusetzen. Das eröffnende „All Ausländer go to heaven (Reprise)“ etwa: ein berührend heraufgeschraubter Gospel im Gedenken an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags im OEZ.

Die ersten YouTube Videos, die ich höre, klingen poppig und nach Elektrodance; musikalisch sehr interessant und ich bin so angetan, dass ich dem Konzertbesuch schnell zustimme.

Die Platzklingel, die uns pünktlich zu den Plätzen bittet, klingt wie das Rasseln eines Eierkochers. Im Theater hängt noch die Dekoration der vorangegangenen Abende an der Bühnenrückwand: das Bild einer Frau mit zwei Kindern (ich habe den Kontext und die Erklärung dazu nicht mehr hundertprozentig auf dem Schirm); später werden noch zwei Porträts von Horst Seehofer und Gerhard Schröder dazukommen. Ich bin zum ersten Mal im Hebbel am Ufer, Gebäude 1. Es gibt noch zwei weitere Säle oder Gebäude, zumindest sagte mir das Google, als wir nach dem Weg suchten. Das Theater scheint alt, die Sitzreihen sind eng angeordnet und die Sitze unbequem. Der Boden knarzt. Ist aber ganz schön hier. Der halbleere Saal ist fast ausverkauft. Was sich idiotisch liest, ergibt in Pandemiezeiten einen Sinn. Wir sitzen schachbrettmusterartig verteilt, versetzt zwischen leeren Klappsitzen.

Die Band besteht aus vier Musiker*innen. Sie sind als erste auf der Bühne. Fehler Kuti kommt nach einem kurzen Intro hinzu. “Deutsche Pässe” ist der erste Song. Dass es politisch zugehen wird, war mir nach der Internetrecherche klar. Vielleicht kommt mir auch deswegen bei dem ersten Song die 1990er Jahre Hiphop Band Advanced Chemistry in den Sinn, die nicht nur auch den Begriff ‘Deutscher Pass’ in einem ihrer Stücke benutzt, sondern auch ähnlich stark politisch textet. Oder textete. Ich weiß nämlich gerade gar nicht, ob Advanced Chemistry noch irgendwas zusammen machen.

‘Deutsche Pässe, deutsche Pässe, deutsche Pässe, deutsche Pässe’. Das sind die ersten Worte, die wir von Fehler Kuti und der Band hören. Stakkatoartig hallen sie durch das Theater. Die Band ist eine Alien Transistor Allstar Band. Ich schreib’ das jetzt mal so, weil neben Sascha Schwegeler und Maasl Maier auch Sachiko Hara (Spirit Fest) sowie Theresa Loibl und Markus Acher (The Notwist) auf der Bühne stehen.

Diese Art Sprechgesang – der später in dieser Art noch stärker in „Professional people“ zu hören ist – erinnernt mich an die Goldenen Zitronen. Im Gegensatz dazu kommt „Bürogebäude in und um Frankfurt“ ohne Texte aus. Der Song blubbert und schwingt in einer Art Minimal-Elektro sanft dahin. Wenn ich will, höre ich einen leichten Notwist Einschlag. „All we’ll ever need“ klingt nach Grandaddy. Also großartig. Es ist nach „Professional people“ der schönste Song des Abends. Die genaue Setlist habe ich nicht mehr parat, aber alle drei Songs wurden an diesem Abend gespielt. Definitiv, da bin ich mir sicher. Ich erwähnte schon, dass die Songs gut und sofort ins Ohr gehen. „Professional people“ fiel mir diesbezüglich schon beim youtuben auf. Es ist ein feiner Popsong, ein kleiner Hit. Es gibt aber auch Stücke, die mir an diesem Abend zu anstrengend sind. „Mjunikcentral is a Dangerous Place, we need more Guns to keep you safe“ zum Beispiel wirkt trotz seines einschläfernden „Sign your name“ (Terence Trent D’Arby) Gedächtnisbeats alles andere als beruhigend auf mich. Oder liegt es an den unbequemen Sitzen, dass meine Geduld bei dem ein oder anderen Stück eher klein ist und ich das Ende herbeisehne.

Das Konzert ist nach guten 70 Minuten vorbei. Zum Schluss debattieren die Musiker im Halbkreis, ob sie noch eine zweite Zugabe spielen sollen; sie lassen es. Ich bin ihnen ehrlich gesagt nicht böse, denn seit 15 Minuten schmerzen meine Knie. Die Sitzreihen im Hebbel Theater sind definitiv nicht für größere Menschen geeignet. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie unangenehm anstrengend das Konzert geworden wäre, wäre nicht jeder zweite Sitz frei. Ich glaube, ich hätte es keine halbe Stunde ausgehalten.

Um 21:47 Uhr checken wir aus. Aus dem Hebbel Theater und in der Corona Warn App. Der Einstieg in das Konzertjahr ist durchaus gelungen, es bleibt aber noch Luft nach oben. Mal sehen, wann es weitergeht.

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