Ort: The Glasshouse, Gateshead
Vorband: Gwenno

Auf dem Rückweg aus England lese ich diese Saint Etienne Nachricht:
It’s a Wrap!
Saint Etienne Instagram
Saturday night was the final show on our farewell UK/Ireland tour. It’s been an emotional couple of weeks as we visited 10 UK and Irish cities for the last time – plus two nights in London where we will return, after touring the globe, for a final, final farewell. Every show was sold out and every city gave us the best send off we could have ever hoped for. There was dancing, partying, laughter and tears. It really has been our favourite tour ever and we’d like to thank each and every one of you who came out to see us play. We’re excited about visiting New Zealand and Australia in November followed by a European tour next March (details here very soon). Where else would you like to see us in 2027? Thanks again everyone. We appreciate all the love you’ve shown us over the last 36 years.
Bob, Pete and Sarah xxx
PS. Thanks to all of our opening acts on the tour who helped make it extra special – Jane Weaver, Gwenno, The Pastels, the Parallels, Iraina Mancini, Mozart Estate, Pale Blue Eyes, Augustin Bousfield and Marsy – each and every one of you were amazing!
Was?!! Eine dritte Farewell Tour auch durch Europa im nächsten Jahr? Hätten sie das nicht eher andeuten können, dass die UK Farewell Tour nicht ihre allerletzte Farewell Tour sein wird und das nach der letzten Farewell Tour noch zwei allerletzte Gigs in London geplant sind, dann hätte ich mir vielleicht den Ausflug nach Newcastle upon Tyne sparen können. Ich fühle mich an die Pavement Reunion 2010 erinnert, als Wochen später vor dem eigentlich ursprünglich geplanten Reunion-Termin eine Reunion-Tour angesetzt wurde und so die Reunionkonzerte in New York ein bisschen ad absurdum geführt wurden. Also sah ich nicht das drittletzte Saint Etienne Konzert ever, sondern habe vielleicht nochmal die Möglichkeit, in Brüssel oder so nachzulegen.
Andererseits wäre das auch sehr schade gewesen, wenn wir diese Reise nicht gemacht hätten. Denn dann hätte ich nie Newcastle, Sunderland und die sehr wunderschöne angrenzende Nordseeküste kennengelernt. Denn alle drei sind auf unterschiedliche Art eine Reise wert und touristisch auch im Sommer – wie wir in Gesprächen gehört haben – nicht stark besucht. In dieser Jahreszeit natürlich schon mal gar nicht, was den Ausflug noch angenehmer machte.
Nun gut, all das war nicht bekannt, als Saint Etienne Ende letzten Jahres ihre UK Farewell Tour ankündigten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns für einen Konzertbesuch in Newcastle bzw. in Gateshead, das auf der anderen Seite des Tyne direkt gegenüber von Newcastle liegt. Ich bin mir nicht sicher, ob Gateshead eine eigenständige Stadt ist oder nur ein etwas größerer Stadtbezirk von Newcastle. So richtig herausgefunden habe ich das nicht, ich machte mir aber auch nicht die Mühe, es konsequent nachzurecherchieren. Der Konzertort nennt sich The Glasshouse – International Centre for Music und liegt unserem Hotel nahezu gegenüber. Es geht nur einmal den einen Hügel runter und anschließend wieder leicht hinauf (ja, die Gegend ist sehr hügelig, war mir so auch nicht bewusst), vielleicht insgesamt eine Wegstrecke von 900 Metern.
The Glasshouse International Centre for Music on NewcastleGateshead Quayside aptly describes itself as ‚A music centre rooted deeply in the North, with an international profile.‘ The Glasshouse, formerly known as The Sage Gateshead, is an international home for music and musical discovery. It houses two main stages of acoustic excellence, a 26-room music education centre, a music information resource centre, four bars, a brasserie and a cafe. All kinds of music can be heard here including world, rock, pop, classical, acoustic, indie, country, folk, jazz, electronic and dance music, and its own orchestra Northern Sinfonia is at the heart of The Glasshouse International Centre for Music’s classical programme. The Glasshouse is the hub for a superb music Learning and Participation programme delivered across the whole of the North East and Cumbria, and offers a wide range of opportunities to explore and create all kinds of music, for people of all ages at every level of ability and experience. The building itself is spectacular and entry is free, so pop in and have a look around for great views of the Quayside.
newcastlegateshead.com
„The Glasshouse International Centre for Music is in the top 5 best concert halls in the world“
Okay. Das klingt schonmal vielversprechend und mein erster Eindruck, den ich Tage zuvor beim Death cab for cutie gewinnen konnte, war sehr positiv.
Genau, wir sind nicht nur für das Saint Etienne Konzert nach Newcastle geflogen. (Die Flughafenanbindung mit der Metro ist übrigens sehr vorbildlich, man erreicht Newcastle City in einer guten halben Stunde mit der Bahn.) Die Absicht war es, vorher ein paar Tage hier zu verbringen und den Rückweg via London am folgenden Wochenende anzutreten. Da wollten wir auch noch Public Service Broadcasting im Ally Pally sehen. Um diese zwei sicherlich herausragenden Konzerte planten wir die Englandwoche.
Meine Geschichte mit Saint Etienne begann früh in den 1990er Jahren. Mit Intastella. Es ist die Zeit von Beats International und „Dub be good to me“, das damals im Radio und auf MTV rauf und runter lief. Etwas House, etwas Funk, sehr tanzbar. „Dub be good to me“ war ein Riesenhit und ich mochte den Song sehr. Davon angestachelt entdeckte ich über Umwege Interstella’s „Dream some paradise“ und später auch „Like a motorway“ von Saint Etienne. Da ich von Interstella im Weiteren nicht mehr viel hörte, entdeckte ich „Hug my soul“, kaufte das Tiger bay Album und freute mich, kurze Zeit später eine Saint Etienne CD auf einer Bochumer CD-Börse zu finden, die alle bis dahin erschienenen Singles enthielt. Und das waren durch die Bank gute Songs: „Only love can break your heart“, „Who do you think you are“, „Pale Movie“, „He’s on the phone“, „Nothing can stop us“, „You’re in a bad way“. Da kann man schon mal Fan werden. Erst recht, wenn das nächste reguläre Saint Etienne Album Good Humor heißt und qualitativ den Singles in nichts nachsteht. Im Gegenteil. Und Hände hoch, wer in den 1990er Jahren nicht in Sarah Cracknell verliebt war. Ich kenne niemanden, der das von sich behaupten kann.
Spätestens ab 1996 wollte ich die Band unbedingt live sehen. Es gelang mir aber erst 8 Jahre später beim Monsters Of Spex Festival 2005 im Kölner Jugendpark, zusammen übrigens mit Bands wie Hot Hot Heat, The Arcade Fire, Dinosaur Jr., Hard-Fi, Tomte oder Maximo Park.
Damit waren Saint Etienne neben Bettie serveert die Band, für die ich am längsten auf ein Konzert gewartet habe. In den nächsten Jahren ist mir das dann noch dreimal geglückt. Allerdings nur auf Festivals.
Im letzten Jahr veröffentlichten Saint Etienne mit International ihr 12. und letztes Album. Kurz darauf kündigten sie ihre UK-Farewell Tour an. Schnell war klar, dass ich Saint Etienne Songs noch einmal live hören möchte und schaute nach Tickets. Aufgrund der einfachen Anreise bot sich das Konzert in Gateshead an. Auch, weil es zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht ausverkauft war und ich noch nie diese Gegend Englands besuchte.
7.30pm – 8.15pm Gwenno, 8.15pm – 8.45pm Interval (30 minutes), 8.45pm – 10.10pm St. Etienne. So die Ankündigung Tage zuvor. 85 Minuten, mhh, knapp gestrickt für ein Abschiedskonzert, denke ich so und recherchierte die Setlisten der vorangegangenen Konzerte. 18 Songs klingt auch nicht gerade üppig. Nun denn, Qualität vor Quantität.
Das The Glasshouse ist ein modernes, zeitgemäßes Konzertgebäude mit aktuellen technischen Standards. Der Sound – so hatte ich schon beim Death cab for cutie Konzert feststellen dürfen – ist nahezu perfekt und so waren meine Hoffnung nicht unbegründet, dass es auch Saint Etienne nicht gelingen wird, ihren Sound zu basslastig wummerig klingen zu lassen. Meine bisherigen Saint Etienne Konzerterfahrungen waren diesbezüglich leider von einem eher schlecht austaxiertem Sound geprägt. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen ganz sound-fiesen Primaveraauftritt. An diesem Abend besteht hier keine Gefahr. Der Sound ist glasklar und brillant, die Soundqualität ist die beste, die ich bisher bei Saint Etienne Konzerten gehört habe.
Im Vorprogramm spielte die Sängerin Gwenno ein paar Songs und kann mich nur bedingt überzeugen. Ich finde es irgendwie immer ein bisschen weird, wenn, wie in diesem Fall, eine Vorband vor knapp halb vollem Saal spielt und irgendwelche sing-a-long-/ Publikumsanimationssachen unternimmt. Das funktioniert meistens nicht, und es funktioniert natürlich auch in diesem Fall nicht. Gwenno Saunders ist eine walisische Singersongwriterin, die auch gerne mal auf walisisch oder kornisch singt. Zumindest macht sie das an diesem Abend, und es klingt – wie sag ich’s? – interessant. Zumindest weiß ich jetzt, dass der kornische Begriff für Käse ‘Keus’ dem deutschen Wort doch sehr ähnlich klingt. Der Songtitel dazu lautet „Eus keus?“, auf Englisch „Is there cheese?“. Das ist auch das, was ich aus diesem doch relativ langem Vorprogrammslot mitnehme. Ansonsten, wie schon gesagt, funktionieren die Gwenno Songs bei mir nicht.

Im Gegensatz zu Montag ist nun der Innenraum bestuhlt. Nur direkt vor der Bühne ist ein vielleicht 5 Meter breites Areal als Stehplatzbereich ausgewiesen. Ich glaube, dieser Bereich ist nahezu identisch mit dem sehr breiten Fotograben vom Montagabend beim Death cab for cutie Konzert. Auch die zweite Balkonebene ist an diesem Abend geöffnet und voll besetzt. Offiziell ausverkauft ist das The Glasshouse, obwohl während des Konzertes der Sitzplatz neben mir und schräg vor mir frei bleibt und auch im Innenraum einige Lücken zu erkennen sind. Nun, sicher kurzfristig entstandene private Unpässlichkeiten.
Pünktlich betreten Saint Etienne die Bühne. Neben dem Saint Etienne Basisteam um Sarah Cracknell und die beiden DJs Bob Stanley und Pete Wiggs stehen auch Joe Bennett (Bass/Violine), die langjährige backing Vokalistin und ehemalige Dolly Mixture Sängerin Debsey Wykes sowie am Schlagzeug Loz Colbert. Und wer jetzt stutzt, stutzt berechtigt. Das ist der Ride Schlagzeuger, der für die Farewell Tour tatsächlich Konzerte seiner eigenen Band in Japan ausfallen lässt. Man muss halt Prioritäten setzen. Die Band eröffnet mit „Tonight“ und schließt später mit „The last time“. Songtitel die passen, wie ich finde. Klingt der Sound anfangs tatsächlich noch leicht wummig, wird er spätestens mit “Spring” deutlich besser. Sarah Cracknell klingt deutlich und laut genug, damit er sich gegen die Basstöne der Synthesizer durchsetzen kann.
Es ist allgemein bekannt, dass Saint Etienne ungefähr 100 Hits im Laufe ihrer Karriere geschrieben haben. So ist mir von vornherein klar, dass nicht alle Hits gespielt werden können. Das hatte ich eingeplant und akzeptiert. Aber das sie leider „Hug my soul“ und „Sylvie“ sowie „The bad photographer“ und „Join the club“ vergessen haben, in die Setlist mit aufzunehmen, finde ich dennoch sehr bedauerlich. Wenigstens zwei der vier Songs hätten doch noch einen Platz gefunden, oder?!
Das Publikum ist größtenteils in meinem Alter und auch aufs Zuhören denn aufs mittanzen bedacht. Durch die Bestuhlung ist auch eher schwierig und eigentlich nur vorne im Stehplatzbereich möglich. Erhebt sich im Innenraum jemand von seinem Sitz, wird er vom Sicherheitspersonal nett darauf hingewiesen, dass er sich doch bitte wieder hinsetze, weil er sonst dem Hintermann die Sicht verstelle. Tanzen ist hier also nicht möglich. Dafür aber Fotos machen, was wiederum im Stehplatzbereich untersagt war und auch penibel darauf geachtet wurde, dass das keiner macht.
Mit „He’s on the phone“ und zwei Zugaben beenden Saint Etienne diesen Konzertabend und ihr letztes Konzert in greater Newcastle relativ unspektakulär. Gefühlt fluchtartig verlässt Sarah Cracknell danach die Bühne, Bob Stanley und Pete Wiggs winken und applaudieren zumindest noch etwas in den Saal. Es ist ein bisschen wie in einem ihrer Songs: ‘Shoes in hand, don’t make a sound, it’s time to go.‘ Ich habe den Eindruck, sie seien irgendwie froh, wenn die Tour vorbei ist. Obwohl das nur bedingt so sein kann, denn sie haben ja freiwillig und ohne Druck zwei weitere Farewell Tourneen angekündigt. Genug scheinen Saint Etienne also nicht zu haben.
Im The Glasshouse war es im Prinzip ein Konzert und eine Setlist wie bei vielen anderen Konzerten auch. Ohne Überraschungen und ohne besondere Vorkommnisse. Da hatte ich dem Anlass entsprechend ehrlicherweise ein bisschen mehr erwartet.
Funfact: „He is on the phone“. In diesem Song featuren Saint Etienne den französischen Sänger Étienne Daho. Von dem habe ich bisher noch nie etwas gesehen oder gehört. Aber just am Tag nach dem Konzert flattert mir ein Newsletter des Lütticher OM in den Postkasten, der ein Étienne Daho Konzert für den Januar ankündigt.
‚Chin Chin, it’s Gin and Tonic time‘ (Sarah Cracknell – Saint Etienne 2012)
Setlist:
01: Tonight
02: Like a motorway
03: Spring
04: Glad
05: You’re in a bad way
06: Shower scene
07: Who do you think you are
08: Heart failed (in the back of a taxi)
09: Pale Movie
10: Brand new me
11: Mario’s Cafe
12: Take me to the pilot
13: Only love can break your heart
14: DJ
15: Stormtrooper in drag
16: He’s on the phone
Zugabe:
17: Nothing can stop us
18: The last time
Kontextkonzerte:
Saint Etienne – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2017
Saint Etienne – Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2012
Saint Etienne – Berlin Festival Tempelhof, 07.08.2009