Ort: Alexandra Palace, London
Vorband: Hamish Hawk

Wird dies das größte Konzert, das Public Service Broadcasting je gespielt haben? Als mich Anfang des Jahres die E-Mail-Ankündigung für das Konzert erreichte, war ich durchaus interessiert:
TRFS ANNIVERSARY SHOW AT ALEXANDRA PALACE! We’re delighted to reveal that we will be playing our biggest ever headline show later this year, on Saturday 26 September 2026. It’s in celebration of 10(+1) years of The Race For Space, and will see us pull out all the stops to top our Brixton show 11 years ago.
Könnte man ja eigentlich machen. Also hinfahren. Im Alexandra Palace war ich bis dato noch nicht. Den kenne ich nur aus dem Sportfernsehen, als ich vor vielen Jahren zwischen Weihnachten und Neujahr die Darts-Weltmeisterschaften verfolgt habe. Mittlerweile mache ich das nicht mehr, aber den Ally Pally, wo der Alexandra Palace umgangssprachlich genannt wird, zu besuchen, war nach wie vor ein Ziel. Denn dass dort auch Konzerte stattfinden und nicht nur karneval-esk anmutende Dartsveranstaltungen, ist mir hinlänglich bekannt. Und warum dann nicht ein gutes Konzert wie das Public Service Broadcasting Ding?
Der Alexandra Palace ist – sag ich mal – eine große Halle mit einem grossen vorgelagerten Food- und (für Briten wichtiger) Trink-Court.
…wurde 1873 als Freizeit- und Erholungspark The People’s Palace auf einer Anhöhe im Norden des Londoner Stadtbezirks Haringey eröffnet. Am Eröffnungstag gab es ein Konzert mit 102.000 Zuschauern. Zwei Wochen nach der Eröffnung brannte das von John Johnson und Alfred Meeson entworfene Gebäude fast vollständig ab, wurde aber in den folgenden zwei Jahren wieder aufgebaut und am 1. Mai 1875 wiedereröffnet. Der neue Alexandra Palace beherbergte einen Konzertsaal, Kunstgalerien, ein Museum, einen Hörsaal, eine Bibliothek, einen Bankettsaal und ein großes Theater. Das Theater diente auch als Veranstaltungsort für politische Versammlungen. Das Gelände umfasste ein Freibad, eine Pferderennbahn mit Tribüne, ein japanisches Dorf, eine Achterbahn, einen Bootssee und einen Neun-Loch-Golfplatz. Die Cricket- und Fußballvereine von Alexandra Park trugen ihre Spiele seit 1888 auf der Rennbahn aus.
wikipedia.de
Ja, der Bau ist ein Koloss und anfahrtstechnisch nur schwierig zu erreichen. Die Great Northern Bahnlinie fährt hier hin, einen Metroanschluss gibt es nicht. Wohl aber noch irgendeine Buslinie. Wie dem auch sei, vom Bahnhof ‘Alexandra Palace‘ läuft man noch gut 20 Minuten einen Hügel nach oben, um am Ally Pally anzukommen. Dann muss man noch einmal um das Gebäude herum, bevor man am Haupteingang steht. Ab da ist es einfacher. Man geht durch einen grossen Raum, an dessen Wänden allerlei Essens- und Getränkestände installiert sind und mittig locker hundert Bierbankausstattungen Sitzgelegenheiten bieten, um dann in den Konzertsaal zu gelangen. Ich lese im Nachhinein, dass hier 10000 Leute reinpassen. Ebenerdig, ohne Galerie oder so.
Diesen Ort haben sich Public Service Broadcasting für ihr Jubiläumskonzert ausgesucht. Ich habe keine Ahnung, in welchen Hallen die Band in Britannien sonst so unterwegs ist, bei uns sah ich sie im Club Volta und im Stadtgarten, also in Saalgrößen, die um ein sehr Vielfaches kleiner sind. In den Club Volta passen gut 500 Leute, in den Stadtgarten in etwa auch so viel. Think big, möchte ich sagen, und – nach dem Konzert – großartig umgesetzt. Denn nicht nur war das Konzert nach wenigen Tagen ausverkauft, es gab auch dem Ort angemessen eine superbe Bühnenshow und ein gutes Rahmenprogramm. Das Rahmenprogramm war ein spezieller Pop-up Merchstore in London in einem Pub am Kings Cross, den wir aber aus Zeitgründen nicht besuchen konnten. Am Samstag und Sonntag konnte man dort die Band und/oder Crewmitglieder treffen und speziellen Merch wie limitierte Vinyl Scheiben und ähnliches kaufen. Schade, das hätte ich mir natürlich gerne angesehen, aber die Öffnungszeiten des Stores matchten leider nicht mit unseren in-London-Zeiten.

Im Vorfeld hatten wir die Anreise recherchiert. Mit der Great Northern Line ab St Pancras und den Rest zu Fuß. Alles in allem eine gute halbe Stunde plus die Fahrt vom Hotel nach St. Pancras. Konzerte in Großstädten haben manchmal lange Anfahrtswege. Wir wollten gegen halb acht am Alexandra Palace sein, waren also etwa eine Stunde vorher in Pancras. Okay, der erste Zug in Richtung Ally Pally fiel aus, und der nächste hatte gleich ein paar Minuten Verspätung. Warum auch sollte es hier anders sein. Das wirft natürlich unseren Zeitplan komplett über den Haufen.
Gemeinsam mit hundert anderen aus dem Zug erreichen wir erst um kurz nach 20 Uhr den Ally Pally, der im Übrigen ganz schön weit außerhalb Londons liegt. Und den Fußweg hinauf muss ich auch nicht öfter in der Woche haben. Aber das nur als Randnotiz. Als wir am Alexandra Palace ankommen, liegt der Auftritt von Hamish Hawk in den letzten Zügen. Was das für uns und unseren Stehplatz bedeutet, bemerken wir recht schnell. Wir stehen hinten, der Laden ist schon sehr gut gefüllt. Ich hatte mir vorher überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wie der Konzertsaal aussieht und worauf man gegebenenfalls vorbereitet sein soll. Jetzt weiß ich es. Es ist ein großer, ebenerdiger Saal ohne Tribünen oder Galerie. Noch nicht einmal der Boden ist in Richtung Bühne abschüssig geneigt oder die Bühne besonders hoch. Was wiederum bedeutet, steht man wie wir hinten oder im letzten Drittel, sieht man nur bedingt gut. Ich meine, die Great Hall des Alexandra Palace, in der das Konzert stattfindet, ist gut 120 Meter lang und fasst 10000 Leute.
The race for space. 10+1-jähriges Jubiläum des Albums. Und das wollen Willgoose Esq., Wrigglesworth, JFAbraham und Mr B – so die Künstlernamen der Public Service Broadcaster – gebührend feiern. Sie haben die Musikerinnen EERA und Andreya Casablanca als Gäste eingeladen, die ‘ihre Songs’ auch live singen, sie haben eine zweite Bühne in der Saalmitte installiert, auf der gleich zu Beginn die vierköpfige Bläserfraktion auftaucht, Willgoose Esq. hat extra für diese Show eine Umbaupausenmusik komponiert, die thematisch an das Album The race to space anknüpft, im Ally Pally sind große Leinwände installiert und ab und schwebt ein kleiner Sputnik Satellit über unseren Köpfen. Mehr geht eigentlich nicht!
Das Album spielen sie in Songreihenfolge, aber zweigeteilt. Der erste Block entspricht der ersten Plattenseite und endet mit „E.V.A.“. Danach schieben sich Songs von anderen Public Service Broadcasting Alben ein, unter anderem „Blue heaven“ und „The fun of it“, zu denen jeweils die Berlinerin Andreya Casablanca (Gurr) auf die Bühne kommt. Bekanntermaßen haben Public Service Broadcasting zu ihrer Berlinphase ein Album über die Kulturgeschichte der Stadt Berlin gemacht (Bright magic), auf dem Andreya Casablanca und weitere Gastmusiker*innen aus Berlin auftauchen. Ihr zweitbestes Album nach The race for space, wie ich finde. Ach ja, und sie ersetzen „Gagarin“ – ursprünglich Track 3 auf dem Album durch „Korolev“ von der Sputnik / Korolev EP. „Gagarin“ kommt dann im Zugabenteil.
All das findet an diesem Abend im Ally Pally statt und ich glaube, die Songfrickler und Infotainment Künstler Public Service Broadcasting fühlen sich pudelwohl mit diesem sehr verspielten und thematisch sehr schlüssigen Konzert. Ich mich übrigens auch, trotz meines zu weit entfernten Stehplatzes. Denn was ist das für ein tolles Erlebnis, wenn 10000 Leute laut ‘Go!’ rufen, oder den Moment in „The other side“ herbeisehnen, wenn sich Apollo wieder in Houston meldet und gleißend weißes Licht über die Köpfe projiziert wird. Ganz so, als ob die Erde wieder hinter dem Mond zum Vorschein kommt. Das ist schon großartig im Augenblick und er wird unvergesslich bleiben. Es sind diese klug ausgearbeiteten Feinheiten in Licht- und Videotechnik, die dieses Konzert zusätzlich einmalig machen. Dazu gehören auch die über die Bühne tanzenden Astronauten.
The race to space ist eines meiner Lieblingsalben und sicherlich das beste Inform-Educate-Entertain-Konzeptalbum, das ich kenne. das war mein Dosenöffner für Public Service Broadcasting, die ich erstmals vor vielen Jahren als Vorband der Manic Street Preachers im Kölner E-Werk sah. Damals kapierte ich noch nicht so ganz, was sie mir mit ihren instrumentalen Tracks und Soundsamplings sagen wollten. Erst als ich dieses Album hörte und Public Service Broadcasting danach nochmal live sah, hatte ich verstanden. Eine großartige Band mit hervorragenden Song- und Soundideen. Gilt nicht nur für das The race to space Album, sondern auch für die Geschichten über die walisischen Minenarbeiter (Every valley), Berlin (Bright light) und relativ neu The last flight über Amelia Earharts letzte, unglückliche Reise im Jahr 1937.
Doch nochmal kurz zurück in den Ally Pally. Als letzten Song spielen sie „The whole of the moon“. Besser und würdevoller dieses Konzert zu beschließen, das geht nicht!
Als Fazit bleibt: einmal im Ally Pally reicht allemal, Public Service Broadcasting dagegen sehr gerne und noch sehr oft wieder. Wow, was für ein Abend!
Setlist:
01: The race for space
02: Sputnik
03: Korolev
04: Fire in the cockpit
05: E.V.A.
06: Theme from PSB
07: Progress
08: The fun of it
09: Blue heaven
10: Spitfire
11: Valentina
12: The other side
13: Go!
14: Tomorrow
Zugabe:
16: People, let’s dance
17: Gagarin
18: Everest
19: The Whole of the Moon
Kontextkonzerte:
Public Service Broadcasting – Köln, 12.11.2024 / Club Volta
Public Service Broadcasting – Primavera Weekender Benidorm, 17.11./18.11.2023
Public Service Broadcasting – Köln, 26.11.2017 / Yuca
Public Service Broadcasting – Köln, 18.03.2016 / Stadtgarten
Gurr – Way back when Festival, Dortmund, 29.09. bis 01.10.2017