Ort: The Glasshouse, Gateshead
Vorband: –

Wenn ich an Ben Gibbard, den Sänger der Band Death cab for cutie, denke, denke ich an seine wirklich sehr schönen Homerecordings, die er während des Corona Lockdown regelmäßig über das Internet streamte. Alleine am Klavier spielte der Death cab for cutie und Postal Service Songs, stundenlang irgendwelche Coverversionen und erfüllte Song Requests. Einer der wenigen musikalischen Lichtblicke während dieser unsäglichen Zeit. Zum Dank dafür besuchte ich bei nächstbester Gelegenheit ein Death cab for cutie Konzert und war überraschenderweise sehr angetan von dem Auftritt der Band. Denn eigentlich hatte ich Death cab for cutie in den letzten Jahren komplett aus den Augen verloren. Ihre neuen Alben habe ich nicht mehr gehört; ich habe mich schlichtweg nicht weiter für die Band aus Seattle interessiert. Anfang der Nullerjahre war das anders. Seinerzeit waren Death cab for cutie mit ihrem feinen Emo-Indierock eine meiner Lieblingsbands. Songs wie „The New Year“, „Soul meets body“ oder „The sound of settling“ standen ganz weit oben in meinen Musiklisten und ihre Platten We have the facts and we’re voting yes, Transatlanticism und Plans mochte ich sehr. Aktuell stehe ich Death cab for cutie zwiegespalten gegenüber. Auf der einen Seite ignoriere ich auch die aktuellen Alben der letzten fünf Jahre (Asphalt meadows und die aktuelle Scheibe I built you a tower), auf der anderen Seite steht da dieses durchaus unterhaltsame Death cab for cutie Konzert aus dem E-Werk vor zwei, drei Jahren.
Es ist der Tag der Anreise in den Kurzurlaub nach Neuengland, oder besser in die Region um Newcastle und Sunderland. Dabei war es nicht von langer Hand geplant, ein Death cab for cutie Konzert zu besuchen, Absicht und Anlass des Kurztrips war vielmehr ein Konzert der Farewell Tour von Saint Etienne, das am Donnerstag der Woche im The Glasshouse in Gateshead angesetzt war. Es schien die letzte Gelegenheit zu sein, meine Lieblingsband aus den 1990er Jahren noch einmal live zu sehen. Damals, in den 1990er Jahren hatte ich sehr lange darauf warten müssen, Saint Etienne live sehen zu können, erst Anfang der 2000er Jahre hatte ich das Glück. Und nun wollte ich mir einen letzten Blick auf eine der besten Bands der 1990er Jahre nicht verwehren. Aber dieses Konzert ist eine andere Geschichte…genauso wie das am darauffolgenden Samstag stattfindende Public Service Broadcasting Konzert in London, das unsere England-Planungen nur unterstützte und uns ermutigte, nicht nur wegen dem Saint Etienne Gig nach Newcastle zu fahren, sondern ein paar Tage länger auf der Insel zu verweilen. So entwickelte sich die Idee, bereits am Montag die Reise zu beginnen und bis zum Sonntag auszudehnen. Ach, und dann kam ja auch noch das Cake Konzert in Antwerpen dazu… noch eine andere Geschichte.
Ein paar Tage vor Abfahrt wurde ich darüber informiert, dass Death cab for cutie am Montag im The Glasshouse ein Konzert geben wird. Erst war mir diese Information etwas egal, als ich dann aber darüber nachdachte und anschließend auch noch ein sehr günstiges Resale-Ticket fand, konnte ich diesen Fakt nicht mehr ignorieren. Erst recht nicht, als mir nochmal bewusster wurde, dass unser Hotel quasi nur einen Steinwurf weit entfernt vom The Glasshouse liegen sollte. Also, da schaffe ich es doch, kurz rüberzugehen. Auch wenn Anreisetage immer etwas stressig und ermüdend sind und man meist noch andere Dinge zu erledigen hat.
So verlasse ich um kurz vor halb neun das Hotel. Der Zeitplan sieht das Death cab for cutie Konzert für die zwei Stunden zwischen 20.30 Uhr und 22.30 Uhr vor. Kurz vor Konzertbeginn komme ich am The Glasshouse an. Die Ticketkontrolle ist anschließend keine richtige. Der QR-Code auf meinem Mobiltelefon wird nur kurz angeschaut und danach wird mir ein Bändchen für den Stehplatzbereich um das Handgelenk geklebt.
The Glasshouse, formerly known as The Sage Gateshead, is an international home for music and musical discovery. It houses two main stages of acoustic excellence, a 26-room music education centre, a music information resource centre, four bars, a brasserie and a cafe.
newcastlegateshead.com
Das Death cab for cutie Konzert ist im Saal SageOne angesetzt, an der Tür sehe ich ein Schild, dass dieser eine Kapazität für ungefähr 2400 Leute aufweist, ganz genau habe ich die Zahl nicht mehr im Kopf. Das Konzert ist aber wohl nicht ausverkauft, zumindest ist das mein Eindruck. Der nicht bestuhlte Innenraum gibt noch relativ viel Platz her und die 2. Balkonetage scheint komplett geschlossen zu sein. Ich schätze mal, dass keine 2000 Besucher im Saal sind, was ich bei Ticketpreisen von über 45 Pfund auch verstehen kann. Das hätte ich an diesem Abend für ein Ticket auch nicht ausgegeben, meine 23 Pfund im Resale finde ich dagegen okay.
Es gelingt mir, noch einen Platz in relativ guter Nähe zur Bühne zu erhaschen. Allerdings bin ich jetzt doch etwas kaputt und müde, und halte mich daher in der Nähe der seitlichen – aber etwas erhöhten – Sitzplätze auf, um mich an der Wand anlehnen. Das mit der Bühnennähe ist übrigens speziell: ein 4 bis 5 Meter breiter ‘Fotograben’ steht zwischen der ersten Reihe und der Bühnenkante. Die Vorband sehe ich überhaupt nicht. Ich kenne noch nicht einmal ihren Namen und bin auch zu kaputt und zu desinteressiert, sie zu googeln. Ich bin. Meine Konzertstimmung ist so lala. Denn es ist ja manchmal so, dass Dinge oder Ideen in der Vorplanung durchaus easy machbar, interessant und plausibel erscheinen, sich aber dann in der Realität als genau das Gegenteil entpuppen. So ging es mir mit diesem Konzert. Klar, das The Glasshouse liegt neben dem Hotel, klar, Death cab for cutie sind eine interessante Band und klar, abends kann ich noch kurz trotz Reisestress ein Konzert besuchen. Das macht bestimmt großen Spaß! Nein, das macht es nur bedingt. Gerne säße ich jetzt lieber faul in der Hotellobby oder in einem Restaurant, anstatt hier rumzustehen. Aber kneifen gilt nicht, zumindest nicht immer und nicht jetzt. Also Death cab for cutie.
Als Intro läuft „Computer World“ von Kraftwerk vom Band. ‘Oh, ein gutes Intro’ denke ich noch so und sehe mich dann einem eher schwachen Konzertstart gegenüber. Der Sound ist verdammt gut, aber passt überhaupt nicht zu einem Rockkonzert. Durch die Bauweise ist der SageOne Saal eher ein klassischer Konzertsaal denn ein Rockclub und die Boxen sind relativ weit oben an der Decke angeordnet. Das führt dazu, dass der Sound zwar schön kristallklar (und vielleicht zu kristallklar) ausgesteuert ist, aber gefühlt über die Köpfe der Stehplätze hinweg schwebt. Das klingt sehr etwas kühl und wenig nah. Ich gewöhne mich erst bei „Black sun“ an diesen Sound und das Konzert beginnt für mich eigentlich erst mit dem sechsten Stück. So gehen die ersten Songs komplett an mir vorbei. Auch, weil ich die Songs zuvor bis auf „The New Year“ nicht kenne oder erkenne. Ja, es fällt mir schwer, in den Abend hineinzukommen. Hinzukommt, dass die Stimmung in den Anfangsminuten auch sehr reserviert ist. Ich habe den Eindruck, dass keine richtige Stimmung aufkommen will. Liegt das an dem breiten Graben zwischen Bühne und Publikum, dass beide nicht so richtig zueinander finden? Bildet die räumliche des Distanz auch eine emotionalen Distanz? Ich empfinde es als eine ganz komische Gemengelage, als ob die einen (Band) mehr vorspielen und die anderen (Publikum) eher zuhören als begeistert mitgehen. Ich kann es nicht besser beschreiben, aber das ist auf alle Fälle mein Eindruck und dieser färbt auch ein wenig auf mein Empfinden ab. Ich bin abgelenkt und kann mich nicht von der Band in den Bann ziehen lassen, so wie es noch bei meinem letzten Death cab for cutie Konzert im E-Werk der Fall war. Der Funke springt einfach nicht über, wie man in solchen Fällen lapidar sagt. Und so kriecht das Konzert irgendwie vor sich hin. Die Zeit vergeht, man hört ab und an schöne Indiesongs und ich beobachte den Sänger, wie er manchmal hyperaktiv über die Bühne fegt. Aber das ist es dann auch. Natürlich ist es toll, wenn Ben Gibbard solo auf der Akustikgitarre „I will follow you into the dark“ spielt, aber hat er das nicht auch schon vor Jahren so gemacht? Hinzu kommt, dass die neueren Songs nicht wirklich zünden. Und die eingestreuten alten Sachen wie z. B. „Cath…“ reißen es nicht raus. Sie sorgen zwar punktuell für kleine Begeisterungsstürme, aber den Abend retten können sie nicht. Es bleibt insgesamt bei einer doch sehr reservierten Stimmungslage im Saal.
Für mich haben Death cab for cutie im Mittelteil ihre stärkste Phase, als sie „What Sarah said“, „I will follow you into the dark“ und „I will possess your heart“ hintereinander wegspielen. Für viele andere auch, der Applaus ist stärker als zuvor. Allerdings bleibt die Begeisterung auf durchschnittlichem Niveau. Auch zum Ende hin, als die Hitdichte ansteigt, bleibt es eher ruhig. Scheinbar ist jetzt für Death cab for cutie schon alles verloren. Nur mit Ach und Krach funktioniert der Zugabenapplaus. Die Band kommt trotzdem nochmal zurück und spielt vier weitere Songs. Nach „Transatlanticism“ ist dann aber wirklich Schluss.
Der Saal leert sich schnell.
Das war alles in Allem ein eher schwächerer Konzertabend. Wirklich sehr, sehr schade. Gerade, nachdem sie mich mit ihrem letzten Konzert so positiv überrascht haben und für mich den Eindruck erweckten, dass da noch irgendwie was ist. das fühlte ich an diesem Abend überhaupt nicht.
Setlist:
01: Riptides
02: Roman candles
03: The New Year
04: Punching the flowers
05: The ghosts of Beverly Drive
06: Black Sun
07: I built you a tower (a)
08: Company calls
09: Pep talk
10: What Sarah said
11: I will follow you into the dark
12: I will possess your heart
13: Grapevine fires
14: Stone over water
15: How heavenly a state
16: Cath…
17: Crooked teeth
18: Trap door
19: Here to forever
20: Soul meets body
Zugabe:
21: Champagne from a paper cup
22: Marching Bands of Manhattan
23: Tiny vessels
24: Transatlanticism
Kontextkonzerte:
Death cab for cutie – Köln, 12.03.2023 / E-Werk
Benjamin Gibbard – Seattle, 27.03.2020 / Ein Arbeitszimmer
Death cab for cutie – Berlin, 09.11.2015
Death cab for cutie – Köln, 10.07.2008 / Live Music Hall