Ort: Bozar, Brüssel
Vorband:

Billy Corgan - Brüssel, 04.09.2026

Live: A Night of Mellon Collie and infinite Sadness featuring Billy Corgan. Als diese Konzertankündigung die Runde macht, klang es nach einem tollen Konzertabend. In einer Handvoll Städte plante Billy Corgan, das Album mit Symphonieorchester und Chor aufzuführen. Eine kleine Rockoper quasi; nur ohne Schauspiel. Rotterdam, Antwerpen, Paris und Madrid waren die Orte der Wahl. Und natürlich waren die Tickets für die Veranstaltungen ratzfatz ausverkauft. So kamen Zusatzshows am Nachmittag in Rotterdam und Antwerpen dazu, und ein paar Tage später auch ein weiteres Konzert im Bozar in Brüssel. Zack, das passte und schnell waren die Tickets für diesen Freitagabend gekauft. Oh ha, was mag das geben? Wie wird das sein? Eine gewisse Vorfreude baute sich nach dem Kartenkauf schnell auf. Wie werden die Songs interpretiert werden? Wie wird das ablaufen? Oder ist das alles ein ganz großer aufgeblasener Mist, der nur ein paar Kröten in die Corgan’schen Taschen spült? Ich hatte null Vorstellungen und Ideen darüber, was dieser Konzertabend bringen möge.
In den nächsten Tagen und Wochen suchte ich nicht nach Shows im Internet; das hatte ich irgendwie vergessen. Denn das Orchesterding ist nicht neu. Bereits im letzten Jahr, zum 30-jährigen Jubiläum von Mellon Collie and infinite Sadness, gab es allein sieben solcher Auftritte im Lyric Opera House in Chicago. In diesem Sommer, also zum 31. Jubiläum von Mellon Collie and infinite Sadness ist es dann erstmals – und sicher auch das einzige Mal – in Europa zu sehen und zu hören.

Wie Billy Corgan auf die Idee gekommen ist, das Album im Orchesterrahmen aufführen zu lassen, weiß ich nicht. Allerdings – und das kann niemand bestreiten –  ist Mellon Collie and infinite Sadness wie geschaffen für Bombast- und Orchestersounds. Denn alles an diesem Album ist dramatisch opulent. Das Cover, das Booklet, die Melodien, die Anzahl der Songs. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Smashing Pumpkins Mellon Collie and infinite Sadness ist für etwas Größeres ausgelegt hatten. Hier ging es nicht nur um Schrammelgitarren wie auf Gish und den Indiepoprock von Siamese Dreams. Hier ging es um mehr und vielleicht war es heimlich schon immer eine Idee, das Album orchestral mit allem Zipp und Zapp zu vertonen.
Und ehrlich gesagt ist das auch das Problem, das ich mit diesem Doppelalbum habe. Genau diese Wucht und Opulenz gefiel mir seinerzeit nicht so gut. Und so wurde Mellon Collie and infinite Sadness das Album, mit dem unsere Wege ein bisschen auseinanderliefen. Siamese Dreams und der verschrobene Indiesound waren viel mehr meins. Dafür liebte ich die Smashing Pumpkins. Der Sound auf Mellon Collie And Infinite Sadness, so fand ich, stand ihnen gar nicht gut. Die Prog-Rock Gitarren, die teils sehr langen Songs. Nein, das war’s nicht. Bis auf die nach klassischen Smashing Pumpkins klingenden „Tonight, tonight“ und „1979“ passte mir nichts so richtig in den Kram. Selbst „Zero“ und „Bullet with butterfly wings“, die anderen Hits des Doppelalbums, waren mir zu glam- und progrockig. Das Konzept hinter dem Konzeptalbum verstand ich wohl nicht so ganz.

Soweit, so gut.
Drei Tage vor dem Konzert in Brüssel bemühte ich mich um erste Hintergrundinformationen zum Konzert. Und prompt kamen erste Fragezeichen, als ich mir die Setlist der Rotterdam Veranstaltungen anschaute: wieso steht hinter fünf Songs die Ergänzung ’with Billy Corgan’? Klar singt er diese Songs, aber doch auch alle anderen. Oder etwa nicht? Bisher hatte ich auch nur Videos mit Billy Corgan in Orchesterbegleitung gesehen, also was ist da los!? Ich recherchierte intensiver und stellte fest, dass ich scheinbar immer Videos zu den gleichen Songs gesehen hatte. Songs, bei denen Billy Corgan auf der Bühne steht. Und dann wurde mir irgendwann klar, Billy Corgan ist nur einer von vier oder fünf Sänger*innen, die die Songs präsentieren. Na toll, das ist ja eine Nummer. Warum steht das nirgendwo deutlich? Die Bozar Homepage schreibt nur von

Billy Corgan — the legendary frontman and creative force behind The Smashing Pumpkins — will come to Bozar for an exclusive concert with a unique orchestral interpretation of The Smashing Pumpkins‘ landmark 1995 double album Mellon Collie and the Infinite Sadness. Blending rock, classical music, cinematic visuals and symphonic arrangements, A Night of Mellon Collie and Infinite Sadness promises to be a unique live experience — a rare opportunity to discover the iconic album live in a set-up like never seen before.

Oh Billy, oh Billy. Ein bisschen bin ich enttäuscht. Meine Vorfreude erhielt eine deutliche Delle. Das hatte ich mir doch ein bisschen anders vorgestellt. ‘Hoffentlich regnet nicht auch noch auf dem Weg zum Bozar’, dachte ich nachmittags. Dann wäre der Abend komplett.
Auf dem 20-minütigen Weg vom Hotel zum Bozar bleibt es dann allerdings trocken und natürlich steigt meine Neugierde wieder, je näher wir dem Theater kommen.

Mellon Collie and the Infinite Sadness (abgekürzt: MCIS) ist, nach zwei regulären Studioalben und einer B-Seiten-Sammlung, das dritte reguläre Studioalbum der Smashing Pumpkins. Der Musikstil ist breit gefächert und wechselt zwischen Thrash Metal, melodiösen, barock anmutenden Pop-Songs, Artrock, Grunge und akustischen Balladen.

Wikipedia

sage nicht ich, sagt Wikipedia. Im Oktober vor 31 Jahren wurde das Album veröffentlicht. Laut Billy Corgan sollte es das The Wall der 1990er Jahre werden. Nun ja, ob ihm das geglückt ist, in der Nachbetrachtung muss man wohl sagen eher nein. Es wurde schließlich eine Doppel-CD mit 28 Songs. Als 4-er CD-Set gibt es aktuell eine Geburtstagsedition zu kaufen.
Natürlich spielt das Ensemble nicht alle 28 Songs. Es werden 20 Songs, aufgeteilt in zwei Sets mit einer knapp halbstündigen Pause dazwischen. E-Musik like.
Das Foyer des Bozars füllt sich rasch mit älteren Herren, die Smashing Pumpkins T-Shirts tragen. Hatte ich nicht auch mal so ein gräuliches Zero T-Shirt? Glaube ja. Insgeheim frage ich mich, ob jeder hier genau darüber informiert ist, wie der Abend abläuft. Wenn ich so ein bisschen links und rechts lausche, habe ich Zweifel. Gut, da bin ich mal auf die Reaktionen danach gespannt.

Das Bozar ist ein sehr schöner, mittelgroßer Konzertsaal mitten in Brüssel. Die Beinfreiheit ist ein wenig eingeschränkt, aber das ist ja meistens in älteren Theatern der Fall. Außer, man sitzt in der ersten Reihe. Und da sitzen wir.

Billy Corgan - Brüssel, 04.09.2026

Ein Sitzplatz in Reihe 1 klingt grundsätzlich gut und normalerweise nicht zu toppen. Im Bozar ist die Bühne von Reihe eins aus weniger als 1 m entfernt, näher dran kann man in einem E-Musikhaus nicht sitzen. Sitzt man aufrecht, hat man bei geraden Blick direkte Sicht auf die Füße der Protagonisten. Eigentlich okay und perfekt. Eigentlich. Mein Sitzplatz ist allerdings vor einer Monitorbox, die mir den Blick auf die direkt vor mir sitzenden Kontrabassistinnen versperrt. Da die Bühne gefühlt mit 100 Stühlen und Notenständern für gefühlt 200 Musiker*innen vollgestopft ist, ist es mir überhaupt nicht möglich, einen kompletten Überblick zu bekommen. Den Chor in den hinteren Reihen sehe ich fast gar nicht. Anyway, immerhin konnte ich das Schuhwerk der Künstler*innen ausgiebig inspizieren. Und ich sage mal so, manch Musiker*in beweist hier durchaus Mut.

Nach dem letzten Gong dauert es ein paar Augenblicke, bis alle Musiker*innen ihre Plätze eingenommen haben, bevor als letztes vor dem Dirigenten die erste Geige auf die Bühne kommt und ein kleines Intro spielt. Ich hatte erwartet, dass nun der Meister Billy Corgan höchstselbst auf die Bühne kommt und uns in den Abend einführt. Vielleicht ein paar Worte zum Ablauf, ein paar Worte zum Album und eine kurze Vorstellung der Musiker*innen. Macht er aber nicht und so muss ich nach dem Konzert selbst googeln: Das Kammerorchester ist das CASCO Phil (ehemals Belgian Chamber Philharmonic) Orchester unter der Leitung des Dirigenten Benjamin Haemhouts. CASCO steht für Creative, Adventurous, Socially-committed, Cultural Organisation. es ist ein eher unkonventionelles Ensemble, das gerne auch an ungewöhnlichen Orten wie Schwimmbädern, in Zügen oder in Fußballstadien spielt. Der Chor ist der Brüsseler Chor Fine Fleur. Ich meine, dass Chor und Orchester von Ort zu Ort wechseln und jedes Mal lokale Musiker*innen sind. Nur die vier Sänger*innen sind quasi eine ständige Tourbegleitung von Billy Corgan. Und die sind wirklich hochkarätig. Die Sopranistinnen Zoie Imani Reams aus Chicago und Sydney Mancasola, die im Anschluss an diese Gastspielreise an der Oper in Zürich die Fledermaus singen wird, der Tenorsänger Dominick Valdés-Chenes sowie der Bariton Edward Parks, der demnächst mit Andrea Bocelli unterwegs sein wird. Das sind die vier, die den Hauptteil der Songs performen werden. Mal zusammen, mal solo.

In den ersten vier Songs waren alle schon zu sehen und zu hören, bevor Billy Corgan zu „Thirty-Three“ erstmals auf die Buehne kommt. Er macht das, als sei er einer der Vielen, die bereits auf der Buehne stehen. Dass er die eigentliche ‚Hauptattraktion‘ für alle im Saal ist, lässt er sich nicht anmerken. Kein Wink ins Publikum, kein hallo. Vielleicht ist das auch so geplant: die Mannschaft ist der Star. Konzentriert richtet er den Blick auf seinen Laufweg zur Bühnenmitte, singt mit geschlossenen Augen und marschiert am Ende des Songs ohne irgendwas von dannen. Billy Corgan wirkt enorm konzentriert, aus meiner unmittelbaren Nähe kann ich das gut erkennen. Okay, ich find’s merkwürdig. Fünf Songs später zu „Zero“ wiederholt sich das Prozedere genauso. Im langen schwarzen Mantel, schwarzer Hose und schwarzen Stiefel steht er nun direkt vor mir. Dass Billy Corgan groß ist, ist bekannt, so direkt vor einem stehend wirkt er wie ein Riese. Apropos „Zero“. Die Interpretation mit dem hysterischen Violinenspiel gefällt mir nicht so. Alle vier Gastmusiker*innen steht mit auf der Bühne und das gesangliche Wechselspiel irritiert mich zusätzlich. Dem anschließenden „Thru the eyes of Ruby“ dagegen steht der Orchestermantel sehr gut. Der längste Song bisher – und einer der längsten Songs des Albums – beschließt den ersten Block. 
Pause, und auf den Notenständern liegen schon die Blätter für den ersten Song des 2. Teils. Und was soll ich sagen, viele um mich herum zeigen sich überrascht vom Ablauf des Konzertes. Allerdings ist auch einigen klar, dass es so sein soll, wie es ist.
Mit einem ruhigen „In the arms of sleep“ startet der 2. Teil des Abends. Er ist mit neun Songs deutlich kürzer, beinhaltet aber mehr Billy Corgan Auftritte. Der Übergang zu „1979“, dem größten Hit des Albums, verläuft reibungslos. „1979“ bleibt nah am Original, die Streicher ersetzen die Gitarren und Billy Corgans tut sein Übriges dazu, dass “1979” eben nach „1979“ klingt. Anders ist das bei „X.Y.U.“, das stark nach Oper klingt und arg verfremdet wird. Auch das vom Bariton Edward Parks gesungene „By starlight“ wirkt so, klingt aber in Summe fuer mich an diesem Abend am interessantesten. Was fuer ein toller Song das ist, der auch ohne den markanten Gesang von Billy Corgan hervorragend funktioniert. Zwei weitere Male schaut Billy Corgan noch vorbei, jedes Mal ohne ein Wort zu verlieren. Schade, so bleibt dann doch vieles im Unklaren. Was, wieso, warum, das muss ich selbst nachrecherchieren.

Ob der Abend funktioniert, hängt davon ab, wie weit man sich in die Neuinterpretationen fallen lässt, wie weit man neugierig ist und den Weg mitgehen möchte. Dem Applaus nach zu urteilen, wollen alle diesen Weg mitgehen.
Zum Finale spielen sie nicht „Farewell and Goodnight“ – was extrem gut gepasst hätte -, sondern ein zweites „Tonight, tonight“. Dieses Mal mit Billy Corgan am Gesang. Ein sehr verdientes Konzertfinale, auch weil die anderen vier Sänger*innen dazukommen und somit alle Musiker vereint auf der Bühne stehen. Und ganz zum Schluss huscht dann doch noch ein Lächeln über Billy Corgans Gesicht.

Minutenlange standing ovations schwappen durch das Bozar. Enttäuscht oder gar verärgert ist hier niemand, auch wenn er vielleicht mit einem anderen Setup gerechnet hatte. Das gilt auch für mich. Wow, was für ein interessanter und hoch unterhaltsamer Abend! Darüber ist man sich nachher einig.
Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu: es war eine meiner skurrilsten Konzerterfahrungen des Jahres.

Setlist:
Set 1:
01: Mellon Collie and the Infinite Sadness
02: Tonight, tonight
03: Jellybelly
04: Galapogos
05: Thirty-Three
06: Beautiful
07: Muzzle
08: Lily (my one and only)
09: Stumbleine
10: Zero
11: Thru the eyes of Ruby
Set 2:
12: In the arms of sleep
13: 1979
14: By starlight
15: X.Y.U.
16: Bullet with butterfly wings
17: To Forgive
18: Cupid de Locke
19: Porcelina of the vast Oceans
20: Tonight, tonight reprise

Kontextkonzerte:
The Smashing Pumpkins – Luxemburg, 28.06.2024 / LuxExpo
Billy Corgan – Luxemburg, 21.06.2019 / Den Atelier

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