Ort: Rockhal, Esch-Alzette
Vorband: Fabiana Palladino

Lorde - Esch-Alzette, 01.09.2026

Lorde. Dieses Konzert hätte eigentlich vor einem knappen Jahr stattfinden sollen. Doch die neuseeländische Sängerin musste kurzfristig am Tag des Konzertes den Auftritt in der Rockhal für den Abend absagen. Ein medizinischer Notfall zwang Lorde dazu; eine Lebensmittelvergiftung, wie ich in den letzten Tagen nochmal nachgelesen hatte, kam ihr in die Quere.

Im Sommer 2025 hatte ich irgendwie die Lust und das Gefühl, ein Konzert von Lorde besuchen zu wollen. Luxemburg bot sich da an, die Rockhal im Belval an der französischen Grenze bei Esch-Alzette ist ein guter place-to-be für diese Art von Konzerten. (Und mit dieser Art von Konzerten meine ich Popkonzerte in mittelgroßer Ausprägung). Auch, wenn es zur Anreise an der falschen Landesgrenze liegt. Ich muss einmal durch Luxemburg durch, um ins Belval – einem ehemaligen Großindustriegelände – zu gelangen. Die Rockhal gibt es dort seit vielleicht 20 Jahren. Seinerzeit wurde die Industriebrache gentrifiziert, es entstand ein neuer Ort mit Wohngebäuden und der Universität. Über die Jahre kamen weitere Wohn- und Unigebäude sowie Einkaufszentren und Gastronomiegeschäfte hinzu. Und die Rockhal hat sich als größter Konzertsaal Luxemburgs im Tourkalender großer Musiker*innen etabliert. Die Halle selbst hat eine Kapazität von 6500 Besuchern und ein Setup, in dem keine Pfeiler, eine zu niedrige Bühne oder ein zu schlauchartiger Grundriss die Sicht beeinträchtigen. Für mich ist die Rockhal immer eine beachtenswerte Alternativadresse zu Orten wie dem Palladium oder der Philipshalle in Düsseldorf (die aber längst anders heisst, ich komme gerade nur nicht drauf).
Für ein Lorde Konzert ist es eine vergleichsweise kleine Halle, wenn man bedenkt, dass Lorde bei den meisten anderen Daten ihrer Europatournee Arenen mit bis zu 20.000 Plätzen bespielt. Aber Luxemburg ist auch ein kleines Land.
Überdies ist die Rockhal gut an die Autobahn angebunden und das Areal um den Bahnhof Belval und die Universität – beides liegt direkt neben der Rockhal – verfügt über ausreichend Parkplätze in der näheren Umgebung. Wenig verwunderlich also, dass ich hier auch immer viele französische und deutsche Konzertgänger treffe. Metz und Trier oder Saarbrücken sind nicht weit.

Ich hatte also vor einem Jahr Lust auf ein Lorde Konzert, aber mich natürlich nicht rechtzeitig um ein Ticket bemüht. So musste ich irgendwann feststellen, dass die Rockhal ausverkauft ist und der Zweitmarkt wenige bis überhaupt keine Angebote vorhielt. Ein Lorde Konzert rutschte fuer mich also in unendliche Ferne. Und dabei wäre es auch geblieben, wenn nicht die kurzfristige Absage dazwischengekommen wäre. Das Pech der vielen war mein Glück. In den Tagen nach der Absage bot Ticketswap enorm viele Tickets zu guten Konditionen an. Ein Ausweichtermin stand zwar noch nicht fest, aber dennoch entschloss ich mich, zuzugreifen. Es wird schon irgendwie klappen mit dem Nachholtermin und wenn ich dann doch an dem Tag verhindert sein sollte, das Ticket werde ich schon noch los. Aber es lief alles glatt. Der Nachholtermin wurde auf den 01.09.2026 angesetzt und ich blockierte den Tag im Kalender. Dass es fast ein Jahr dauerte, fand ich nicht allzu tragisch, ich wartete nicht super-dringend auf das Konzert.

Vor einigen Wochen, nee andersrum…. Natürlich kenne ich Lorde nur über ihre Radiosingles. Das klingt merkwürdig, warum besuche ich Konzerte von Musiker*innen, von denen ich nur wenige Songs kenne? Es ist Neugierde, und die Kenntnis einiger Radiosingles ist immer noch mehr, als das, was ich von vielen Indiebands kenne, deren Konzerte ich besuche. Zu sagen: ich kenne nix, also gehe ich nicht zum Konzert, ist nicht so mein Ding. Um aber etwas besser vorbereitet zu sein, kaufte ich mir vor einigen Wochen die aktuelle Lorde CD Virgin. Immerhin ihre vierte Veröffentlichung. Dass Lorde bereits seit mehr als 10 Jahren im Musikbiz rumläuft, war mir natürlich nicht klar. Dummerweise ist die CD aus einem durchsichtigen Material gepresst, so dass mein 25 Jahre alter CD Spieler Schwierigkeiten hat, sie zu lesen. Ach was, er kann sie überhaupt nicht lesen, ich bin also auf meinen IPod angewiesen und auf das vorherige Rippen der Songs ins MP3 Format. Das klappte immerhin problemlos, mein Computerlaufwerk erkannte die Tracks und transferierte sie zuverlässig auf die Festplatte und anschließend auf den portablen Player. Eine Samstagnachmittagslaufeinheit musste daher reichen, um die Songs kennenzulernen. Dreimal läuft die Platte durch, bevor ich verschwitzt und k.o. den Stadtwald wieder verlassen hatte und nach Hause joggte. O. k., Virgin klingt gut und von mal zu Mal gefällt mir das Album besser. Ich war auf das Konzert gespannt.

Vor der Rockhal schlängelte sich die Warteschlange um das Einkaufszentrum bis zur nächsten Straßenkreuzung. Der Einlass hat gerade erst begonnen, es ist kurz nach 19 Uhr. Die ersten, so lese ich tags drauf im Internet, warten hier seit Montagabend. Ich erst seit ein paar Minuten. Der zuvor veröffentlichte Zeitplan deutet auf einen langen Abend hin, da wollte ich mir nicht zu stark die Beine in den Bauch stehen. Fabiana Palladino sollte um 20 Uhr starten, Lorde ist für 21:30 Uhr angesetzt. 21:30 Uhr, das ist relativ spät, dachte ich so als ich die E-Mail mit den letzten Informationen des Veranstalters erhielt. Das bedeutet hochgerechnet bei 90 Minuten Konzertdauer ein Curfew gegen 23 Uhr. Von der Rockhal loskommen würde ich dann ca. eine halbe Stunde später. Das war kurz der Moment, wo ich an diesem Ausflug zweifelte. Aber nur kurz. Denn das Lorde Konzert sollte mich für eine kurze Nacht mehr als entschädigen. Das fängt schon in der Warteschlange an, wo eine gewisse Vorfreude zu spüren ist. Diese teenagerhafte Hibbeligkeit, gepaart mit viel Gerede und lachenden Gesichtern macht Spaß und lässt erst gar keine Zweifel aufkommen, dass der Abend schlecht verlaufen könnte. In der Halle setzt sich das dann fort.
Als ich gegen 19:30 Uhr in der Rockhal bin und mir so langsam einen Platz suche, gehen auf einmal die Lichter aus. Sie wollen doch nicht etwa….. doch, sie wollen. Fabiana Palladino wird gut 20 Minuten eher auf die Bühne geschickt. Die Rockhal ist jetzt noch sehr leer. Der Luxemburger Konzertgänger kommt meist erst sehr pünktlich in die Halle und viele warten sicherlich noch draußen auf den Einlass. Dies ist tatsächlich das erste Mal, dass sich ein luxemburgischer Veranstalter nicht an die angekündigten Zeiten hält, stelle ich sehr verwundert fest. Selbst hier in Luxemburg scheinen die Dinge aus dem Ruder zu laufen…. aber ich irre mich. Es gab eine Update-E-Mail, um 17 Uhr verschickt mit modifiziertem Timetable. Ziehe meine Verwunderung zurück.       

Fabiana Palladino ist eine britische Sängerin, die seit 2014 schon einige Songs, aber erst ein Album veröffentlicht hat. Mehr als dieses Wikipedia Wissen habe ich nicht, und ich werde mich auch nicht um weiteres Wissen bemühen. Ehrlich gesagt überzeugt mich Fabiana Palladino an diesem Abend nicht. Ihr gut halbstündiges Set geht sehr weit an mir vorbei. Wie bei vielen anderen auch.

Umbaupause.
Irgendwie wird gar nichts umgebaut und einen Soundcheck scheint es auch nicht zu geben. oder ich sehe ihn nur nicht. Ich habe mich mittlerweile etwas mehr an den Rand des Saals begeben. Denn da ich mir vorkomme wie Gulliver, möchte ich nicht zu sehr im Sichtfeld der vielen anderen Besucherinnen stehen, die durchweg mindestens einen Kopf kleiner sind als ich. Nun steht allerdings der linke Boxenturm leicht in meinem Sichtfeld auf den hinteren Bühnenbereich und die linke Bühnenseite. Egal, es reicht mir allemal aus. Links auf der Bühne scheint die Band positioniert zu sein. Ihren dritt- oder vorletzten Song wird Lorde hier im Kreis der Band performen; ich werde den gesamten Song über nur eine leere Bühne sehen. Auf ein Schlagzeug verzichtet sie allerdings. Zumindest sehe ich während des Konzertes in den Videosequenzen der Leinwände keinen Schlagzeugspieler.

Lorde - Esch-Alzette, 01.09.2026

Das Hauptaugenmerk in der Umbaupause ist auf eine Handvoll Stahlseile, die von der Saaldecke herunterhängen und an deren Ende große Karabiner befestigt sind. Mehrmals werden bestimmte Funktionen überprüft, von unterschiedlichen Mitarbeitenden. Beim zusehen kann ich mir keinen Reim darauf machen, was und wieso das Kontrollieren von Seilen die einzige Umbauaktivität zu sein scheint. Später, wenn hier die großen Bühnenteile befestigt werden, ergibt das dann schon einen Sinn. Die Stahlseile halten die Containerelemente, die herauf- und heruntergefahren werden, auf denen Lorde und ihre drei Tänzer*innen rumspringen und an deren Frontseiten Videoleinwände installiert sind. Frei nach dem Motto: wer keine Hebebühne hat, baut sich eben eine.
Das Konzert beginnt allerdings erstmal ebenerdig. Und 20 Minuten eher als in der ersten Veranstalter-E-Mail angekündigt. Gut.
Mit „Royales“ und „What was that“ kommen gleich zwei Hits, nachdem uns Lorde ihre Vitalwerte via Livetracking über die große Videoleinwand mitgeteilt hat. „Royales“ ist der erste große Lorde Song vom ersten Album, der Synthie-Pop Smasher „What was that“ ist ihre aktuelle Leadsingle. Alt und neu, dieses musikalische Wechselspiel wird mich das gesamte Konzert über begleiten. Die Lorde Show kommt von der athletischen Seite. Es wird viel gerannt, gesprungen und aerobic-t. Ruhige, im Sinne von bewegungsarmen Sequenzen gibt es während der 90 Minuten nur wenige. Und wie richtig gemutmaßt, die Band spielt am rechten Bühnenrand. Den restlichen Platz der doch sehr riesigen Bühne braucht die 29-jährige Sängerin. Und die schwebenden Bühnenelement. Denn so circa ab der Mitte des Sets kommt die dritte Dimension ins Spiel. Ab jetzt schweben immer wieder Aufbauten und kleine Container umher. Mal wirkt das gespenstisch und dunkel wie die Abyss, mal sind die erhöhten Plattformen im grellen Licht getaucht zusätzliche Bühnen auf der Bühne. Trotz des großen Brimboriums mit all den auf- und niederfahrenden Bühnenaufbauten ist es eine eher minimalistische Bühnenshow. Die Tanzeinlagen wirken auch wenig einstudiert und Alles auch nicht wirklich 100%ig durchchoreographiert. Mal steht der ein oder andere Tänzer*in einfach nur rum, mal tanzt der Typ mit der Handycam – Lorde wird permanent auf die große Videoleinwand projiziert – unkoordiniert mit.

Das Publikum ist natürlich sehr textsicher und enthusiastisch. Wie die Clique neben mir und so habe ich bei einigen Songs die zweite bis fünfte Gesangsstimme kostenfrei obendrauf und schnappe ein paar Einzeiler auf, die mir an dem Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen: ‘Bet you wanna rip my heart out / Bet you wanna skip my calls now / Well guess what? / I like that.’ Oder: ‘I do my makeup in somebody else’s car / We order different drinks at the same bars’ oder: ‘Can you reach me? / No, you can’t.’ Mitunter ganz schön smart, die Lorde Lyrics.
Der Charlie XCX Song „Girl, so confusing“, auf dem Lorde gefeatured wird, läuft logischerweise im Halbplayback und läutet das Finale des Konzertes ein. War es bisher schon laut und feierfreudig, wird es jetzt noch stärker. Die Rockhal feiert jetzt am ausgelassensten. Beim nachfolgenden „Green light“ übertönt die Halle Lordes Gesang. Der Song vom zweiten Album Melodrama und „Solar power“ vom gleichnamigen dritten Album ziehen die Stimmung nochmal in die Höhe. Als Downer vor den letzten beiden Songs spielen sie das eher ruhige „David“. Dazu wird ein riesiges ‘I don’t belong to anyone’ Banner (gleichzeitig die Hauptzeile des Songs) in den Saal gerollt. Nur leider sieht niemand diese Choreo, weil man entweder a) darunter steht oder b) direkt daneben. Die Rockhal hat keine Tribünen an den Seiten, von denen aus der Schriftzug erkennbar gewesen wäre. Er bleibt so eher unentdeckt und die Showeinlage verpufft völlig. Hier hat die Lorde Crew wohl vergessen, dass die Rockhal keine der für Lorde Konzerte üblichen, großen Venues ist. Nun ja, kann passieren. „Ribs“ und „A world alone“ vom Debüt Pure Heroine beschließen dann den sehr unterhaltsamen Abend. Großartig!

Was mache ich nun mit so einem Konzertbesuch, der mir musikalisch eher egal und weniger wichtig ist? ‘I’m ready to feel like I don’t have thе answers’. Aber ich fühlte mich großartig unterhalten. Mehr geht nicht.

Setlist:
01: Royals
02: What was that
03: Broken glass
04: Perfect places
05: Shapeshifter
06: Buzzcut season
07: Favourite daughter
08: The Louvre
09: Current affairs
10: Hard feelings
11: Oceanic feeling
12: Liability
13: Hammer
14: Supercut
15: Team
16: Man of the year
17: Girl, so confusing
18: Green light
19: David
20: Solar Power
21: A world alone
22: Ribs

Kontextkonzerte:

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