Ort: E-Werk, Köln
Vorband: Dylan Meek

Auf dieses Konzert war ich mehr als gespannt. Seit ich Big Thief vor einigen Jahren beim Primavera Sound gesehen habe, bin ich ein kleiner Fan der Band und von Adrianne Lenker. Für das Konzert in Köln hatte ich mir daher frühzeitig ein Ticket gesichert; eine kluge Entscheidung, denn Wochen vor Konzertbeginn ist das Ding ausverkauft.
‘Frank’ ruft es aus der Schlange vor dem E-Werk heraus, als ich versuche, ihr Ende zu erreichen. ‘Hallo Frank’, ein paar Meter weiter höre ich meinen Namen erneut. Die Konzertkollegen sind schon da und haben sich bereits in der Warteschlange positioniert. Ich erwidere kurz die beiden ‘Hallos‘ und plaudere ein paar Worte. Mich sowohl hier als auch da in die Wartenden zu drängeln möchte ich jedoch nicht. Da habe ich Skrupel und gehe lieber die 100 Meter weiter bis zum Ende der Warteschlange. Es ist erst viertel vor sieben, also bis zum Einlass dauert es noch ein paar Minuten, aber es ist schon elendig viel Betrieb. Die Schlange reicht vom E-Werk Eingang bis zur T-Kreuzung links herunter. Soweit kann ich das zumindest einsehen. Wer die Örtlichkeiten kennt, weiß, was ich meine. Es war durchaus eine gute und richtige Entscheidung, etwas früher von der Arbeit zu verschwinden und zeitlich in Richtung E-Werk aufzubrechen. Mit so einem starken Aufkommen hatte ich aber nicht gerechnet. Was treibt die Leute nun zu Big Thief? Und vor allem, was treibt die Teenagern und Twentysomethings hierhin? Folk ist doch eigentlich was für ältere Menschen. Mit Mitte 20 habe ich Folkmusik verachtet. Sicher, Adrianne Lenker gehört zu den besten Musikerinnen der Gegenwart, aber das alleine kann es doch nicht sein. Ist es wirklich ihr TikTok-Account (und die Vielzahl von TikTok Videos, die mit Adrianne Lenker Songs unterlegt sind), der ihr 8 Million Spotify User einbringt und der zu starker Popularität bei führt. Auf reddit gibt es einen Beitrag, den ich zugegebenermaßen nicht ganz gelesen habe, mit dem Titel I feel like Adrianne Lenker already did what Cameron Winter is doing und der versucht, sich dem Phänomen der Adrianne Lenker Popularität zu nähern. Vielleicht finden sich hier ein paar Antworten. Ich nehme für mich erstmal das TikTok Argument mit. Weiter verfolge ich die Thematik dann jedoch nicht.
Drinnen angekommen, finde ich dann tatsächlich noch links außen einen Platz vor den Bühnengittern. Interessanterweise wird es hier im Laufe des Abends nicht wirklich voll; warum, verstehe ich nicht so ganz, denn Sound und Blick sind ganz hervorragend. Auch, wenn ich sehr stark am Rand des Saales stehe. Meine Bekannten stehen mittiger. Die letzten Konzertnews tauschen wir per Messengerdienste aus. Über das Vorprogramm zum Beispiel. ‘Das soll angeblich der Bruder des Big Thief Gitarristen bestreiten’, lese ich. Auch die interessante und überraschende Mischung von jung und alt im Publikums ist nach wie vor ein Thema. Einer der Konzertfreunde steht inmitten einer Traube junger Menschen und stellt erstaunt fest, dass alle um ihn herum Stirnraten spielen. Irgend so ein Handygame.
Neben mir stehen zwei Endzehner, vielleicht 18,19 Jahre alt. Der Junge sagt plötzlich sehr ernst zu seiner Freundin ‘Ich bin schon ziemlich Punk Rock’. Die vorangegangenen Gesprächsfetzen hatte ich nicht wahrgenommen, ein Lachen muss ich mir allerdings verkneifen. Ein bisschen sieht er aus wie der Sänger von Green day.
Dann betritt Dylan Meek die Bühne. ‚Schön, dass Weird Al Jankovic diesen Spaß mitmacht’, lese ich im Messenger. Hihi, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Im E-Werk steht er als Alleinunterhalter auf der Bühne, in seinem anderen Musikerleben ist er mit Band unterwegs. Solo nennt sich das Programm, das wir gute 45 Minuten lang hören. Solo ist auch sein aktuelles Album, das über Bandcamp bezogen werden kann. Allerdings nicht zum freien Download, wie Dylan Meek noch während des Konzertes behauptet. Musikalisch klingen die guten Sachen nach easy listening à la Dean Martin oder Ben Folds, manchmal baut er aber fuer meinen Geschmack zu viel Theatralik und Schnickschnack in seine Songs ein, und dann ist es eher wie Zirkusmusik. Auf Platte sind die Songs bestimmt hörenswerter, ich muss mir mal das Solo Album anhören. Der letzte Song heißt „This is brotherhood“, und prompt schaut dann auch Buck Meek vorbei. Somit ist das auch geklärt.
Im Anschluss werden die Gitarren gestimmt. Umgebaut werden muss nix, Dylan Meek verstaut nur sein Keyboard und MacBook, und das war’s. Das Big Thief Equipment steht schon aufgebaut in seinem Rücken. Der Abend zieht sich. Um viertel nach neun betreten dann endlich Adrianne Lenker, Buck Meek, James Krivchenia und Bassist Joshua Crumbly die Bühne. Der ist neu, bei meinem letzten Konzert spielte noch Max Oleartchik den Bass. Sie beginnen wie die letzten Konzerte auch mit „Double Infinity“, einem Song vom immer noch aktuellen Album Double Infinity. Eine neue Platte erscheint bald, ein Umstand, der für dieses Konzert irgendwie Segen und Fluch zugleich ist. Der Segen: Die neuen Songs klingen gut und sie gefallen mir. Der Fluch: Big Thief spielt einen Haufen neuer Songs, die bisher noch nicht zu hören waren. Manch einen mag das verärgern, weil so andere – bekannte – tolle Sachen hinten runterfallen. Mir ist das ein bisschen egal. „Not“, den Song, der mir wichtig war, spielen sie, „Los Angeles“ auch. Also kann ich durchaus mit der Songauswahl leben. Neben neuen Songs spielen sie auch Songs von Adrianne Lenkers Soloplatten. Der Big Thief Gig schaut also über den Bandtellerrand hinaus.
Vom ersten Augenblick an frisst das E-Werk den Musikern aus der Hand. Die Stimmung ist da und ich habe direkt den Eindruck, dass Big Thief hier und heute machen können, was sie wollen; sie würden immer und für alles massiven Applaus erhaschen. Logischerweise ist das Konzert gut. Live spielen Big Thief ihre Songs anders als auf Platte. Die Songs kratzen oft an 8 oder 9 Minutenmarken, weil die Band die Stücke mit ausufernden Gitarrensoli versieht. Das hebt alles nochmal auf ein anderes Level, ohne eine Sekunde langweilig zu sein oder langatmig zu klingen. Und genau das ist die große Kunst, die Big Thief abliefern. Ich denke nicht beim dritten oder vierten Gitarrensoli ‘ach nö‘, nicht noch eins, ich denke eher gar nichts und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Und es ist auch gar nicht schlimm, dass Adrianne Lenker den ein oder anderen Songtext vergisst. Ehrlich gesagt, es wundert mich auch nicht, denn ihre Songs erzählen Geschichten. Die Texte sind durchaus lang und intensiv („Trade tomorrow“). Dafür ist das Publikum enorm textsicher, ich entdecke öfter Leute, die alles leise und gedankenverloren mitsingen.
Das ganze Ambiente wirkt grundsympathisch. Der Bühnenaufbau ist unspektakulär, eng stehen die Musiker*innen beisammen. Das Licht ist dezent und erzeugt trotz der Größe des Saales eine heimelige Atmosphäre. Starallüren entdecke ich keine. Wird das Bassspiel von Joshua Crumbly bei einem Song nicht benötigt, steht er andächtig mit gefalteten Händen neben dem Schlagzeug und applaudiert am Ende des Songs als erster seinen Bandkolleg*innen.
Vier Songs vor Konzertende gibt Adrianne Lenker das Programm der letzten Konzertminuten bekannt. Sie würden jetzt noch einen neuen Song und dann drei alte Songs. Die alten Songs oder besser gesagt 2 der Songs wären dann die Zugabe. Die Erläuterung versandet noch etwas in zu viel Detailinformationen, bevor dann „Pterodactyl“ angestimmt wird. Das ist der neue Song, und tatsächlich folgen die drei bekannten „Incomprehensible“, „Anything“ und „Los Angeles“ ohne das obligatorische Geplänkel Bühne verlassen – Applaus – wieder auf die Bühne kommen – Zugabe spielen. Ob sie es vergessen haben? Ich weiß es nicht, es wird auch kein weiteres Wort mehr darüber verloren. Sie spielen einfach weiter und gehen dann, gegen 23.15 Uhr, ein einziges Mal von der Bühne. Fast so unscheinbar, wie sie sie 2 Stunden zuvor betreten haben.
Zum Abschluss spielen sie „Los Angeles“. Ende. Aus. Ein Riesenkonzert! Ich bin maximal euphorisiert. Ich überlege intensiv, sie mir im Sommer in Luxemburg nochmal anzusehen.
Wenig später bin ich zuhause. ‘I felt asleep with my sneakers on.’
Setlist:
01: Double infinity
02: Vampire empire
03: Simulation swarm
04: Cradle
05: From
06: Trade tomorrow
07: Where will we go
08: Real love
09: Heavy focus
10: Wallet
11: Real house
12: Terrifying
13: Terminal paradise
14: Not
15: Christmas Day
16: Mr. Man
17: Pterodactyl
18: Incomprehensible
19: Anything
20: Los Angeles
Kontextkonzerte:
Big Thief – Primavera Sound Festival Barcelona, 09.06.2022