Ort: Botanique, Brüssel
Vorband:

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‚You mean all those bands we stopped listening to in high school kept making music?‘ heißt es in einem Cartoon des The New Yorker, den ich vor einigen Tagen zufällig entdeckte. Die Throwing Muses sind so eine dieser Bands. Gehört habe ich sie schon vor 30-35 Jahren. Damals besuchte ich noch die (Berufs-)schule. Dann hörte ich die Throwing Muses eine lange Zeit nicht mehr – auch, weil sie keine Platten veröffentlicht haben – und jetzt wieder. Also eigentlich erstmal nur live. Ihre letzten beiden Alben aus den 2020er Jahren kenne ich bisher noch nicht. Der Vergleich zum Cartoon steht also irgendwie.

Seit 1983 macht Kristin Hersh mit den Throwing Muses schon Musik. Damals war ich in der siebten Klasse und „Moonlight Shadow“ von Mike Oldfield führte monatelang die Schlagerrallye im WDR an. Meine Favoriten hießen 1983 neben „Billie Jean“ auch „I like Chopin“ und „Come on Eileen“ sowie alles von Nena. An die Throwing Muses dachte ich damals nicht. Die kamen viel später. Erst 1991 mit dem Album The real Ramona stieg ich bei den Throwing Muses ein. Schön, dass sie an diesem Abend mit „Counting backwards“ einen Song aus dem Album spielen. The real Ramona ist bekanntermaßen das letzte Album, das Kristin Hersh und Tanya Donelly gemeinsam als Throwing Muses produziert haben. Danach war Tanya Donelly ja raus. Sie gründete ihre eigene Band Belly („Feed the tree“ ist immer noch eines meiner absoluten Lieblingslieder) und spielte bei den Breeders. Kristin Hersh investierte kurze danach mehr Zeit in ihre Soloprojekte als in die Band Throwing Muses, und so passierte lange nichts mehr. Erst zu Beginn der 2000er Jahre, und dann erneut wieder in den 2010er Jahren veröffentlichten die Throwing Muses Alben. Ehrlich gesagt, ich habe das nicht mitbekommen. Vielleicht auch kaum ein anderer. Und um es für mich auf den Punkt zu bringen: „Run Letter“ auf dem Sampler This is Fort Apache war effektiv mein letztes Zusammentreffen mit den Throwing Muses. Das war 1995, die Zeit, als der Britpop mehr und mehr in meine CD-Sammlung kroch und sich meine alten Helden wie die Pixies, Breeders und eben auch Throwing Muses eine Auszeit gönnten.

Die Deutsche Bahn meinte es gut mit uns. Die Züge sind an diesem Mittwochvormittag pünktlich und so erreichen wir passend zur Mittagszeit die belgische Hauptstadt. Frits first. Unsere Wahl fiel nach einem kurzen Spaziergang entlang bekannter Brüsseler Sehenswürdigkeiten auf die Frituur de la Chapelle direkt an der Église Notre-Dame de la Chapelle. Sehr empfehlenswert und nicht so stark im Touristenauge wie Fritland an der Börse.

Am Abend dann Throwing Muses.
Die Botanique zeigt an diesem Abend von ihr Galerie Gesicht. Auf den Fluren sowie im Museum und der Rotonde finden Ausstellungen statt. Skulpturen, Bilder, überall Kunstwerke. Was, wieso und warum erschließt sich mir bei dem kurzen Gang hin zur Orangerie allerdings nicht. Die Orangerie als der größte Konzertsaal in der Botanique bleibt vom Galerietrubel ausgeschlossen. Hier spielen an diesem Abend die Throwing Muses, und nur die Throwing Muses. Eine Vorband gibt es nicht, das Konzert ist angenehm zeitig für 20:30 Uhr angesetzt.
Die Band um Kristin Hersh ist die einzige dieser 1990er Jahre Bands, die ich noch nicht live gesehen habe. Überhaupt, auch Kristin Hersh habe ich noch nicht live gesehen. Belly, die Pixies, die Breeders, hinter all diese Bands kann ich einen Haken machen. Heute kommen dann die Throwing Muses dazu. Im Frühjahr hatte ich noch ihr Kölner Konzert verpasst. Erst langsam füllt sich die Orangerie. Aber sie füllt sich. Um halb neun ist es dann nicht mehr peinlich leer; ein Zustand, der sich zuvor lange hielt. Gut halb voll ist der Saal, als die vier Musiker*innen die Bühne betreten.

Überraschend – also für mich – sind zwei Personalien: der frühere Throwing Muses Bassist Fred Abong sitzt am Schlagzeug, und Kristin Hershs Sohn Dooney spielt Bass. Ergänzt werden die drei um den Cellisten Pete Harvey. Ein Cello? Das klingt erstmal irritierend und ich hätte dieses Instrument an diesem Abend nicht erwartet. Aber zur Geschichte gehört auch, dass es eine eher untergeordnete Rolle im Konzert spielt. Ich höre es kaum heraus, die Gitarren – Kristin Hersh spielt E-Gitarre und bei einigen Songs im Mittelteil eine Akustikgitarre – klingen zu dominant. Musikalisch klingen Miss Indie und ihre Band (so nennt sie der Deutschlandfunk in einem Feature) natürlich 100% nach dem letzten Jahrtausend. Rohe Gitarren, emotional und unkonventionell, beschreibt es das Internet. Nennen wir es Collegerock. Und der Kölner Stadtanzeiger setzt noch einen drauf: Die Throwing Muses hätten so groß werden können wie Nirvana. Okay.

An diesem Abend klingen die Gitarren der Throwing Muses melancholische und weniger schroff. Ihr Sound wirkt das gesamte Konzert über harmonisch und kommt gleichschwingend ohne Spitzen daher. Unaufgeregt ist ein gutes Wort dafür. Ihr Set besteht hauptsächlich aus Songs des aktuellen Albums Moonlight Concessions. Erst gegen Ende bauen sie ein paar alte Hits ein. „Bright yellow gun“ vom 1995er University Album, „Shark“ und „Limbo“ vom Nachfolgealbum Limbo. der älteste Song des Abends ist „Counting backwards“. Er stammt aus der Zeit, als Tanya Donelly noch Teil der Throwing Muses war. Ein Bruch zwischen alten und neuen Sachen stelle ich nicht fest. Zumindest live klingen alle Songs nach Throwing Muses. Wie das auf Platte ist, kann ich nicht sagen. Es sieht aber gut aus, wenn ich die Review des Rolling Stone richtig lese:

Einiges erinnert an die Anfangsjahre der Muses, doch nostalgisch ist hier nichts. Erstaunt folgt man dem Akustikgitarren-Tornado von „Drugstore Drastic“. Keines der schief grinsenden, esoterisch aufgeblasenen Stücke braucht mehr als drei Minuten, um ins Ziel zu gelangen. Auf „Moonlight Concessions“ ist alles klar und deutlich, und es bleibt die Erkenntnis: An manchen Orten leuchten die Sterne einfach anders.

Das Konzert war ein gutes Konzert.

Setlist:
01: Theremini
02: Sunray Venus
03: Dark blue
04: Bywater
05: Slippershell
06: Colder
07: Static
08: Him dancing
09: Drugstore drastic
10: Lazy eye
11: Summer of love
12: Kay Catherine
13: Libretto
14: Opiates
15: Soap and water
16: South Coast
17: Albatross
18: Limbo
19: Counting backwards
20: Bo Diddley Bridge
21: Sally’s beauty
22: Moonlight concessions
Zugabe:
23: Shark
24: Bright yellow gun

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