| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Gebäude 9
Vorband: Money

Wild BeastsDie wichtigste Meldung des Tages kam nach Konzertende: Das ZDF stellt Wetten, dass…?! ein. Wäre es also doch besser gewesen, die viertletzte Sendung des Fernsehdinosauriers zu sehen als in einem überraschend vollen Gebäude 9 eine Band aus England mit Namen Wild Beasts?
Immerhin ist Wetten, dass…?! die Samstagsabendunterhaltungsinstitution schlechthin und mir ein treuer Wegbegleiter meiner Kindheit und Jugend.
Oder gilt es eher, die noch verbleibenden Konzerte im Gebäude 9 mitzunehmen und mit größtmöglicher Intensität aufzusaugen. Der Konzertsaal in Deutz soll nach jetzigem Stand der Dinge Ende des Jahres Wohnungsbauplänen der Stadt Köln zum Opfer fallen und dicht gemacht. Was nicht gut wäre, überhaupt nicht gut. Absolut überhaupt nicht gut! Als die Pläne der Stadt bekannt wurden, gab es ein großes Rumoren und viel Wirbel um diese Entscheidungssache. Eine Facebookgruppe/seite gründete sich, die mittlerweile mehrere tausend Unterstützer hat, Künstler, die bereits im Gebäude 9 auftraten, äußern sich auf YouTube zu diesem Katastrophenvorhaben der Stadt. Der Gegenwind ist mächtig, und das ist gut. Es gilt, diese Entscheidung nicht hinzunehmen und auf den enormen kulturellen Schaden, den eine Schließung des Gebäudes 9 mit sich bringt, aufmerksam zu machen. Überall und immer. „Man weiß immer erst, was man an jemandem hatte, wenn er nicht mehr da ist.“ Es wäre schön, wenn diese Binsenweisheit über das Gebäude 9 nicht gesprochen werden muss. (Alle weiteren Informationen hier). Eine Schließung würde die Stadt in Sachen musikalischer Relevanz (und damit auch allgemeiner in Sachen Kultur) weit zurückwerfen.Da das Ende von Wetten, dass…?! mir vorher nicht bekannt war, fuhr ich also zum Gebäude 9. Und selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich diesen Abend sicher nicht vor dem Fernseher verbracht, um mir Markus Lanz bei der Einlösung seiner Wette zuzuschauen. Dann schon lieber Musikern bei der Arbeit zu sehen. Das ist meist sehr unterhaltsam und immer spannender als weichgespülter Couch-Smalltalk.
Die Wild Beasts hatte ich an gleicher Stelle schon einmal gesehen. Ähnlich wie an diesem Samstag kam ich auch vor 2 Jahren zu diesem Konzert. Es lag nichts Besonderes an, das gegen einen Konzertbesuch sprach. Ich würde sehr lügen, wenn ich behaupte, mich im Musikwerk der vier jungen Männer aus London auszukennen, das war weder 2011 so, noch ist es heute der fall. Allein schon meine Umbaupausenfragen nach der Anzahl ihrer Alben, ob ich was vom aktuellen Album Present tense kennen könnte und warum es eigentlich so voll im Konzertsaal sei, sprechen Bände über mein Wissen über die Wild Beasts.
Und wie es an solchen Abenden so ist, nach dem nachmittäglichen Ticketspontankauf schaffe ich es abends erst pünktlich zur Hauptband. Mit diesem Zeitansatz war ich aber nicht der einzige, und so betraten wir das Gebäude erst dann, als viele Leute zur Zigarettenpause nach der Vorband nach draußen strömten. Ob wir damit alles richtig gemacht haben, weiß ich nicht. Die Vorband nennt sich Money, wie sie klingen und ob wir was verpasst haben, ich habe keine Ahnung. Um kurz vor halb zwölf fuhren sie im Kleinbus an uns vorbei, und jemand sagte „ihr sollt gut gewesen sein“.

Die Wild Beasts haben einen Nightliner. Das ist so auffällig, weil vor dem Gebäude 9 nur selten riesige Bandbusse parken. Zuletzt viel mir die Busgrösse beim „Warm-up Secret Gig“ von Maximo Park auf, das die Band, die zu dieser Zeit schon viel größere Hallen füllte, ins Gebäude 9 brachte. Da die Wild Beats aber gerade ein sehr gefeiertes Album veröffentlicht haben, vor einigen Jahren für den Mercury Preis nominiert waren, und scheinbar vor dem großen Durchbruch stehen, ist ein Nightliner auch für sie das angemessene Reisefahrzeug. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Ihre aktuelle Tour ist im reinen Sinn eine Tour zum aktuellen Album. Vier Alben haben die Wild Beasts seit 2008 veröffentlicht, aber knapp die Hälfte der an diesem Abend auf der Setlist stehenden Songs stammt von Present Tense. („Past perfect“ gehörte nicht dazu). Wer mit den Wild Beasts nicht viel anfangen kann, aber Formatradio hört, kennt vielleicht „Budapest“ von George Ezra. Ich kannte bis heute Morgen weder Songnamen noch Künstler. Aber als ich zum frühen Kaffee kurz das Radio einschaltete, dudelte dieses „Budapest“ und ich dachte kurz, es sei ein Song von den Wild Beasts. Da ich nicht so genau hinhörte, las ich die Playlist des Radiosenders im Internet nach und merkte erst da, dass es gar nicht Hayden Thorpe‘s Falsettgesang war, der zu Synthieklängen aus der Radiobox schallte.
Die hohe Gesangsstimme ist eines der Markenzeichen der Engländer. Immer wenn Hayden Thorpe den Gesang übernimmt, klingen die Wild Beasts nach Tears for fears oder Johnny hates Jazz. (Meine Schwester war sicher deren weltgrösster Fan.)  Anders ist es, wenn Bassist Tom Fleming die Gesangsparts übernimmt. Der Co-Sänger der Band ist mit seiner tiefen, sehr Tom Smith ähnlichen Stimme, für die dunklen Synthiesongs der Wild Beasts mitverantwortlich. Dann klingen die Songs eher nach Depeche Mode der Master and servant Phase oder nach In this light and on this evening von den Editors und bilden so den Abwechslungsreichen Kontrast zu den eher poppigen Momenten der Band. Die sind in „Hooting & howling” ganz groß, und da ich während des Konzertes immer nur ‚Routine‘ verstanden habe, sei mir die nachfolgende Assoziation zu Urban Dance Squads Riesenhit “Routine“ verzeihbar und vielleicht ein bisschen nachvollziehbar. Weit hergeholt sind sie allemal, ich weiss, denn die Crossover Band aus den Niederlanden und die Wild Beasts haben musikalisch nichts gemein. Sie wildern bzw. wilderten in unterschiedlichen Gewässern. Die UDS war in den 90ern quasi die europäische Antwort auf das Blood, Sugar, Sex, Magic Album der Red Hot Chilli Peppers, die Wild Beasts schreiben dagegen den britischen Synthiepop der 80er ganz groß.
Mit dem neuen Album haben Wild Beats zwar viel „Hintergrundpersonal“ (neuer Produzent,..) ausgewechselt, aber ihrer musikalischen Grundausrichtung sind sie treu geblieben. Es dominieren nach wie vor die elektrischen Klänge, die sind nun jedoch dunkler als auf den Vorgängeralben. Immer wenn Fleming zum Mikrofon greift, krempelt er sich vorher die Ärmel seines T-Shirts bis zu den Achseln hoch. Dass sieht malochermässig aus, passt aber hervorragend zu seiner tiefen Stimme. Ich hatte auch das Gefühl, dass ‚seine‘ Songs druckvoller gespielt wurden, als die eher poppigen seines Gesangskollegen. Die Stimme von Hayden Thorpe war überdies von meinem Standpunkt aus kaum zu hören, zu stark waren die Instrumente ausgesteuert.
Aber das soll nur ein kleines Haar in der ansonsten schönen Samstagsabendsuppe sein. Die Wild Beasts lieferten mir ein paar schöne Konzertstunden.
Nach Konzertende standen wir noch etwas draußen beisammen und unterhielten uns. Wenn in der Nachbarschaft die Wohngebäude entstanden sind und falls das Gebäude 9 dann immer noch an diesem Ort existieren sollte, wird das wohl aufgrund von Lärmschutzrichtlinien nicht mehr so ohne weiteres möglich sein. Schade, erfährt man hier an der Straße doch die tollsten Dinge und hört die spannendsten Geschichten.
Ich bin gespannt, wie sich der kölsche Stadtpolitikklüngel entscheidet.
Ich sage: das Gebäude 9 muss bleiben! Und zwar so, wie es jetzt ist!

Kontextkonzerte:
Wild Beasts – Köln, 05.11.2011 / Gebäude 9

Fotos:

Und auf flickr.

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."