| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Palladium, Köln
Vorband: Health

Interpol

Ich mache sowas eigentlich grundsätzlich nicht, mir vor einem Konzert die Setlisten der vergangenen Konzerte angucken oder gar noch mal die Platten der Konzertbands anhören. Ich möchte mich von einem Konzert noch ein Stück weit überraschen lassen, die Musik nochmals, falls nötig und länger nicht gehört, neu und quasi unverbraucht erleben. Und so lasse ich all die Vorrecherchen und erspare mir das rauskramen alter CDs.
Bei Interpol und Health war das an diesem Nachmittag anders. Bereits in den letzten Wochen hörte ich bewusst die ersten Interpol Alben, also die ersten beiden, und einige Stunden vor dem Konzert ertappte ich mich dabei, wie ich mir nochmal das ein oder andere Stück von Health bisherigem einzigen Album Get color anschaute. Es ist auch schon knapp sechs Jahre alt. Umso überraschender nun ihr Support auf der Interpol Tour; kommt da ein neues Album? Oder was soll das jetzt, Jahre später, quasi aus dem nichts heraus?
Mein Gott Health, was hat mich diese Band vor Jahren begeistert. Damals lernte ich sie auf dem Berlin Festival kennen und schätzen. Ihr Noise Ding war so beeindruckend und ganz mein Ding, dass ich sie danach noch ein, zweimal sah, ohne jeweils enttäuscht worden zu sein, und immer mit leichtem Fiepen im Ohr nach ihren Auftritten.

Nach Get color wurde es jedoch ruhig um die Amis, es gab ein Remixalbum, das ich aber nicht kenne, und dann scheinbar nichts neues mehr.
Bei meinen Recherchen las ich, dass sie im letzten Jahr den Soundtrack zu einem Videospiel gemacht habe. Max Payen, ein sogenanntes Third-person-shooter Spiel. Im Spielesektor bin ich nicht beheimatet, so habe ich keine Ahnung, was genau der Unterschied zwischen einem Egoshooter und einem Third-person-shooter Spiel ist; ich tippe aber mal auf die Perspektivansicht des Spielers aufs einen Akteur.
Wer Health Musik kennt, wird die Gleichung Soundtrack = Healthmusik als logisch verstehen, ich tue es. Ihr mehr Instrumental- als Gesangssound, ihre Noiseattacken und die brachialen Lärmstrukturen machen sich in Kombination mit rasanten Actionspielen sicher gut.

Im Palladium war davon leider nur ansatzweise zu hören. Ihr halbstündiger Auftritt verpuffte im nirgendwo, einzig die drei strukturierten Songs, also die Hits, blieben im Ohr: „Die slow“, „USA boys“ und „Goth star“. Klar, zu groß die Halle, zu speziell schlecht der Sound. Das typische Leben als Vorband.
Ich fand ihren Auftritt gut. Health hinterließen jedoch sehr viele ratlose Gesichter.

Über Interpol braucht es nicht viel zu sagen. Nachdem sie vor Jahren ein eher schlechtes Konzert in Dortmund gespielt haben, waren sie für mich durch. Nach Our love to admire schien es nichts neues und interessantes mehr von den Band zu geben. Der Bassist Carlos Dengler, der mich jahrelang mächtig beeindruckte, verließ die Band und Paul Banks kümmerte sich scheinbar mehr um sein Soloding.
Als wir letztes Jahr nach Genf gefahren sind, hörten wir die aktuelle Scheibe El Pintor dreimal hintereinander im Auto. Unisono mussten wir feststellen, dass mit jedem weiteren Durchlauf die Platte an Stärke gewann. Überzeugte uns im ersten Durchlauf nur der erste Song „All the rage back home“, so fanden wir später auch an „Same town, new story“ und anderen Songs gefallen. Interpol schienen sich bekrabbelt zu haben und an alte Zeiten anknüpfen zu wollen. Gut so!

Anfang der 2000er Jahre wurden Interpol mal als neue Joy Division abgefeiert. 2002, als ihr Debütalbum Turn on the bright lights herauskam, waren die coolen New Yorker die allercoolsten. Ihre Konzerte waren Shows in Weißlicht, Bodennebel und Bodenstrahlern.
Alles war stimmig, alles schien so selbstverständlich zueinander zu gehören: Die Band trug schwarze Anzüge, die Gitarren klangen steril und warm zugleich, Paul Banks nöhlte mit seiner wunderschönen Stimme Liebeslieder und anderes. Kurzum, Interpol waren eine große, gute Band und ich war Fan.
Die Konzerte zum Debütalbum waren bemerkenswert toll, in den Folgejahren sah ich Interpol immer wieder sehr gerne. Mit Alben wie Turn on the bright lights und Antics tourt es sich leicht, der Hitfundus schien schier grenzenlos und ich fragte mich oft, wie es mit Interpol weitergehen kann. Die Antwort war kurz und schmerzlos: gar nicht.
Bereits Our love to admire und das vermieste Kulturkirchenkonzert waren problematisch, als enorm ernüchternd empfand ich das vorletzte Album Interpol und ihr letztes Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle II. Danach mied ich ihre Auftritte, auf Festivals, auf denen sie auftraten, besuchte ich bewusst die Konkurrenz. Interpol sagten mir live einfach nichts mehr.

So war ich lange schwankend, ob ich mir die Band, die so wenig gemein hat mit den Interpol der 2000er Jahre, nochmal in einem Konzert ansehen sollte. Schlussendlich machte ich es doch, kaufte mir letzte Woche ein Ticket und freute mich gar darauf, sie zu sehen. Vielleicht ist mittlerweile wieder alles gut zwischen uns; El Pintor war ja so schlecht nicht.
Was ich über das Palladium Konzert auch liebend gerne gesagt hätte, aber leider nicht sagen kann. Ein mauer Abend, ich empfand das Konzert als enttäuschend. Dabei bestand eine gute Chance, den Auftritt in einer feinen Mischung aus alten und neuen Stücken hervorragend werden zu lassen. „Say hello to the angels” und “Anywhere” zu Beginn bildeten so ein Gespann aus alt und neu. Ein guter Start ins Konzert, der nur etwas durch das nach meinen Geschmack zu schnell gespielte „Say hello to the angels“ nicht perfekt war.
„Evil“ folgte alsbald und alles sah gut aus. Doch mit „Leif Eriksson“, oder gerade bei „Leif Eriksson“, das einige als bestes Interpolstück abtun, bekam der Abend einen Knacks. Jetzt dachte ich zum ersten Mal: hier passt was nicht.
Die Gitarre nicht zum Gesang, das Schlagzeug nicht zur Gitarre. Genau mag ich es nicht festmachen, aber dieses „hier passt was nicht“ ließ mich von da ab nicht mehr los. Je länger der Abend dauerte, umso intensiver hatte ich das Gefühl. Einfach gesagt könnte ich es mit fehlendem rotem Faden beschreiben. Aber das wäre sehr einfach.

Die neuen Stücke verpufften im Mittelteil, „Everything is wrong“ und „Breaker 1“ entwickelten nicht die Qualität ihrer Albenpräsenz. „The new” fand ich schlimm, die langen Gitarrenpassagen klangen lieblos und für mich sehr heruntergespielt. Es war das schwächste Stück des Abends.
Bei „NYC“ passte es hinten und vorne nicht. Eine Gitarre lief schief am Song vorbei, der Gesang erschien mir auch etwas verquer. Paul Banks und Daniel Kessler kämpften sich dann in den Song, aber beeindruckend wurde „NYC“ nicht. Dabei ist es doch mit seinem sanften Refrain eines der melodiösesten und schönsten Lieder des Debütalbums.
Interpol waren da schon mittendrin in dem, was man wohl landläufig als routiniert bezeichnet.
Ab ungefähr der Hälfte des Konzertes mochte ich auch den aktuellen Bassisten Brad Truax nicht mehr so. Sein Bassspiel war so meilenweit entfernt von cool, dass ich ihn rasch in die nächste Metalband wünschte. Welch ein Verlust doch Carlos Dengler für Interpol ist, dachte ich mehr als einmal.
Zwar war auch er ein Poser vor dem Herrn, aber eben ein cooler Poser. Und mehr Coolness würden Interpol 2015 ganz gut tun. Klar, es wäre nur ein Showelement, ein visueller Aspekt der mit der Musik nichts zu tun hat. Andererseits passte der aktuelle Bassist so überhaupt nicht in mein Interpol Bild. Und überhaupt: Ich werde wohl mein gesamtes Interpol Bild ändern müssen. Die Zeit der Bodenstrahler und sphärischen Nebelbombardement scheint vorbei.
Im Palladium dominierten rotes und blaues Licht, dazu einige Filmchen und Visuelles auf der rückseitigen Leinwand. Kann man so machen.

Musikalisch kamen Interpol an diesem Abend nicht auf die Füße. Den Beginn der ersten Zugabe „All the rage back home“ verdaddelten sie komplett. Eigentlich hätten sie das Stück abbrechen und neu starten müssen, taten es jedoch nicht und so dauerte es ewig lang, bis alle wieder im gleichen Rhythmus waren. Schon zuvor empfand ich „Slow hands” als viel zu stumpf, „PDA” – als letzten Song vor der Zugabe – als zu lapidar.
Dabei war der vier Songs-Block mit „My chemistry“, „Not even jail“, „PDA“ und „Slow hands“ der stärkste und komplett wirkendste Teil des Konzertes. Rausreißen konnte aber auch diese Phase das Konzert nicht. Interpol und ich waren zu diesem Zeitpunkt und in diesem Augenblick keine Freunde mehr.

„Stella was a diver and she was always down” – einen meiner TOP10 Songs ever – hätte ich heute lieber nicht gehört. Sie spielten es dennoch als letzten Song. Von einer 7 Minuten Schönheit war er sehr weit entfernt. Jammerschade.

Beim Verlassen der Halle sagte ich „dieses Konzert werden wir sehr schnell vergessen.“ Ich bekam keine Widerreden, ich war scheinbar nicht der einzige, der das Konzert als nicht so überragend empfand. Auf dem Heimweg fragte ich mich, warum nach dem 2010er Dortmunder Konzert auch an diesem Abend meine Enttäuschungen so groß waren. Ich fand nur eine Antwort: ich fürchte, meine Erwartungen an ein Interpol Konzert sind zu hoch. 2010 nach dem Dortmund Konzert schrieb ich dazu:

Falsche Erwartungen? Zuviel Vorfreude? Glatte Überschätzung? Vielleicht von allem etwas.

Es hat sich scheinbar nichts geändert.
Ich sag jetzt einfach mal, Interpol hatten einen schlechten Tag. Das kann passieren, und ist okay. Für mich ist es nur ärgerlich, dass ich dieses Konzert erwischt habe. Von einer Band mit mindestens 10 Welthits möchte ich mehr verlangen dürfen.
In einigen Wochen kann ich alles nochmal überprüfen, Interpol spielen das Primavera.

Kontextkonzerte:
Paul Banks – Köln, 29.01.2013 / Gloria
Interpol – Dortmund, 22.11.2010 / Westfalenhalle 2
Julian Plenti – Köln, 08.12.2009 / Kulturkirche Nippes
Interpol – Köln, 19.11.2007 / Palladium
Interpol – Köln 11.05.2007 / Kulturkirche Nippes
Pearl Jam – Düsseldorf, 22.06.2007 / ISS dome
Health – Köln, 17.10.2009 / Gebäude 9
Health – Berlin Festival 2009 / Tempelhof

Fotos:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."