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Ort: Muziekgebouw, Eindhoven
Bands: Wooden Elephant Orchester, Poliça + stargaze, Intergalactic Lovers, Hooverphonic & Residentie Orkest, This is the kit + stargaze

Eindhoven.
Das Cross-linx Festival hatte ich irgendwie seit einigen Monaten auf dem Schirm. Als die Bestätigungen Hoverphonic und Poliça durch meine Timeline rauschten, dachte ich intensiver über einen schönen, gemütlichen Samstagnachmittagsausflug nach Eindhoven nach. Konzerte in den Niederlanden sind toll, und im Muziekgebouw Eindhoven war ich noch nicht. Überdies kam mir die Grundidee des Festivals spannend und interessant vor. Drei Gründe also, die mich nicht davon abhielten, diese kleine Festival auf den Konzertschirm zu hieven. Das Cross-linx Festival verknüpft -banal gesagt – die E- mit der U-Musik. Bands aus dem Pop und Indiebereich spielen hier mit orchestraler Unterstützung oder zumindest mit klassischen Musikern zusammen. Gerne spielen bei solch einem Event auch Elektromusiker oder Jazzexperimentierer, die die Brücke zwischen klassischer Musik und Avantgarde schlagen. Das Cross-linx bot hier im sogenannten music mining eine ganze Reihe solcher Künstler. Dieses kleine Festival im Festival verpasste ich aber, man kann ja nicht alles sehen.

Bei der diesjährigen Ausgabe fehlten, zumindest für die weite Welt, bekannte Namen. Vor einigen Jahren spielte hier The National und andere, in diesem Jahr hieß der Hauptact Hooverphonic. Hoover wer? Hooverphonic, belgische Pop und Triphop Ikonen aus den 1990er Jahren. Die ersten beiden Alben A new stereophonic sound spectacular und Blue wonder power milk beeinflussten maßgeblich den TripHop. Sage ich nicht, sagen die Musikexperten. Und die müssen es wissen. Ich glaube, außerhalb Benelux sind Hooverphonic aktuell eher unbekannt. In den 1990er Jahren, zur großen Zeit des TripHop, war das anders. Damals gehörten sie zusammen mit Massive Attack und Morcheeba, Portishead und Leftfield zu den wichtigen Bands des Genres. Und kamen als einzige nicht von der Insel.

Hooverphonic sind die beiden Musiker Alex Callier und Raymond Geerts, Musiknerds vor dem Herrn, die sich für ihre Songs Gastsänger und -sängerinnen dazu holen. Diese wechseln nahezu von Platte zu Platte, so dass die Band im Laufe ihrer elf Alben eine immer neue Besetzung erfahren hat.
Neben Hooverphonic, die zusammen mit dem Residentie Orkest spielen sollten, waren Poliça im Fokus meines Interesses. Die Amerikaner hatten just mit dem Berliner Ensemble stargaze ein Album aufgenommen, das sie in Eindhoven aufführen sollten. Stargaze sind so etwas wie die Lieblinge aller Indiemusiker, wenn es darum geht, mal etwas mit Streichern oder so zu machen. Owen Pallett trat schon mit stargaze auf, andere auch. An diesem Samstag sollte das 8 bis 10 köpfige Ensemble gleich zweimal die Bühne betreten. Einmal die im großen Saal, eben zusammen mit Poliça, und ein weiteres Mal im kleinen Saal, wo sie im Anschluss an den Hooverphonic Auftritt mit den Schwedinnen von This is the kit spielten.

Damit wären auch die drei Konzerte genannt, die ich mir ansehen wollte: Poliça + stargaze sowie Hooverphonic & Residentie Orkest im großen Philharmoniesaal, This is the kit + stargaze im kleinen Saal.

Wer Konzertsäle in den Niederlanden kennt weiß, wie schön und unkompliziert sie sind. Das Muziekgebouw in Eindhoven steht dem in Nichts nach. Mitten in der Stadt in einer Einkaufspassage gelegen bietet das Muziekgebouw zwei Säle auf zwei Ebenen. Die Anreise ist einfach, da das unterliegende Parkhaus ausreichend Parkplätze bietet und überdies einen Muziekgebouw Tarif bereithält. So wird das sonst meist teure Innenstadtparken sehr erschwinglich. Am Tag des Festivals kostete das Parken 7 Euro, für weitgereiste wie mich, die nicht nur den Abend, sondern auch noch den Nachmittag in der Stadt verbringen wollen, eine sehr günstige und bequeme Angelegenheit. Auch die Infrastruktur ist ideal: Einen Steinwurf von der Heuvel Galerie entfernt, so nennt sich die Einkaufspassage, hat Five Guys eine seiner Dependencen, eine Friterie, immer mein erster Anlaufpunkt in Holland, ist nur unwesentlich weiter entfernt. Perfekt!

Nach Fritjes, Kaffee und Kuchen begann das Festival mit einem kleinen warm-up.

Bevor Poliça spielten, schauten wir kurz im kleinen Saal beim Wooden Elephant Orchester vorbei. Eine Streicherinterpretation von Björks Album Homogenic stand für eine gute halbe Stunde auf dem Programm. Das Konzert der fünf Musiker dauerte natürlich länger, immerhin hat Homogenic eine Spielzeit von 44 Minuten, aber wir wollten einen guten Platz im großen Saal erhaschen und verließen vorzeitig diese interessante Konzert. Das war völlig umsonst, wie sich kurz danach herausstellte, denn der Niederländer an sich ist ein entspannter Konzertgänger. Der große Saal füllte sich erst wenige Minuten vor Konzertbeginn, wir hätten also nicht 20 Minuten vorher an den Türen sein müssen.

Egal, beim nächsten Mal weiß man Bescheid. Music for the long emergency, das Album von Poliça + stagraze hörte ich in den Tagen zuvor einige Male. Es klingt anders als die vorherigen, eher elektronisch und synthielastig ausgelegten Poliça Sachen. Nicht blenden lassen sollte man sich beim Hören von „Fake like“, dem ersten Song des Albums. Auch wenn er klingt wie ein beswingtes Twin Peaks Theme, in seichte Popgefilde abgedriftet ist die Band keineswegs. „Fake like“ ist fake und steht nicht beispielhaft für die eher jazzigen und streichergetragenen Sachen. Gemeinsam mit stargaze lassen die beiden Poliça Schlagzeuger, Bassist Chris Bierden sowie der zwei Apple Macbooks bedienende Ryan Olson einen sehr eigenständigen Sound entstehen, dem die tolle Stimme von Channy Leaneagh das Krönchen aufsetzte. Music for the long emergency stand denn auch im Mittelpunkt des Konzertes. Die Setlist wurde nur mit dem älteren Stück „Berlin“ angefüttert.
Der große Saal im Muziekgebouw war gut gefüllt, ausverkauft war das Festival wohl nicht, und die Musiker sichtlich angetan vom regen Zuspruch. Poliça als Poliça spielte bei uns zuletzt im Kölner Luxor, da ist ein großer Konzertsaal, ich schätze mit einem vierfachen Fassungsvermögen, schon eine ganz andere Hausnummer. Als besonderes Schmankerl hatten sie eine Kurzfassung ihres 20 Minüters „Reimagining Steve Reich’s ‘Music for Pieces of Wood’“ im Programm, die sie extra für die Cross-linx Konzerte auf die Setlist nahmen, wie Channy Leaneagh erwähnte. Der erste, heimliche Höhepunkt des Abends war damit gesetzt.

Setlist:
01: How is this happening
02: Agree
03: Marrow
04: Berlin
05: Angel
06: Speaking of ghosts
07: Fake like
08: Reimagining Steve Reich
09: Cursed
10: music for the long emergency

Als Zwischenspiel nach Poliça und vor Hooverphonic spielten Intergalactic Lovers im Foyer. Ja, nicht nur die beiden Konzertsäle, auch die beiden Flure des Konzertgebäudes beherbergte Bühnen. Intergalactic Lovers ist eine belgische Indiepop Band, die ich nicht wirklich kenne. Der kurze Abstecher an die Bühne war gut, aber ausreichend. Da ihr Elektropop durch das gesamte Gebäude schallte, brauchte es den an-der-Bühne-stehen Platz jedoch nicht. Eine Sitzecke eine Etage tiefer war genauso gut.

Wenn im großen Saal ein Konzert anstand, fanden keine Konzerte parallel statt. Das Konzept der Veranstalter war es wohl, nur so viele Tickets zu verkaufen, wie der große Saal Sitzplätze hat. Anders kann ich diesen Ablaufplan nicht zu verstehen. In der einstündigen Pause zwischen den Auftritten von Poliça und Hooverphonic (sowie davor und danach) waren jeweils zwei Parallelkonzerte angesetzt. Eines im Foyer, eines im kleinen Saal. Hooverphonic sind der diesjährige Hauptact der Cross-linx Reihe. Neben Eindhoven tourte das Festival in den Tagen davor und danach noch in Enschede, Amsterdam und Rotterdam.

Anderthalb Stunden spielten die Belgier mit großem Orchester im großen Saal und konnten sich dem größten Applaus sicher sein. Zwei Sängerinnen und einen Sänger hatten Raymond Geerts und Alex Callier dabei, die sich mit dem Gesang abwechselten. Das hatte Big Band Charakter, wenn nach jedem Song der Platz in der Bühnenmitte von einem anderen Gesangsmitglied ausgefüllt wurde. Nur, dass Hooverphonic keine Swingklassiker spielten, sondern ein Best of ihrer eigene Songs ablieferten. Auf ihre Interpretation von Depeche Modes „Shake the disease“, das in den auf dem DM Tribut sampler For the masses erschien und die Band bekannt machte, verzichteten sie dabei.

Eine grundsätzliche Frage: Könnte man Hooverphonic Sachen kennen?
Nun, am ehesten vielleicht „Amalfi“ oder „Vinegar and salt“. Diese beiden älteren Sachen erinnern stark an Lamb, was neben den Sounds auch an den weiblichen Gesangsstimmen liegt.

Die Band sei mit ihrer Musik immer auf der Nahtstelle zwischen Kitsch und Kunst unterwegs, so erzählte Alex Callier irgendwann. Das stimmt, wo er Recht hat, hat er Recht. Kunst ist die Musik von Hooverphonic zwar immer noch, aber die letzten Alben bewegen sich im sehr seichten Popmantel. Und in der Orchesterversion werden lupenreine Popnummern schnell zu mittelgroßen Kitschsongs. Das kann sich jeder vorstellen, der schon einmal weihnachtliche Popsampler gehört hat. So fühlt sich das Konzert auch phasenweise ein bisschen kitschig an. Der Auftritt der verschiedenen SängerInnen, das große Orchester im Hintergrund. Hätte die Bühne Showtreppen gehabt, wäre das Konzert gänzlich im Kitschhimmel angekommen.
Zwar sind sie nicht hauptverantwortlich für die Songs, im Mittelpunkt der Bühne standen sie jedoch uneingeschränkt: das Orchester und sein sehr lustig agierender Dirigent sowie die drei SängerInnen. Die Hooverphonics Raymond Geerts und Alex Callier spielten nahezu außerhalb der Lichtkegel am Bühnenrand Gitarre und Bass. Die Musik ist wichtiger als die Macher, diese alte TripHhop Attitüde zeigte sich auch auf der Bühne.

Der Auftritt schmolz dahin. „Amalfi“, „Mad about you“, „Eden“ oder „Stranger“ taten absolut nicht weh und wurden ohne Ecken und Kanten präsentiert. Eine große Show, schön arrangiert für einen bestuhlten Konzertsaal. Einzig das sehr aktuelle „Badaboum“ vom aktuellen Album In Wonderland war ein bisschen zu kitschig platt.

Setlist:
01: Deep forest
02: Stranger
03: Vinegar and salt
04: Heartbroken
05: Anger never dies
06: We all float
07: Eden
08: Gravity
09: Jackie Cane
10: The night before
11: Hiding in a song
12: Mad about you
13: 123
14: Badaboum
15: Amalfi
Zugabe:
16: 2wicky
17: Sometimes

Gehörte die Zeit zwischen den beiden großen Konzerten dem Foyer, zog es uns nach Hooverphonic in den kleinen Saal zu This is the kit. Ein Solokonzert der beiden Folkerinnen bräuchte ich nicht unbedingt, im Rahmen eines Festivals und zum Tagesausklang nehme ich es jedoch gerne mit.
Eine kleinere Abordnung stargaze begleitete die beiden Mädels Kate Stables und Rozi Plain. Ich kenne kaum etwas von der Band und habe nur eine Ahnung, was für Musik sie machen. Während ihres gut halbstündigen Auftritts war ich jedoch froh, dass das Banjo nicht so oft zu hören war, wie ich im Vorfeld befürchtete. Neben einer Gitarre stand am Bühnenrand auch mein Lieblingsinstrument. Mit Banjos kannste mich ja jagen! Hier blieb ich jedoch auf dem wackligen Stuhl sitzen und ärgerte mich nicht darüber. This is the kit + stargaze unterhielten mich zu später Stunde aufs Allerbeste. Trotz der drei Banjo Songs.

Ein halbe Stunde dauerte der This is the kit Auftritt. Ein bisschen knapp, wie ich finde. Es war das kürzeste Konzert an diesem Abend.  Schade, ein bisschen mehr hätte es sein können.

Die Nacht ruft. Ab ins Parkhaus. Eindhoven, Venlo, Köln. Ein guter, sehr guter samstäglicher Ausflug.

Multimedia:

Kontextkonzerte:
Poliça – Köln, 27.10.2016 / Luxor
Poliça – Köln, 28.01.2014 / Kulturkirche Nippes

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."