Ort: FZW, Dortmund
Vorband: Brookland
Sommerzeit ist Festivalzeit. Unzählige Bands fliegen über den großen Teich und spielen sich in Europa Wochenende um Wochenende die Finger wund. Sind die Freitag- bis Sonntagabende so meist verplant, bleibt zwischen Festivalauftritten die Zeit, ein paar Klubkonzerte zu geben. Was soll eine Band auch machen, wenn sie Samstag in Paris und das Wochenende drauf in Berlin für Festivalauftritte gebucht ist. 5 Tage Schlafen? Eine Möglichkeit; 5 Tage Städtetripps? Eine andere. Nachhause fliegen? Keine Alternative, wenn man nicht Solange oder Frank Ocean heißt und sich das Pendeln leisten kann. Was bleibt also, als unter der Woche ein paar Überbrückungskonzerte zu spielen und etwas Merch zu verkaufen? So kam es, dass Car Seat Headrest letztens in Dortmund ein Klubkonzert im schönen FZW gaben.

Keine andere Band sah ich in den letzten Monaten bewusst so häufig wie Car Seat Headrest. Wobei ich das Wörtchen häufig relativieren muss, neben ihrem ausverkauften Konzert in Köln und dem Primavera im letzten Sommer war das Konzert von Car Seat Headrest im Dortmunder FZW das dritte innerhalb eines Jahres. Häufig, nun ja. Dennoch, die Band um Will Toledo hat es mir angetan, keine Frage. Ich liebe ihren Slacker-Indierock, die hingeschnodderten Gitarren, den leiernden Gesang, diese tolle gleichgültig klingende Stimme. Bereits bei meinen ersten Hördurchgängen von Teens of denial knüpfte ich Assoziationen zu Pavement; die Herangehensweise von Car Seat Headrest schien und scheint mir immer noch sehr ähnlich. Seit einigen Tagen hat die Band einen neuen Song, der aber, so Will Toledo, ‘nicht so neu sei, dass man ihn nicht auf Spotify hören könne. Neu sei höchstens die Version, die sie gleich spielen würden. Die würde man nicht bei Spotify hören, dazu müsse man schon in ein Konzert gehen.‘ Da stehe ich nun und lasse mir „War is coming (if you want it)” um die Ohren hauen. Ich hatte vorher nur kurz reingehört, nicht auf Spotify, sondern auf YouTube, es ist ein Hit! Im Konzert fügt er sich mühelos zwischen „Drunk drivers /Killer whales“ und „Sober to death“ ein. Car Seat Headrest scheinen über Teens of denial hinaus weiter spannend zu bleiben. Das ist gut und freut mich, ich wünsche mir, dass die Band noch ein paar wunderschöne Indierocksongs schreibt. Schon alleine wegen der tollen Gesangsstimme Will Toledos.

„Vincent“ eröffnet den Abend, der Schlagzeuger kommt auf die Bühne und spielt minutenlang einen leisen Beat, darunter liegen geloopte Sprachsequenzen. Bei ihrem Konzert im Frühjahr im Gebäude 9 war es nur ein Schlagzeugbeat, der die übrigen Bandmitglieder auf die Bühne holte. Car Seat Headrest scheinen weiter zu experimentieren, denn später tauchen nochmals Sprachsequenzen aus der Konserve auf. Dass auf „Vincent” „Fill in the Blank” folgt, ist bekannt. Es ist ihre Standarderöffnung. Auch im FZW läuft das so, und das Hitdouble verfehlt seine Wirkung nicht. Obwohl der kleine Saal nur gut besucht ist, sind alle sofort im Konzert. Stimmungstechnisch war es nur wenig schlechter als im Frühjahr im ausverkauften Gebäude 9. Hinter mir wurde textsicher „Drunk drivers / Killer whales“ mitgesungen, Applaus und Zuspruch waren groß. Zu Recht, möchte ich mal sagen. Das Konzert hatte Schmiss. Konzerte in kleineren Räumen würden ihnen mehr Spaß machen, als auf einer großen Festivalbühne, erzählten sie irgendwann zwischendurch, und lieferten gleich die logische Begründung mit: Ihre Musik käme in kleineren Sälen viel besser zur Geltung. Stimmt. Ergibt Sinn. Und die Band hat Bock auf das kleine Klubkonzert. Ich bilde mir zumindest ein, dies festzustellen.

In der folgenden Stunde spielten Car Seat Headrest schwerpunktmäßig Songs von Teen of denial. “Unforgiving girl (she’s not an)” ist neben „Destroyed by Hippie Powers“ und „(Joe gets kicked out of school for using) Drugs with friends (but says this isn’t a problem)” einer dieser Songs, die direkt nach Veröffentlichung Evergreenstatus erreichen und die ich immer hören kann. Auf eine Coverversion griffen sie an diesem Abend nicht zurück, oder besser gesagt: ich habe keine herausgehört. Mit „Beast monster thing (Love isn’t love enough)” oder wie Will Toledo sagt, ‘our Festival closer’ beenden sie nach einer guten Stunde ihr Set. Gitarrengefrickel und so.

Was noch? Modisch hinterlässt ein Festivalsommer scheinbar seine Spuren. Gitarrist Ethan Ives kombiniert zur Smiley Gürtelschnalle ungeniert ein Iron Maiden T-Shirt und muss immer mal wieder seinen Judge Dredd Logosticker an seinem Gitarrengurt in die richtige Position rücken. Extrem-Hochwasserhosen und Budapester gelten bandintern ebenso als mögliche Kleidungsoption. Ach, die jungen Leute!

Ein bisschen älter als Mitte zwanzig scheint die Vorband zu sein. Im Vorprogramm spielten Brookland, eine zwei Mann Band aus Dortmund und Münster. Nicht ungewöhnlich für Festival Überbrückungskonzerte kamen Car Seat Headrest ohne Tour begleitende Vorband. Oftmals springen dann lokale Bands ein, manchmal finden diese Konzerte auch ohne Support statt. In Hamburg, so las ich im Internet, wurde noch letzte Woche eine Vorband via Facebook gesucht. In Dortmund spielten die lokalen Brookland.

Brookland is a 2-piece-band formed by Bob Rotten (Guitars/Vocals) and Flix Viscious (Drums) in early 2014 Dortmund/Germany. We are influenced by late 80’s and early 90’s music.

Musikalisch würde ich sie mit ‘melodiöse Japandroids‘ umschreiben. Die Gitarre röhrt nicht ganz so stadionrockig, der Gesang ist weicher und das Schlagzeug weniger ruppig antreibend. Brookland wurden mir vor Konzertbeginn empfohlen; es war keine schlechte Empfehlung.

Kontextkonzerte:
Car Seat Headrest – Köln, 16.03.2017 / Gebäude 9
Car Seat Headrest – Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2016

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frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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