Ort: Philharmonie, Köln
Vorband:

Benjamin Clementine stammt von ghanaischen Eltern ab. Als Jugendlicher hatte er genug von seinem Leben in London und ging nach Paris, wo er teilweise mittellos auf der Straße lebte und als Straßenmusiker auftrat. Sein Publikum war fasziniert von seinem Spiel. Auftritte in Bars und Hotels folgten, bis er schließlich den ersten Plattenvertrag unterzeichnete. (Quelle: Philharmonie Köln)

Soweit so gut und bekannt.
Konzerte gibt Benjamin Clementine gefühlt nur im Winter. Bereits die letzten beiden Auftritte des Engländers in Köln fanden – ich schau das nicht nach – in der kälteren Jahreszeit statt. Bei seinem ersten Auftritt spielte er noch im Stadtgarten, die Weihnachtsmarktbuden vor der Tür sorgten für die selige Grundstimmung, die mich damals vorfreudig in den vollen Stadtgarten spülte. Das zweite Konzert fand dann bereits in einer ausverkauften Philharmonie statt.  Ich glaube, auch das war gut.
Wie vor einem Jahr führt mich mein Weg an diesem trüb-tristen Novembertag in die Kölner Philharmonie. Vom Kölner Hauptbahnhof kommend führt der Weg um windige Ecken und über ein paar Treppen. Es ist leicht, sich zu verlaufen, mir gelang das schon öfter. In einer  der schwach ausgeleuchteten Ecke neben dem Philharmonie-Haupteingang steht rauchend in einen langen Mantel gehüllt Benjamin Clementine und betrachtet das Treiben auf dem Gehweg. Im Vorbeigehen erkenne ich ihn an seinem Haarturban, aber auch der lange Mantel, irgendwie ein Markenzeichen von Clementine, hätte mich aufblinken lassen. Er wirkt unnahbar und der Szenerie entrückt. Vor der Philharmonie beobachte ich ein bisschen das Konzertpublikum. Die Frage, wer so alles eine Benjamin Clementine Konzert besucht, ließ mich ein paar Minuten verweilen. Ich bemerkte Standard Philharmonie Besucher, ein paar Hipster und zottelige Gebäude 9 Konzertgänger. Die Palette ist groß, es ist schon eine wahnsinnig diffuse Zielgruppe, die Benjamin Clementine anzieht.

Vor mir stehen und sitzen acht weiße Schaufensterpuppen. ‘Mist, ich sehe nix‘, so merke ich rasch, ‘die Dummies versperren mir die Sicht auf den Flügel.‘ Die Bühnendeko ist um das Instrument positioniert. Die Komposition wirkt arty, aber eben auch sichtbehindernd. An die Auswahl des Platzes kann ich mich nicht mehr erinnern, so lange ist die Bestellung des Tickets schon her. Ein wenig verwundert bin ich schon, dass es so weit vorne ist. Wie sich jetzt scheinbar herausstellt, ist sehr weit vorne nicht immer gut.
Benjamin Clementine kommt barfuß auf die Bühne. Seine erste Amtshandlung besteht darin, die Puppen ein wenig zur Seite zu stellen. Damit verschwinden sie auch aus meinem direkten Blickfeld. Dafür besten Dank, das ist sehr nett. Dachte ich so… Von nun an hatte ich direkten Blickkontakt mit Benjamin Clementine. Jedes Mal, wenn er von seinen Tasten hochschaute, traf mich automatisch sein Blick. Und den hielt er oft sehr lange. Benjamin Clementine ist gut im Leute fixieren, das weiß ich nun. Während des Konzertes gab es mehrere Augenblicke, in denen er mich sekundenlang anschaute. Ehrlich gesagt, es war mir ein bisschen unangenehm und nicht immer fühlte ich mich unter seinen Blicken wohl.

Nachdem er die Puppen beiseite gestellt hatte, begann er das Konzert allein. Also erstmal dauerte es ein paar Sekunden, bis er den Mikrofonständer vom Klavier weg in die Mitte der Bühne stellte, die Höhe passend einstellte und das Mikrofon in den richtigen Winkel neigte. Keine Ahnung, ob das geplanter Slapstick war oder ob es der Nervositätminderung dienen sollte. Es wirkte jedenfalls wie Slapstick. Nachdem das erledigt war, ging es los. Nicht nur verzichtete er beim ersten Song auf seine Mitmusiker an Schlagzeug und Bass (Alexis Bossard und Axel Ekermann), sondern auch auf jegliche instrumentale Begleitung. Nur mit einem Apfel in er Hand, den er im Takt des Songs hochwarf, sang er „Farewell Sonata“. Das war schon toll, weil seine Stimme toll ist.
Anschließend betritt die Band die Bühne, der Mikrofonständer wird wieder neben dem Flügel platziert und es geht mit „God save the jungle“ weiter, an dessen Ende er ein paar Zeilen von „God save the queen“ einbaut. Ob das auf Platte auch so ist, weiß ich nicht. Ich kenne das aktuelle Album I tell a fly nicht. Falls es nicht so ist, könnte dieser Exkurs ein erstes Entertainmentanzeichen angeshen werden. Doch zu den Entertainmentblöcken später mehr.
Erst einmal gab es eine Ansage an die Fotografin im Publikum. Nach dem Ende von „God save the jungle“ streckt er seine Hand aus und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf eine junge Fotografin. ‘It’s absolutely annoying to have a camera. Click, Click.‘ Von ganz oben könne sie gerne fotografieren, dagegen hätte er nichts. Aber bitte nicht in seiner Nähe. Es folgten noch ein zwei Sätze Dialog, dann packte das junge Mädchen ihr Teleobjektiv ein.
Es folgt „I won’t complain“. Gewohnt wunderbar. Der Schlagzeuger trommelt nur mit seinen Fingern auf Trommel und Becken, Benjamin Clementine spielt akkurat wie eh und je und seine Tonlagen sitzen. Gut, denke ich, dann kann es jetzt ja so richtig losgehen. Ging es dann auch, aber nicht mit Musik. Es folgte ein längerer Monolog und eine Erklärung darüber, warum weiße Dummies auf der Bühne stehen und keine schwarzen. Es hätte was mit der Absorption des Lichtes zu tun. Na gut, das Wissen darüber schadet nicht. Aber nach dem nächsten Song folgte die nächste längere Unterbrechung. Die kam mir dann schon blöd rüber. Im halbdunklen Saallicht erblickte Benjamin Clementine ein paar leere Sitze in den vorderen Reihen. Das fände er doof und so forderte er die Leute aus den hinteren Reihen auf, nach vorne zu kommen. Natürlich ging das nur sehr zögerlich, als Publikum hat man Respekt vor dem Saal und den Ansagen eines Künstlers. Meint er das jetzt ernst? Ist das okay, einfach aufzustehen und andere Plätze einzunehmen? Da springt man nicht sofort auf. Herr Clementine schwadronierte aber so lange herum, bis schließlich die ersten Mut fassten und bis alle Sitze vorne belegt waren.

Irgendwie war mir das da schon alles ein bisschen zu dämlich, die Unterbrechung und das hin- und her waren nervig. Schlimmer noch, ich hatte den Eindruck, dass die Musik unter der Geschwätzigkeit litt. Denn es ging so weiter. Die meiste Zeit ging für Erzählungen drauf, die Musik trat in den Hintergrund. Ob wir alle gesundheitliche Probleme hätten, weil so viele husten würden? Der daraus resultierende Monolog über Wetter, Luftfeuchte und was-weiss-ich noch war genauso unsinnig  wie die rhetorische Frage, welche deutschen Stürmer es neben Müller denn noch so gebe. Podolski (is he still playing?), Götze (he’s rubbisch now), Sane (who?). Schlussendlich sei Philip Lahm sei doch der beste deutsche Fußballer schlechthin. Oh ja Philip Lahm, der hat es ihm angetan. Er erzählte noch etwas weiter, ich habe aber nicht richtig zugehört.

Dummerweise schaffte Benjamin Clementine es nicht mehr, zwei Songs ohne längere Erzählpause aneinanderzureihen. Der musikalische Teil kam so für mein Gefühl viel zu kurz Das ruhige, dramatische und konzentrierte in den Songs ging in dieser Atmosphäre völlig verloren. Der Abend entwickelte sich aus meiner Sicht in die falsche Richtung und das Konzert wurde von Minute zu Minute schwächer und war überhaupt kein Vergleich zu meinen bisherigen Benjamin Clementine Konzerten. Mal ganz abgesehen davon, dass es auf Dauer echt nervig ist, immer irgendwas erzählt zu bekommen und dabei sehr oft sehr fragend angeschaut zu werden. Wenn ich Geschichten höre möchte, gehe ich nicht in ein Konzert.
‘Shut up and play One‘, rief Noel Gallagher mal auf einem U2 Konzert, als ihm Bono zu viel erzählte. Nie musste ich öfter an diesen Ausspruch denken als jetzt.
Gegen Ende des Konzertes besinnt sich Benjamin Clementine dann wieder auf das Wesentliche. Für die letzten vier Songs wurde der Konzertabend zu einem Konzert. „Nemesis“, „Cornerstone“, „Condolence“. Das sind immer noch wahnsinnig gute Songs und ohne Schnickschnack im Drumherum einfach herzzerreißend.

In der Zugabe spielt er „London“, wie ich finde, den schönster aller Benjamin Clementine Songs. Und es wäre ein würdiger Abschluss, wenn er den Song nicht mittendrin zu einem Mitsingcontest umgestalten würde. Da das natürlich nicht auf Anhieb klappte, betete er uns solange den Text vor, bis ihn wirklich der letzte drauf hatte und dann auch jeder, selbst wenn er nicht mitsingen wollte, mitsang.

…although it’s not clear as the morning due, when my preferred ways are not happening I won’t under estimate whom I am capable of becoming…

Bravo, so kann man ein gutes Konzertfinale vollständig zunichtemachen. Er wisse nicht, ob wir diesen Abend so erwarten hätten. Manchmal kämen Dinge eben anders, als gedacht. Das müsse ja nicht heißen, dass es schlechter sei.
Nun, ich für meinen Teil hatte das nicht erwartet, fand es aber schlechter. Früher waren Benjamin Clementine Konzerte spannender. Da stand die Musik im Vordergrund und ihre Wirkung war phänomenal und tiefgründig. Die Klavierkompositionen, seine Stimme, die Atmosphäre, die er damit schuf, das war einzigartig. Sowohl beim Stadtgartenkonzert als auch nach dem ersten Philharmonie Konzert ging ich mit einer Gänsehaut nach Hause. An diesem Abend tat ich das nicht. Ich hatte nur am Anfang kurzzeitig das Gefühl, dass die Musik im Vordergrund steht. So ging viel Charme und Gänsehaut verloren. Das fand ich schade. Unterhaltsam war es trotzdem, aber anders als erwartet. Doch anders hätte es mir besser gefallen.

Kontextkonzerte:
Benjamin Clementine – Köln, 10.12.2015 / Philharmonie
Benjamin Clementine – Köln, 29.11.2014 / Stadtgarten

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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