| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Köln ist klein. Die Szene der Musikbegeisterten, bzw. der Bekloppten, die jede coole oder weniger coole Band live sehen wollen, überschaubar. Man trifft sich vor den Bühnen, unterhält sich, schließt Bekanntschaft oder Freundschaft. Der erweiterte, mit dem Auto in akzeptabler Distanz erreichbare Ort wird zu Treffpunkten. Bochum, Düsseldorf, Dortmund und Nijmegen heißen die Städte, zakk, FZW, Philipshalle, Zeche und Doornroosje die Klubs und Hallen.
Die gemeinsame Schnittmenge ist groß, manchmal aber nicht groß genug. So ergab es sich, dass am Freitag der eine hier und der andere auf der anderen Straßenseite sein konzertiales Glück versuchte. Ich suchte es bei Archive.
Es war eine spontane Entscheidung, an diesem Abend in die Kölner Schanzenstrasse zu fahren. Massive Attack im Palladium oder Archive im E-Werk hiessen die Ansetzungen, die mich dazu verleiteten. Ich hatte mir das so vorgestellt: ich fahre los, und entscheide mich beim Verlassen des Wagens, ob ich nach links ins Palladium oder nach rechts ins E-Werk abbiege. Die Wahl fiel auf Archive, eine Band, die ich eigentlich überhaupt nicht kenne (eigentlich, weil ich nur diesen einen Song von ihnen habe), die mich aber schon immer interessierte.
Massive Attack hatte ich letztes Jahr auf dem Roncalliplatz gesehen. Meine Neugierde auf dieses Trip-Hop Monster wurde seinerzeit mit einem tollen Auftritt gestillt.
Nun wollte ich Archive für mich entdecken. Das E-Werk war gut gefüllt, das Konzert wurde im Vorfeld vom kleineren Gloria hierin geupgradet. Ein Grundzuspruch schien also gegeben.
Überdies fand ich es passender, den angenehmen Herbsttag mit den eher dunkeln und getragenen Songs Archives ausklingen zu lassen. Ich hatte eine grobe Vorahnung dessen, was mich erwarten könnte, und meine Ahnung sollte mich nicht irreführen. Es war genau das Konzert, was ich mir erhofft hatte. Stimmungsmusik passend zur Jahreszeit, so war es dann auch.
Archive waren toll. Ihre Show perfekt auf die Songs abgestimmt. Da passte jede Videoinstallation und jeder Bühnenscheinwerfer. Ein Hochgenuss. Mit zwei Sängern (Pollard Berrier und Dave Pen), einer per Videoplayback eingespielten Maria Q und Rapper Rosko John spielten Archive hauptsächlich Songs von ihrem neuen Album „Controlling crowds“. Die ersten neuen Songs der Setlist stammten eins zu eins von diesem Album, einzig „Whore“, „Chaos“ und “Razed to the ground“ wurden nicht gespielt. „Lines“ und „Empty bottle“ vom Zusatzalbum „Controlling Crowds Part IV“ aus der Doppel CD Edition von „Controlling Crowds“ sprangen hierfür ein.
Ein Konzeptkonzert also, das im Zugabeblock mit älteren Songs ergänzt wurde.
Alles lief aus einem Guss, ja bis, nach ungefähr einer halben Stunde, Rapper Rosko John zu „Quiet time“ die Bühne betrat. Es knackte einmal, dann war Ruhe. Ein technischer Defekt, eine rausgeflogene Sicherung setzte die Bühnenelektrik matt. Nach einigen gescheiterten Rettungsversuchen war klar, es liegt ein größeres Problem vor. Die acht Musiker verließen daraufhin die Bühne, alle Systeme wurden neu gestartet und nach ungefähr sieben Minuten gab es den zweiten Anlauf zu „Quiet time“. Die Unterbrechung tat der Grundstimmung keinen Abbruch. Die Band zeigte sich unbeeindruckt, und auch das Publikum erholte sich. Kann alles mal passieren, und wenn eine Band wie Archive nicht nur im Studio sondern auch live so sehr auf den elektrischen Krams angewiesen ist, ihn in aufwendigster Art ins eine Show mit einbezieht, dann ist ein technisches Problem immer mal drin.
Nachdem sich also alle geschüttelt haben und die Macs frisch gestartet in Ausgangsposition gebracht wurden, liefen die restlichen anderthalb Stunden ohne Probleme.
Archives Musik ist ein feiner Mix aus Trip-Hop, Post- und Indie-Rockelementen. Die Band, die ursprünglich aus dem Trip-Hop stammt, und ähnlich wie Massive Attack, die witziger weise just zur gleichen Zeit auf der anderen Straßenseite im ausverkauften Palladium aufspielten, Rap und getragene Rockpopelemente miteinander verbindet, ist ein wahres Sammelsurium an Musikern. Derzeit gehören elf Menschen zum engeren Archive Team, hinzu kommen drei weitere ehemalige Bandmitglieder. Seit 1994 existiert die Band, die von den Keyboardern und Soundtüftlern Darius Keeler and Danny Griffiths gegründet wurde. Beide hielten auch im E-Werk das Archivegebilde zusammen, standen doch ihre Keyboards am linken und rechten Bühnenrand. Während Darius Keeler sich während der Songs immer wieder von seinem Stuhl erhob, und wie ein Dirigent mit dem linken Arm den Rhythmus vorgab, saß Danny Griffith in gebückter Haltung über seinem Effektpult und machte seinen Job.
Es war ein tolles Konzert. Die Songs, die alle jenseits der fünf Minuten Grenze liegen, langweilten zu keiner Zeit und es fiel mir nicht schwer, ihnen zuzuhören. Es ist ja immer so eine Sache, ein Konzert zu besuchen, wenn es keine Wiedererkennungswerte gibt. Die Neugierde kann verfliegen, und die Spannung schnell dahin sein, wenn es nicht funkt. Zwischen Archive und mir hat es an diesem Abend gefunkt. Ich mag einfach diese elegischen, sich langsam aufbauenden Songstrukturen, die eher dunkel und schwermütig als locker und fröhlich daherkommen. Warum ich dieser Band nicht eher ein Ohr geschenkt habe, bleibt mir unerklärlich.
In ähnlicher Art und Weise funktionierte auch die Vorband. Birdpen heißt sie und ist das Zweitprojekt des Archive Gitarristen und Sängers Dave Pen. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht, ich kannte ja keine Archivegesichter. Ihr Debütalbum war am Merch- Stand leider ausverkauft, ich werde es mir also anderweitig besorgen müssen.
Also ein rundum gelungener Abend. Es war die richtige Wahl, den linken Weg einzuschlagen.

Setlist:
01: Controlling crowds
02: Bullets
03: Words on signs
04: Dangervisit
05: Quiet time
06: Collapse / Collide
07: Clones
08: Barstardised Ink
09: Kings of speed
10: Lines
11: The empty bottle
12: Funeral
Zugabe:
13: Londinium
14: Numb
15: Again

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Massive Attack – Köln, 08.08.2008

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."