Vor einigen Wochen. Im letzten Jahr, im Oktober. 23.10.2021.

An diesem Abend fahre ich zum Filmfestival nach Köln. Ich möchte im Filmpalast ein kleines Konzert sehen. Und natürlich einen Kinofilm, oder besser gesagt eine Filmdokumentation. In der Programmankündigung des Film Festival Cologne liest sich das wie folgt:

Im November 1993 war der Kölner Stadtgarten Schauplatz eines einzigartigen Musikprojekts. Vierzig Musiker der unterschiedlichsten Generationen und Stile (Krautrock, New Wave, Elektronische Musik, »Weltmusik«) trafen in kleinen Gruppen aufeinander, um zusammen ohne Vorgaben in Sessions zu spielen, eine Idee des Kölner Musikers Arno Steffen und des Regisseurs Burkhard Steger. Mit dabei u.a.: Jaki Liebezeit (Can), Peter Hook (New Order), Billy Currie (Ultravox), Andrew Gill (Gang of Four), Blaine L. Reininger (Tuxedomoon), Sven Regener (Element of Crime), Gudrun Gut (Malaria).
Im Anschluss Talkrunde mit Arno Steffen, Blaine Reininger, Jürgen Dahmen und Oliver Schwabe.
Danach gibt es ein kurzes Live-Set von Blaine Reininger und Jürgen Dahmen.

Freispiel heißt die Dokumentation, die über dieses Projekt, das bei Außentemperaturen von Minus 17 Grad im Stadtgarten und in Kölner Hotelzimmern umgesetzt wurde, berichtet.
Freispiel ist ein schönes Zeitdokument. Der Film zeigt Sequenzen aus den Sessions. Manchmal mit, aber größtenteils ohne Hintergrundkommentar werden Songproben, kleine Songauszüge und die Gespräche der Musiker untereinander dokumentiert. Es ist ein Liebhaberfilm, eine Dokumentation, die ein grundsätzliches Interesse an Musik voraussetzt. Denn ja, die Gefahr, sich an einen Peter Hook mit Zopf oder an extrem junge Gudrun Gut und Sven Regener satt zusehen, ist gegeben. Ich finde nicht jede Einstellung immer interessant, die Dokumentation hat ein paar kleine Längen, die mich manchmal kämpfen lassen. Es passiert aber auch nicht viel, obwohl eine Menge passiert. Ich weiß nicht genau, wie viele Musiker*innen damals im Stadtgarten zusammenkamen, wie viele eingeladen wurden. Mir kam es so vor, dass es ein wirres Kommen und Gehen war, und die Projektleiter sie einfach machen ließen.
Im Anschluss an den Film bekamen wir im Gespräch eine Ahnung davon, wie chaotisch es zuging und wie genial abstrus die Idee war, sich untereinander teils unbekannte Musiker*innen einzuladen und einfach machen zu lassen. Es war ein lustiges Gespräch, in dem sich ein Anekdötchen an das nächste reihte. Warum der Film damals nicht in die Kinos kam und später nicht z. B. im wdr gezeigt wurde, ließ sich nur teilweise aufklären. Kein Geld und schlichtweg in Vergessenheit geraten sind so die Punkte, die bei mir hängengeblieben sind.

Und dann wurde musiziert.
Blaine L. Reininger (Kennt man, denke ich. Alter New Wave- und Post-Punker. Tuxedomoon heißt die Band, die man mit seinem Namen verbindet, “No tears” der Hit, zu dem wir in den Indiediscos Ende der 80er Jahre getanzt haben.) und Jürgen Dahmen (den Namen hatte ich vorher noch nicht gehört), die beide damals im Stadtgarten mit dabei waren und die sich an diesem Wochenende nach 17 Jahren erstmals wiedergesehen haben, spielen vier Songs: zwei neue Stücke von Blaine L. Reininger („Broken fingers“ und ein anderes), einen alten Tuxedomoon Song („Volo Vivace“) und – für mich der schönste Song des Abends – „Simple advice“ aus der Dokumentation Freispiel.