Ort: De Roma, Antwerpen
Vorband: Liam Kazar

Jeff Tweedy - Antwerpen, 17.02.2026

Weder Jeff Tweedy noch Lou Reed waren meine Babysitter. Das war – weniger spektakulär – meine Oma. Soweit mein Statement zum meiner Meinung nach besten Song des aktuellen Jeff Tweedy Albums Twilight Override und den aktuellen Merch T-Shirts beim Konzert im de Roma in Antwerpen.
Nach dem wunderbaren Wilco Konzert im letzten Sommer im Dortmunder Junkyard und dem überragenden Triple CD-Album Twilight Override (eines meiner Lieblingsalben 2025) war es keine Frage, eines der Konzerte der Geschäft für die Solotour nicht dann nicht zu sehen. Die Frage lautete, wo? In Köln und/oder der näheren Umgebung sah – leider wie so oft in diesen Tagen –  kein Veranstalter oder Promoter die Notwendigkeit, Jeff Tweedy und Band zu buchen. Es blieb somit Utrecht oder Antwerpen, näher kam der Chicagoer Sänger plus Band nicht an mich heran. Da Utrecht relativ schnell ausverkauft war, fiel die Wahl auf das de Roma in Antwerpen. Verkehrstechnisch gut gelegen macht dieser schöne Konzertsaal (ich glaube, es ist ein ehemaliges Kino) enorm viel Spaß. Gleiches gilt natürlich für das Tivoli Vredenburg in Utrecht, aber aus oben genanntem Grund stand es nicht mehr auf meinem Zettel. Somit ging es am Nelkendienstag auf nach Antwerpen.

Twilight Override ist das mittlerweile fünfte Soloalbum von Jeff Tweedy. Als 3er CD-Set angelegt hat es eine Spielzeit von um die 2 Stunden. Wie erwähnt mag ich das Album sehr, Songs wie „Mirror“, „Parking Lot“, „Out in the dark“ oder „Lou Reed was my babysitter“ sind jetzt schon Evergreens und  belegen gleichzeitig die enorme musikalische Bandbreite, die die drei CDs bieten: Von Indiefolk bzw. Alternative Country bis hin zu Indierock ist alles dabei. Und enorm kurzweilig, ich habe beim Hören zumindest nie das Gefühl, dass einer der 30 Songs wie ein anderer klingt. Ja, das Album macht Spaß. Das sehe scheinbar nicht nur ich so, denn die Jeff Tweedy Konzerte sind schnell ausverkauft. Auch Antwerpen lässt sich da nicht allzu lange bitten.

Das de Roma füllt sich langsam. Liam Kazar als Vorprogramm und gleichzeitig auch Gitarrist der Jeff Tweedy Band, ist für 19.45 Uhr angesetzt. Die Türen öffnen um 19.15 Uhr. Ich schlurfe gegen kurz vor halb acht ins de Roma und stelle überraschend fest, dass die vorderen Reihen noch nicht voll besetzt sind. Das belgische Publikum ist dafür bekannt, dass es erst spät zu Konzerten kommt, aber 15 Minuten vor Programmbeginn noch einen nahezu leeren Saal vorzufinden, finde ich dann schon etwas überraschend. In diesem Extrem habe ich das bei einem ausverkauften Konzert auch nicht oft erlebt. oder eigentlich noch nie. Anyway, es füllt sich dann bis zur Umbaupause – in der nur der Mikrofonständer von Liam Kazar beiseite geräumt werden muss – rasch und unaufgeregt. Unaufgeregt deswegen, weil die in den Saal kommenden Hundertschaften an Fans den ruhigen, nur auf der Akustikgitarre vorgetragenen Auftritt nie stören. Das de Roma bleibt während des halbstündigen Sets aufmerksam ruhig. Liam Kazar ist ein in Chicago geborener und in Brooklyn lebender Singer-Songwriter, dessen Folk Pop zum einen sehr unterhaltsam klingt und zum anderen natürlich der perfekte Einstieg in das dann folgende Oeuvre von Jeff Tweedy ist. Eine Viertelstunde später ist es dann soweit. Die Jeff Tweedy Band betritt die Bühne.

Feel free
Make a record with your friends
Sing a song that never ends
Feel free

Feel free – Jeff Tweedy

Um nochmal kurz auf Twilight Override zurückzukommen. Die Musiker, die beim aktuellen Album mitgewirkt haben, sind auch mit auf Tour. Und die mutet an wie ein erweiterter Familienausflug, family&friends sagt man wohl dazu: die Tweedy Jungs Spencer und Sammy spielen Schlagzeug und Keyboard, die ehemaligen Nachbarskinder (so hab’ ich’s verstanden) Sima Cunningham und Macie Stewart an Violine/Gitarre und Bass. Komplettiert wird die Band durch Liam Kazar. ‘Man kenne ich schon lange untereinander’, so Jeff Tweedy, und tatsächlich hat auch schon jeder mit jedem zusammengearbeitet. So haben zum Beispiel Sima Cunningham und Macie Stewart eine eigene Band, in der der ein oder andere Tweedy schon mal mitmusiziert hat. Die starken Verflechtungen der Musiker*innen untereinander waren mir so nicht bekannt. Musikalisch harmonieren die fünf gut zusammen, und wenn sie es mal nicht tun, lachen sie gemeinsam darüber. Dieser erweiterte Familienausflug nach Europa scheint allen großen Spaß zu machen. Wie käme man auch sonst auf die Idee, für jedes Konzert oder besser für jeden Auftrittsort exklusiv am Tag ein Cover einzustudieren, das ein bisschen Lokalkolorit widerspiegelt. So ein Vorschlag kann doch nur in lustiger Runde im Tourbus geboren werden.

In der Schweiz drei Tage zuvor coverten sie Grauzones „Eisbär“, was ich schonmal phänomenal finde. In Antwerpen ist der belgische Musiker Plastic Bertrand und „Ça plane pour moi“ an der Reihe. Gesungen oder besser gesagt, geschrien wird die Punknummer von Macie Stewart in großartiger Art und Weise. Was ich nicht wusste, aber kurz in der Recherche über den Sänger Plastic Bertrand las ist, dass er sowas wie die belgischen Milli Vanilli sein soll. Man ist sich nicht ganz sicher, ob er diesen Song überhaupt eingesungen hat. Sein letztes Statement zu dieser Geschichte – so lese ich bei Spiegel Online – lautet entsprechend auch sehr ambivalent:

Meine Version der Tatsache ist unverändert seit 33 Jahren: 1977 hat Lou Deprijck „Ça plane pour moi“ komponiert und produziert; ich bin ins Studio gekommen und habe meinen Gesang aufgenommen. Ob er danach noch an dem Song herumgebastelt hat, fällt in seine Verantwortung. Ich jedenfalls singe das Lied seit 33 Jahren auf den Bühnen der Welt.

Da kann man jetzt alles hineininterpretieren, sag ich mal. Immerhin erreichte der Song die Charts, Nr. 8 in U.K. und Nr. 6 in Westdeutschland. Und jetzt covert ihn Jeff Tweedy und das de Roma ist hellauf begeistert. Das ist es aber auch abseits dieses Covers. Das Publikum frisst der Band aus der Hand, jedes Gitarrensolo wird mit Szenenapplaus bedacht, jeder Song begeistert applaudiert. Waere im de Roma ein Stimmungsbarometer installiert, es hätte einen gleichbleibenden hohen Ausschlag. All killers, no fillers. Es herrscht eine gute Stimmung.
Das Publikum ist eine weit über ü40 Gruppe und ja dem gepflegten amerikanischen Indie Rock/ Americana stark zugeneigt. Jeff Tweedy bzw. Wilco haben ihr Stammpublikum über die Jahre aufgebaut und gepflegt. Ich bin mir gar nicht sicher, ob da neue Fans hinzukommen, aber schlussendlich ist es auch egal. Die letzte Wilco Tour war durch die Bank ausverkauft die jetzige Jeff Tweedy Tour ist es auch. Was kann man mehr erwarten?  Ich denke ich mal, nichts. Und wenn ich mir das Line-up ihres famosen Festivals von Anfang des Jahres in Mexico angucke, dann sind Wilco und alle, die damit zu tun haben, im Moment extrem gut dabei. Wer da nicht alles ihrer Einladung gefolgt ist!? Die Creme de la Creme des amerikanischen Indie-Alternative-Folk-Rocks hat sich beim Sky Blue Sky Festival die Klinke in die Hand gegeben. Es muss eine großartige Veranstaltung gewesen sein.

Im de Roma laufen hauptsächlich Songs des aktuellen Albums. Aber nicht nur: ältere Songs werden in Zweier- oder Dreierblöcken zusammengefasst im Set eingebaut. Es ist eine runde Sache, ohne große Strukturbrüche. Die einzelnen Songs harmonieren gut miteinander und zusammen, so dass eine durchgehend gleichmäßige Melodienfläche entsteht.
Den für mich schönsten Song auf Twilight Override, “Lou Reed was my babysitter” spielen sie zum Schluss. Diese tolle Velvet Underground Hommage lässt abschließend nochmal die Schrammelgitarre aufbrausen. ein gutes Ende nach mehr als anderthalb Stunden Konzert. Final beendet wird das Konzert in der Zugabe dann mit „Enough“. Einen besseren Song(titel) kann es dafür nicht geben. Genug ist es irgendwie dann auch. Es waren schöne zwei Stunden Twilight Override im de Roma. Dabei kann man es belassen, denke ich. Da ist niemand böse.

‘Take a medication’ heißt es im Refrain des Rausschmeißers. Nun, die brauche ich nicht, ich hatte gerade eine zweistündige Medikation gegen alles. Himmel, das hat sich sehr gelohnt! Ich kann nur jedem empfehlen, bei Gelegenheit ein Wilco oder Jeff Tweedy Konzert zu besuchen. Echt!

Setlist:
01: One tiny flower
02: Caught up in the past
03: Sign of life
04: Forever never ends
05: This is how it ends
06: Low key
07: World away
08: KC Rain (No wonder)
09: Having been is No way to be
10: Stray cats in Spain
11: Mirror
12: Gwendolyn
13: Love is the king
14: Out in the dark
15: Cry baby cry
16: Flowering
17: New Orleans
18: Diamond light, Pt. 1
19: No one’s moving on
20: Feel free
21: Lou Reed was my babysitter
Zugabe:
22: Family ghost
23: Ça plane pour moi
24: Twilight override
25: Enough

Kontextkonzerte:
Wilco – Dortmund, 20.06.2025 / Junkyard
Wilco – Köln, 13.09.2019 / Carlswerk Victoria
Wilco – Rolling Stone Weekender Weissenhäuser Strand, 11.11.2011

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