Ort: Koninklijk Theater Carré, Amsterdam
Vorband: Eska

Das Ende einer Dienstfahrt. Das Ed O’Brien Konzert im Koninklijk Theater Carré in Amsterdam klang von Anfang an faszinierend. Ein altehrwürdiges Ambiente, ein Musiker, der zumindest mit seinem Debütalbum Earth eine tolle Platte machte (Blue Morph kenne ich noch nicht so gut) und ein Sonntag, der sich quasi dazu anbot, nach Amsterdam zu fahren. Dass daraus ein 3-Tages-Trip wurde, stand beim Kartenkauf längst nicht fest.
Soweit so gut. In der Erwartung eines vollen Hauses kauften wir relativ schnell nach Vorverkaufsbeginn ein Ticket. Seitlicher kleiner Balkon, 2. Reihe, das war das, was es noch nah an der Bühne zu kaufen gab. Die Plätze stellen sich am Abend dann als sehr gut heraus.
Ed O’Brien ist der Gitarrist der Gruppe Radiohead. Dort ist er, so lese ich in unterschiedlichen Quellen, der heimliche Meistermacher, das Rückgrat und die Geheimwaffe der Band. Ed O’Brien zeigt für die typischen verzerrten Radiohead-Sounds und Klangteppiche verantwortlich. Der Rolling Stone bezeichnet Ed O’Brien gar als einen der besten Gitarristen aller Zeiten.
Im Vorgriff auf das Konzert wollte ich mir nochmal das erste Soloalbum von Ed O’Brien anhören. Earth war jedoch unter dem Buchstaben ‘B’ nicht zu finden, und auch unter ‘O’ zeigten sich erst keine Ergebnisse meiner CD Suche. Ich sortiere die CDs nach Nachnamen oder Bandnamen alphabetisch. Mh, dachte ich, ich habe das Album doch gekauft? Oder habe ich das nur geträumt? Intensives Suchen brachte anschließend keinen Erfolg. So schaute ich in meine digitale CD-Sammlung – ich rippe seit Jahrzehnten jeden CD Kauf, so dass ich die Musik auch im iPod oder neuerdings auch im Auto hören kann. Die aktuelle Karosse hat nämlich so neumodischen Kram wie usb Steckplätze in der Armlehne und kein CD-Radio mehr. Auch digitale wurde ich erst nicht fündig. Erst als ich eine Metadatensuche über Ed O’Brien startete, bemerkte ich, dass er das Album unter dem Kürzel EOB aufgenommen hat. Also schaute ich unter ‘E’; auch dort nix. Erst als ich einige CDs hervorkramte und das ‘E’-Regal genauer inspizierte, bemerkte ich die sehr dünne CD Packung. Himmel, eine CD Papphülle kann auch nicht dünner sein. Nun gut, immerhin hatte ich sie gefunden. Kurze Zeit später trudelte dann das zweite Album Blue Morpho zuhause ein und ich sortierte beide unter ‘O’ weg. Muss ich mir nur noch merken…
Earth hat ein paar sehr schöne ambient, ruhige Gitarrensounds. Unaufgeregt, ruhig, easy-listening-esk auf moderater Geschwindigkeitsstufe („Long time“, „Brazil“), aber auch an Radiohead erinnernde Songs („Banksters“, „Olympik“). Das Album ist ein schöner Mix aus tollen Sounds. Sein zweites Album habe ich vor dem Konzert dagegen kaum gehört, es kam zu kurzfristig und ich hatte noch ein paar andere CDs auf heavy rotation. Aber das höre ich ja bald eh live, hat der Konzertabend doch das Motto An evening with… Blue Morpho, da wird er das dann ja wohl auch spielen. Ja, hat er auch getan, plus „Deep days“, „Brasil“ und „Sail on“. Erster Eindruck: Blue Morpho klingt zumindest live anders. Im Konzert denke ich sehr oft ‘Weltmusik mit Sambarhythmen’.
Den Abend eröffnet Eska. Mir war im Vorfeld nicht ganz klar, ob es ein Vorprogramm geben wird oder nicht. Die zuvor verschickte Info-E-Mail sah dies eigentlich nicht vor. Zumindest lese ich das da nicht hinein.
Dort steht:
Opening theater: 19:15 uur
Aanvangstijd voorstelling: 20:00 uur
Pauze: Nee
Verwachte eindtijd: 22:10 uur
So betreten um 20 Uhr nicht Ed O’Brien und Band die Bühne, sondern nur seine Band. Oder besser, Teile davon: Denn Eska, den Bassisten und den Gitarristen werden wir später nochmal wiedersehen. Ich habe nicht konzentriert zugehört, aber wenn ich die Erläuterungen Eskas richtig zusammen kriege, spielen sie ein reines Improvisationsset. Eska liest aktuelle Artikel aus dem Internet vor und die beiden Musiker spielen dazu Gitarre. Das klingt mitunter sehr spannend und für mich eigentlich eher weniger nach Improvisation. Na, vielleicht habe ich die Ansage zu beginn auch nicht korrekt verstanden. Ganz interessant finde ich das ‘Philip Glass Experiment’. Jeder im Saal sollte den Philip Glass Song „Opening“ auf seinem Handy abspielen, Eska würde dann dazu Texte improvisieren. Durch die feine Akustik im Theater funktioniert das sehr gut, die Handystreams sind verständlich hörbar und für eine kurze Zeit bildet sich eine schöne mitmach-Atmosphäre im königlichen Theaterrund. Das ist übrigens vielleicht nur gut zur Hälfte gefüllt. Der Oberrang des Carrés bleibt geschlossen und auch der Unterrang und das Parkett weisen einige freie Plätze auf.
Anschließend gibt es eine Pause. Also doch. Der gläserne Bitterballenautomat im Theatercafe reizt uns jetzt nicht, auch ein Eis vom Eiswagen im Foyer muss es nicht mehr sein. Wir bleiben auf unseren Plätzen und schauen uns den Theatersaal an. Schön ist das Koninklijk Theater Carré, das in den 1880er Jahren im Klassizismus Stil erbaut wurde. Es liegt direkt an der Amstel, unweit der Magere Brug. 1700 Sitzplätze hat das Theater, vielleicht sind 1000 davon belegt. Es ist ganz schön hier, auch wenn die Stuhlreihen in den Boxen etwas eng sind.
Dann Ed O’Brien. Dies ist das erste Konzert seiner kleinen Europatour, es folgen sechs weitere Konzerte in Italien, Deutschland, Frankreich und abschließend im Barbican in England. Für uns ist es der Abschluss der kleinen Hollandtour.
Was sofort auffällt, der Mann ist groß. Neben Ed O’Brien stehen die drei Musiker von vorhin sowie ein Schlagzeuger und ein Perkussionist auf der Bühne. Ed O’Brien hat vor einigen Wochen sein zweites Album Blue Morpho veröffentlicht, die Band spielt es komplett und es ist großartig. Der Sound im Theater ist perfekt, die guten Songs tun ihr übriges. Es gibt an der musikalischen Umsetzung nichts, was den Abend verderben könnte. „Brasil“ klingt toll und auch „Sail on“ ist wunderschön. Bei den neuen Songs muss ich mich erst einhören, die brasilianischen Rhythmen in „Obrigado“ klingen ungewohnt, aber nicht schlecht. Musikalisch ist es eine wirklich bunte Mixtur, die Ed O’Brien uns präsentiert. Wer allerdings mit Radiohead Sounds gerechnet hat, der hat sich verrechnet. Die liegen nur am Rande des Ed O’Brien Solowerks (z. B. in „Deep days“) und werden live gar nicht so stark ausgeprägt wie auf Platte. Ich bin mir daher gar nicht sicher, ob jeder 100%ig zufrieden nach Hause gegangen ist. Hoffe aber doch, denn das Konzert war ein Ohrenschmaus und auch wenn man sich in den Ed O’Brien Kosmos etwas hineinhören muss und die Songs einen nicht auf den ersten Touch anspringen sind sie doch die Konzentration und Aufmerksamkeit, die man ihnen entgegenbringen muss und sollte, allemal wert.
Ein guter Abend und guter Abschluss der kleinen Hollandtour.
Setlist:
01: Thin places
02: Incantations (Part 1)
03: Teachers
04: Single File
05: Solfeggio
06: Sweet spot
07: Sail on
08: Blue Morpho
09: Cloak of the night
10: Incantations
11: Deep Days
12: Brasil
13: Obrigado
Kontextkonzerte:
Radiohead – Köln, 15.10.2012 / Lanxess Arena