Ort: Vera, Groningen
Vorband: Simon Joan

Und gleich mal im ersten Song einen „People get ready“ Part einbauen. Sehr schön.
Ich bin noch etwas ratlos. Wie schreibe ich einen Konzertbericht über eine Band, die ich eigentlich überhaupt nicht kenne? Genau, die Rede ist hier von den The Magic Numbers aus London. Ich denke, ich fange einfach mal an und schaue dann, wo mich das ganze hinführt.
Es ist das zweite Reisewochenende hintereinander. Dieses Mal heißt es: drei Städte in drei Tagen und das Land unserer Wahl sind die Niederlande. Leiden, Groningen und Amsterdam, so der Plan. Der ursprüngliche Anlass der Ausflugsfahrt ist die Konzertansetzung von Ed O’Brien am Sonntagabend im Amsterdamer Theater Carré. Aber nur für einen Tag mit dem Zug durchs halbe Land zu fahren, ist ja auch quatsch. Warum sich nicht einfach den Freitag frei nehmen, in den Zug zu setzen und durch das ganze Land zu fahren? Eben. leiden liegt dabei auf der strecke, also bietet es sich an, sich diese kleine oder mittelgroße wunderschöne niederländische Stadt angucken, um tags drauf von Leiden aus nach Groningen weiterzufahren. Dort ist für den Samstag das Konzert der The Magic Numbers im Club Vera angesetzt. Zugfahrtechnisch ist das alles ganz entspannt. Im Nachbarland läuft das mit der Eisenbahn besser als bei uns. Die Taktfrequenzen der IRs sind gut und das Reisen mit der Bahn eine ganz angenehme Sache. Natürlich auch, weil die Fahrten einmal quer durch das Land nicht so super lange dauern. Von Leiden nach Groningen sind es knapp zwei Stunden, von Groningen nach Amsterdam knapp zweieinhalb Stunden. So bleibt am Ende des Tages noch genug Zeit, sich die Städte anzugucken. Bei Leiden lohnt sich das sehr, bei Groningen ein bisschen weniger. Das ist mein erster Eindruck. Groningen hat doch eher den Flair einer typischen Grenzstadt, auch wenn sie nicht direkt an der Grenze liegt. Aber bis ins Emsland ist es im Prinzip nur ein Katzensprung. Und so sind an diesem Samstag sehr viele Einkaufstouristen in der Stadt unterwegs, dass ich spontan an Venlo oder Enschede denken muss. Auch optisch wirkt Groningen bei weitem nicht so attraktiv wie Leiden.
Das Vera ist ein altehrwürdiger Konzertort in Groningen, der durchaus überregional bekannt ist und in der Vergangenheit Anlaufstelle unzähliger Bands war, die danach in größeren Hallen und oder Stadien spielten. Ich möchte die jetzt nicht alle aufzählen, aber wer im Konzertourismus unterwegs ist, dem ist das Vera in Groningen ein Begriff. Von der Größe her würde ich es mit dem Gebäude 9 vergleichen. Auch der Grundriss des Saals ist ähnlich. Alles andere ist aber komplett unterschiedlich. Das Vera liegt mitten in der Stadt an einer Einkaufsstraße. Neben dem Club gibt es Geschäfte und Restaurants, darüber liegen Wohnungen. Von außen ist das Vera unauffällig; nur ein rundes Schild neben der Eingangstür, die wie eine normale Wohnungstür aussieht, lässt uns mutmaßen, dass hier der Konzertort ist. Wir sind kurz vor der Türöffnung da und sehen ab und an, wie Leute an den Türklingeln drücken, um in das Gebäude zu gelangen. Manche scheinen Vera Servicepersonal zu sein, andere sind es definitiv nicht. Hinter der Haustür liegt ein länglicher Flur, bevor sich an seinem Ende der Konzertsaal vor einem öffnet. Es ist ganz schön hier, die Ausstattung wirkt gepflegt und es macht sicherlich Spaß, hier Konzerte zu besuchen. Ich war hier bisher noch nicht und werde wahrscheinlich auch so schnell nicht mehr hier hinkommen. Aber den Konzertvenue-Punkt nehme ich mit. Vera. Check. Nebenbei bemerkt ist das Vera ein zentraler Konzertort im Rahmen des relativ bekannten Eurosonic Festivals, das jährlich im Januar in Groningen stattfindet.
Eurosonic is the first three days of ESNS and one of Europe’s leading showcase festivals, bringing together artists, music lovers and music professionals from across Europe. Eurosonic is the place to discover acts and talents of tomorrow, with a diverse programme ranging from pop, indie and rock, to electronic, hip-hop, alternative and traditional music. Eurosonic offers an extensive and diverse programme, spread throughout the city of Groningen across intimate venues and larger stages. Since 1986, ESNS has helped launch the careers of artists such as AURORA, Stromae, Christine and the Queens, Fontaines D.C., Sigrid, Altin Gün, The Haunted Youth, The XX, Robyn, Tramhaus, Sam Smith, Hozier, Zaho de Sagazan, Fat Dog, Judeline, Luvcat, Boko Yout, Antony Szmierek, Kingfishr and Sylvie Kreusch.
esns.nl
The Magic Numbers also. Bei der Band handelt es sich um die zwei um die beiden Geschwisterpaare Romeo und Michele Stodart sowie Angela und Sean Gannon. Mein erster Eindruck: grundsympathische und gemütliche Menschen. Wobei ich das von Sean Gannon gar nicht sagen kann, denn der Schlagzeuger musste auf diese kleine Europatour der Band verzichten. Die Tour bestreiten The Magic Numbers zu dritt.
In den letzten Jahren waren sie nicht so häufig auf dem Kontinent zu sehen. In England spielten sie hier und da ein paar Festivals, aber eine Tour haben sie – wenn ich meine Recherchen Revue passieren lasse – nicht unternommen. Ich mag mich da aber irren. In Europa waren sie zuletzt vor über zehn Jahren, wenn ich die Ansagen von Romeo Stodart richtig verstanden habe. Ob sie damals auch Deutschland einen Besuch abgestattet haben, ich weiß es nicht. Denn ich weiß ja gar nichts über diese Band, von deren Existenz ich erst vor ein paar Tagen erfuhr. Na, ganz so dramatisch ist es nicht, ich kenne immerhin ein, zwei Songs, aber es fühlt sich für mich so an.
Den Abend eröffnen Simon Joan und eine Gitarristin aus den Niederlanden. Die Band oder das Projekt des Groningers spielt einen durchaus interessanten Indie-Bedroom-Pop. Das klingt zwar alles nicht neu, aber den gut halbstündigen Auftritt finde ich durchaus unterhaltsam. Ob die Konstellation mit Gitarristin und digitalen Sounds sein Standardset ist, oder nur für diesen Abend entstand, erfahre ich nicht.
Im Anschluss dann The Magic Numbers.
Es ist das erste Konzert ihrer kleinen Europatour, die sie hauptsächlich durch die Niederlande, Skandinavien und Belgien führt. Was mich erwartet, konnte ich also im Vorfeld nicht recherchieren. Es gab schlichtweg keine Informationen im Netz darüber, was sie und wie sie zu spielen gedenken. Eine erste Überraschung ist daher, dass die Band nicht zu viert, sondern nur zu dritt auf der Bühne steht. Romeo Stodart erklärt direkt am Anfang, dass sich ihr Schlagzeuger vor einiger Zeit den Arm gebrochen hat und es ihm damit nicht möglich sei, diese Konzertreise mitzumachen. Auf ein Schlagzeug müssen The Magic Numbers daher verzichten. Vielleicht war das gar nicht so schlimm, denke ich auf dem Rückweg zum Hotel, denn so kam der Harmoniegesang der beiden Stodart Geschwister bzw. aller drei Musiker*innen viel stärker zur Deutung. Dieser ist ja sowas wie das Markenzeichen der The Magic Numbers.
Von Anfang an ist es ein launisches Konzert. Dem Publikum merkt man die Freude über das teils lang ersehnte Wiedersehen mit The Magic Numbers an und die drei auf der Bühne nehmen das nicht nur wohlwollend zur Kenntnis, sie haben sichtlich Spaß daran. Es wird viel gelacht und gescherzt. Überhaupt entpuppt sich Romeo Stodart als ein kleiner Entertainer. Zu jedem Song weiß er eine kleine Geschichte zu erzählen und ist durchaus darum bemüht, nahezu jeden Song mit ein paar Worten vorzustellen. Warum gibt es diesen Song, wann wurde er geschrieben, wie waren die Rahmenbedingungen während der Entstehung und all solche Sachen. Mitunter kommt es mir so vor, dass mehr gesprochen als gespielt wird. Anfangs stört mich das nicht sonderlich, aber je näher der Abend der zwei Stunden Grenze kommt, desto leicht nerviger wird das. Der Gesamtstimmung im Saal tun die Gesprächsunterbrechen aber keinen Abbruch. Die Leute hängen förmlich an seinen Lippen. Zumindest die im vorderen Bereich des Vera; hinten wird ja munter gelabert. Hier im Norden scheint sich der niederländische Konzertbesucher auch während des Konzertes sehr gerne und sehr laut unterhalten zu wollen. In jeder Songpause schwebt ein Teppich an Gesprächsgeräuschen durch den Saal. Das stört mitunter so sehr, dass es von Romeo Stodart in der ein oder anderen Songankündigung höflich aber durchaus bestimmt angesprochen wird. dann wird es kurz ruhiger, ist aber in der nächsten Songpause längst wieder vergessen. Aber wie dem auch sei. Vorne gilt: Im Laufe des gut zweieinhalbstündigen Konzertes entwickelt sich eine entspannte Atmosphäre, in der sowohl Band als auch Publikum sichtbar sehr viel Spaß haben. Und obwohl ich sehr unbelastet in den Abend gehe, gilt das auch für mich. Ich komme ich sehr schnell in das Konzert. Gleich der erste Song begeistert mich. „Love’s a game“ ist ein sanfter Popsong, der leicht ins yachtrockige abdriftet. Plinkergitarren und ein gut tanzbarer Indiepopsound, das klingt schonmal toll. und das kleine eingebaute Fitzelchen „People get ready” passt hervorragend. Ja, die ersten Minuten machen Spaß. Hätte ich jetzt nicht unbedingt mit gerechnet, dass es mich sofort erwischt.
Im Laufe der nächsten Songs bleibt das auch so. Die erste Stunde vergeht sehr schnell. Danach wird es dann etwas beliebiger und ich schaue des Öfteren auf die Uhr. Jetzt beginnen die Erzählungen zu nerven, aber The Magic Numbers machen einfach weiter. Einen Hit mache ich jetzt leider auch nicht mehr aus. Mehrmals denke ich, eigentlich könnte es jetzt reichen. Aber Pustekuchen, erst gegen halb zwölf entscheiden sich die drei, den letzten Song anzukündigen. Mittlerweile haben die Strapazen des Reisetages meinen Körper komplett übernommen und ich denke ‘Gott sei Dank. Aber dann kommen sie nochmal zurück, es fehlt ja noch ihr vielleicht größter Song „Love me like you“. Na gut, den schaffe ich auch noch. Gefühlt haben die The Magic Numbers an diesem Abend alles gespielt, was sie haben. Ob das dann wirklich so ist, kann ich nicht beurteilen und ich glaube es auch nicht. Denn immerhin hat die Band seit 2005 fünf Alben veröffentlicht. Zumindest waren all ihre Hits dabei, von denen ich tatsächlich den einen („Take a chance“) oder anderen („This is a song“) unbewusst kenne.
Was bleibt vom Abend? Nun, alles in allem war es ein durchaus interessanter – wenn auch etwas zu langer – Konzertabend. Ich sollte mich mit The Magic Numbers noch mal etwas intensiver beschäftigen und mir das ein oder andere Album zulegen. Sie haben wirklich ein paar gute Sachen am Start. The Magic Numbers machen eine Musik, die man gut beim Autofahren hören kann. Und sowas mag ich ja sehr.
Setlist:
01: Love’s a game
02: Illusions never give
03: Forever lost
04: I see you, you see me
05: Sweet divide
06: Micha
07: Now believer
08: United State of Love
09: Sweet forgiveness
10: Take a chance
11: Throwing my heart away
12: Long legs
13: Wheels on fire
14: The keeper
15: Hymn for her
16: This is a song
17: Mornings eleven
Zugabe:
18: Love me like you
Kontextkonzerte:
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