Ort: Rotondes, Luxemburg
Vorband:

Geordie Greep - Luxemburg, 30.06.2026

Geordie Greep. Black Midi. Vor sechs, sieben Jahren gehörte die Band zur sogenannten Windmill Scene und war neben Black Country, New Road, Shame, PVA und anderen treibende Kraft und Vorreiter der ersten Welle neuer britischer Post-Punk Musik. Da sich die Musiker dieser Bands gerne und oft im Windmill Pub in Brixton trafen, entstand hier ein Szene Hotspot, der die nächsten Jahre musikalisch prägte. Black Midi stachen dabei hervor. Von Album zu Album – und sie machten derer drei – wurden sie immer experimenteller und anstrengender. Auf ihrem letzten Album Hellfire hört man neben Prog-Rock und Post-Punk auch Fusion, Jazz, Country und Flamenco Sounds. Und irgendwie passt das alles gut zusammen. 2024 wurde Black Midi stillgelegt. Geordie Greep veröffentlicht kurz darauf sein erstes Soloalbum The New Sound (produziert übrigens von seinem alten Black Midi Kumpel Seth Evans) und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Im Frühjahr spielte Geordie Greep ein Konzert in Köln und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Tag keine Zeit hatte. Umso wohlwollender nahm ich die Konzertankündigung für Luxemburg zur Kenntnis, denn auch sein Termin ein paar Wochen zuvor in Lüttich kam mir nicht zu pass. Und ich hatte schon das Gefühl, Geordie Greep einmal live erleben zu müssen. Weil ich interessante Dinge über seine Konzerte gehört hatte (2 Stunden Gitarrensoloimprovisation – vielleicht aber auch nur ein Gerücht) und ich sein Soloalbum The New Sound relativ begeistert höre.

Die Rotonde am Luxemburger Hauptbahnhof schien dafür ein verdammt guter Ort zu sein. Angenehm klimatisiert und nicht sonderlich groß. Und an diesem Abend angenehm voll besucht. Diese Konstellation macht Konzerte hier besonders toll, aber auch ein ausverkaufter Laden erzeugt keine allzu große Enge. Nichtsdestotrotz hätte ich mit einem höheren Zuschauerzuspruch gerechnet. Als ich um 20.30 Uhr pünktlich zu Konzertbeginn den Saal betrete, ist er luftig-locker gefüllt. Kurz bin ich irritiert, als eine Pizza mit Salami an mir vorbei in den Backstagebereich transportiert wird. Sollte das Konzert nicht jetzt starten? Oder hat man sich spontan auf die neue Startzeit 21 Uhr geeinigt? Doch just als ich das denke, kommen ein, zwei, drei, vier….10 Musiker auf die Bühne. Ui, ordentlich Betrieb und die Bühne der Rotonde ist gerade noch groß genug, um allen Platz zu bieten. Eine ähnlich zugestellte Bühne habe ich hier vor Jahren nur bei Black Country, New Road gesehen, als die Band noch mit ihrem Sänger Isaac Woods unterwegs war.
Überraschend beginnt es mit Gesang und ohne Geordie Greep an der Gitarre. Soviel zu dem Punkt ‘interessante Dinge, die ich über seine Konzerte gehört habe’. Vom ersten Song an ist das Konzert hochinteressant. „Walk up“ groovt enorm und die Gesangsstimme von Geordie Greep ist live verdammt gut ausgeprägt. Klar, deutlich und mehrere Tonhöhen abdeckend. Beeindruckend sind auch seine neun Mitmusiker. Saxophon, Trompete, Percussion, Klavier, Schlagzeug, Trommel, Bass, Kontrabass, Gitarre. Das Instrumentenspektrum ist groß und jeder einzelne Musiker bewegt sich auf ganz hohem Niveau. Es wirkt mehr wie ein Orchester denn eine Band. Und mittendrin steht Geordie Greep und dirigiert.
Mit dem Black Midi Post-Punk hat das nichts mehr zu tun und es geht auch weit über den experimentellen Ansatz der britischen Band hinaus. Geordie Greep hat sich musikalisch deutlich anders orientiert. Seine Musik klingt nach Frank Sinatra, nach Tango, nach Bossanova, manchmal nach Glam-Rock und sehr oft nach Jazz mit freien Improvisationen. Die Songs gehen fließend ineinander über oder verteilen sich über das gesamte Set. Oft reicht schon ein Gitarre stimmen aus, um daraus einen improvisierten Song entstehen zu lassen, der anschließend in einen anderen überführt wird. Zum Beispiel so: Irgendwann spielen sie „Bongo Season“ und kommen drei Songs später nochmals im Outro eines anderen Songs darauf zurück. Es ist alles komplett irre. Aber Geordie Greep behält den Überblick und sorgt für Struktur im Chaos. Er dirigiert mit den Augen, alle müssen jederzeit auf der Hut sein. Einsatz Gitarre, Einsatz Klavier, weiter schneller, Percussions dazu. Sind seine Hände mit Gitarre spielen beschäftigt, folgen die Kommandos durch Blickkontakt und leichte Kopfbewegungen. Sind sie es nicht, bewegt er seine rechte Hand in zackigen Gesten. Oft steht er dabei wie ein Dirigent mit dem Rücken zum Publikum und fixiert seine Mitmusiker so lange, bis sie zurückfixieren.

‘Puh‘ sagt er irgendwann und nuschelt etwas von ‘a wonderful tuesday night in Luxembourg’, um schnell anzufügen ‘talking part is over now’. Nicht reden, spielen. Pausen gönnt er sich und seiner Band kaum. Mit dem Handtuch durchs Gesicht wischen oder etwas trinken geht nur, wenn jemand anders gerade ein Solo spielt. Ansonsten herrscht permanente Einsatzbereitschaft. Und klappen Einsätze und Übergänge, dann freut sich Geordie Greep sichtlich. Seine Augen funkeln wie bei einem Kind, das den Süssigkeitenschrank entdeckt hat, und er lächelt seine Mitmusiker triumphierend an. Und an diesem Abend lächelt er sehr oft. Es scheint alles gut zu funktionieren. Von außen kann ich das nur schwer bis gar nicht beurteilen. Ich kenne den großen Plan nicht, der hinter dem Auftritt steht. Wie genau die Songs klingen sollen, weiß ich nicht. Denn alles ist doch schon sehr anders arrangiert als auf CD.

Im Vorfeld hatte ich mir grob ein Bild über den Abend gemacht. Doch das war völlig falsch. Es wurde komplett anders, aber verdammt gut. Next Level Jazz-Festivals, sag ich mal. Geordie Greep ist ein spannender Musiker, es gilt, ihn im Auge zu behalten.

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