Ort: Den Atelier, Luxemburg
Vorband: Ata Kak

Big Thief - Luxemburg, 18.06.2026

Ata Kak eröffnet den Abend. Ata Kak ist der ghanaische Rapper/ Musiker Yaw Atta-Owusu, der zusammen mit seiner dreiköpfigen Band eine gute halbe Stunde lang eine krude Mischung aus Hiphop, Electro, House und afrikanischen Rhythmen ins den Atelier hineinspielt. Das Anschwitzen für Big Thief, falls man nicht schon durch das bloße Stehen einen Schweißfilm auf der Haut verspürt, gelingt damit relativ mühelos. Der Sound ist sehr tanzlastig und versprüht enorm viel gute Laune. Also passend zum Wetter eigentlich, aber mir auf Dauer dann doch ein bisschen zu viel happy-life Vibes. Die musikalische Biografie des Musikers Ata Kak liest sich übrigens ganz interessant und erklärt, warum zwischen seinen beiden Albenveröffentlichungen schlappe 31 Jahre liegen.

Ich nehme das zum Ende fuer meinen Geschmack dann doch ein bisschen zu eindimensionale Vorprogramm gelassen hin und versuche, mich an die Raumtemperaturen zu gewöhnen. Bereits jetzt werden von der Security Wasserflaschen ins Publikum gereicht; eine durchaus gute Idee, auch wenn immer noch ein leichter Luftzug durch den noch nicht ganz vollen Saal weht. Dankbar nehme ich eine entgegen, schließlich plane ich, hier noch circa zwei Stunden rumzustehen.

Als ich das den Atelier um halb acht betrat, sind die ersten Reihen schon belegt. Vornehmlich junge Mädchen zwischen 18 und 24 Jahren stehen oder sitzen auf dem Boden. Stimmt ja, das hatte ich völlig vergessen! Schon in Köln – während wir auf den Einlass warteten – wunderten wir uns darüber, dass Big Thief ein sehr junges weibliches Publikum anlocken. So ganz erwartet man das ja nicht bei einer Band, die Indiefolkrock spielt und deren Singersongwriterin gerne mit Bob Dylan verglichen wird. Wäre das nicht eher was für alte Männer mit graumelierten Haaren? Nun, aus irgendwelchen Gründen ist das nicht so. Ich glaube, ich habe seinerzeit ein bisschen recherchiert, um dieses ‚Phänomen‘ zu verstehen. Falls ich damals Anhaltspunkte gefunden haben sollte, ich habe sie längst vergessen. Schien mir also nicht so wichtig zu sein.
Wichtiger ist mir da schon die Big Thief Musik. Denn die ist toll! So muss ich sie auch finden, denn schließlich ist das mein zweites Big Thief Konzert binnen weniger Wochen. Und hätte ich sie aus Gründen auf dem Primavera Sound Festival vor ein paar Tagen nicht verpasst, es wäre mein drittes Big Thief Konzert in diesem Jahr.

Die Band hat mich in Köln einfach so dermaßen überzeugt, dass ich sie unbedingt noch ein weiteres Mal live sehen wollte. Als dann der luxemburgische Termin zum Ende der Big Thief Summersault Tour in Europa angekündigt wurde, griff ich umgehend zu. So fiel es mir dann auch leichter, die Band beim Primavera Sound Festival nicht zu sehen, sondern stattdessen irgendwas anderes zu schauen oder noch eine Portion Patatas Bravas wegzuspachteln. So genau weiß ich das gar nicht mehr.

Es ist warm, verdammt warm. Es ist dies mein erstes Hitzekonzert des Jahres. Die Klubkonzerte beim Primavera Sound in Spanien finden in angenehm klimatisierten Räumen statt, die zählen also nicht. Das alte den Atelier hat leider keine Klimaanlage verbaut. Immerhin sind alle Türen geöffnet, so dass ein angenehmer Windzug durch den Saal weht. Aber da ich schon das Sugar Konzert am letzten Wochenende verpasst habe wollte ich nicht auch noch dieses Konzert verpassen. Egal wie die klimatischen Bedingungen sind. Ein verpasstes Konzert pro Monat, bei dem ich schon ein Ticket in der Tasche habe, reicht doch definitiv.

Big Thief spielen erstmals in Luxemburg, lese ich. Aha, also ein Premierenabend. Adrianne Lenker, Buck Meek, James Krivchenia und Bassist Joshua Crumbly starten mit „Double Infinity“ und „Los Angeles“ in den Abend. Und damit haben sie mich sofort. „Los Angeles“ ist einer meiner Big Thief Lieblingssongs und „Double Infinity“ zuvor kein Aufwärmsong, sondern direkt Attacke. Ein überragender Start, der Abend kann jetzt schon nicht mehr schlecht werden.
Die Teenagerinnen um mich herum sind auch schon on fire. Jeder Song wird leise oder lauter mitgesungen, das Handy ist im Dauereinsatz. Ich höre spontane Kreischanfälle z. B. bei „Spud Infinity“ und sehe überall strahlende Gesichter. Davon gibt es einige. „Vampire Empire“ ist auch so ein Lieblingslied der Teenager um mich herum. In Köln ist mir dieser große Hype gar nicht so stark aufgefallen. Was daran liegen mag, dass das E-Werk um einiges größer ist als das den Atelier und ich doch eher in der ‘Erwachsenenecke’ stand. Hier und jetzt hat das schon fast Taylor Swift-eske Züge. Ein Adrianne Lenker Gitarrensoli, Szenenapplaus, ein kleiner Move von Buck Meek, kurzzeitiger Jubel, ein nach Sekunden erkannter Song, kreischen und mitfilmen. Es ist sehr interessant, sich das Spektakel anzuschauen. Und ja, ich bin immer noch auf einem Big Thief Konzert. Die Wasserversorgung durch die den Atelier Mitarbeiter läuft dabei unverändert weiter. Ein grosses Plus bei diesem Wetter und ein wirklicher Gewinn für einen weniger nervigen Konzertaufenthalt.
Big Thief Konzerte sind ein großes Überraschungsei. Welche Songs sie spielen, ist nur schwer vorhersehbar, die Setlist variiert nicht nur, sie ist jedes Mal komplett anders. Klar, ein paar Songs sind immer mit dabei, aber auch bei denen gibt es keine sicheren Festlegungen wie „Incomprehensible“ spielen sie immer als letzten Song oder; „Los Angeles“ und „Double infinity“ kommen immer im Doppelpack. Im den Atelier ist das so, aber grundsätzlich muss man immer und jederzeit mit allem rechnen. Ganz ungewöhnlich in einer Zeit, in der man sich vorher Setlisten vergangener Konzerte im Internet anschaut und sich so auf den Abend vorbereitet. Was mir noch auffällt: im Vergleich zu Köln spielen sie viele Songs kürzer aber durchaus rockiger. Ist das ein Einfluss der letzten großen Festivalauftritte u.a. in Barcelona und Porto? Auf längere Gitarrenparts verzichten sie, die Songs verfallen gegen Ende nicht so dramatisch in Improvisationen wie ich es beim Kölner Konzert gehört habe.
Dieses Konzert bildet den Abschluss der Big Thief Summersault Europatour. In ein paar Wochen geht es für die Band dann in Nordamerika mit dem Tourleben weiter. Entsprechend gibt Adrianne Lenker vor dem letzten Song eine lange Liste an Danksagungen durch, vom Tontechniker bis zum Busfahrer wird niemand ausgelassen und sich bei allen beteiligten fuer die gute Zeit und professionelle Arbeiten in den letzten Wochen bedankt.

„Paul“ und „Incomprehensible“ beenden nach 100 Minuten den Abend. Damit sind es ein paar Songs weniger als beim Kölner Konzert, aber hey, Qualität statt Quantität. Und die Qualität ist bei Big Thief enorm hoch. Wow, das war mal wieder großartig.

Setlist:
01: Double Infinity
02: Los Angeles
03: Shoulders
04: Shark Smile
05: Masterpiece
06: Change
07: Time Escaping
08: Simulation Swarm
09: Casual Touch
10: Christmas Day
11: Not
12: Mr. Man
13: Pterodactyl
14: Vampire Empire
15: Spud Infinity
16: Paul
Encore:
17: Incomprehensible

Kontextkonzerte:
Big Thief – Köln, 14.04.2026 / E-Werk
Big Thief – Primavera Sound Festival Barcelona, 09.06.2022

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