Ort: Flagey, Brüssel
Bands: Tom Skinner, Tortoise

‘If you got it, shake it’ steht auf der Setlist von Tom Skinner, die wir nach seinem Konzert am Freitagabend in der Flagey am Mischpult abgreifen. ‘Und wenn ich es nicht fühle, schüttle ich es nicht’, denke ich, als ich die Zeilen unter einem der Songs lese. Um kurz zu spoilern: wenn ich ehrlich bin, habe ich es während der guten 90 Konzertminuten nicht immer gefühlt. Aber so ist Jazz. Doch der Reihe nach: Ein neues Album und die anschließende Tourankündigung der Chicagoer Band Tortoise waren für mich im letzten Herbst ein kleines Highlight. Wann habe ich Tortoise zuletzt live gesehen? Wann haben sie zuletzt neue Musik produziert? Es muss länger her sein. Und um genau zu sein, es war 2016. Also in dem Jahr, das gerade auf Instagram so gehypt wird. 2016 erschien The Catastrophist, das bis dato letzte Album von Tortoise und ich sah sie in diesem Jahr gleich zweimal: zum einen in der Bonner Harmonie und beim Primavera Sound Festival.
So war es keine Frage, eines der anstehenden Tortoise Konzerte zu besuchen. Schnell fiel dabei die Wahl nicht auf den nächstgelegenen Ort (Kantine Köln), sondern auf den vielleicht schönsten Konzertsaal der gesamten Tortoise Tour: das Flagey in Brüssel. Und da das Konzert an einem Samstag angesetzt war, stand einer Zugfahrt nach Brüssel nichts im Wege. Das sollte gut klappen, auch, weil in den ersten Jahreswochen keinerlei Baubetrieb auf den Bahnstrecken angesetzt war. Erst ab dieser Woche beginnen wieder Schienenersatzverkehrszeiten. Himmel!
Im Flagey fand in den Tagen das Brüssel Jazz Festival statt. Das Tortoise Konzert bildete den Abschluss des dreitägigen Festivals. Ich kannte das Kulturzentrum bisher nicht. So ganz nebenbei bemerkt: es ist ein perfekter Ort für ein Jazzfestival. Das Gebäude, das am Rande des Flagey-Platzes und neben den Teichen von Ixelles liegt, war früher der Hauptsitz der nationalen Radio- und Fernsehanstalt. Heute ist es der Fixpunkt des sogenannten Flagey Viertels, einem der schönsten Brüsseler Jugendstil- und Art-Déco-Viertel und Ausgehhotspot der Studenten aus den nahegelegen Universitäten und der Kunsthochschule. Auf dem Platz vor dem Flagey ist entsprechend viel los, Cafés und Bars säumen das Areal. Als wir am Freitagabend erstmals vor dem Konzert von Tom Skinner die Gegend erkundeten, gefiel es uns der Platz auf Anhieb. Brüssel wirkt hier wie das mondäne Paris.




Das Flagey selbst ist eine Schönheit. Es wurde in den 1930er Jahren im sogenannten Streamline Moderne erbaut, einem Architekturstil der 1930er und 40er Jahre, der als Weiterentwicklung des Art Déco entstand. Lange Zeit beheimatete das Flagey die belgischen Rundfunkanstalten und eine Vielzahl von Aufnahmestudios, deren hohe Qualität bereits in den 1960er Jahren Jazzgrößen wie Chet Baker oder Jerry Lee Lewis nach Brüssel brachte. Jazz war hier also schon immer. In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Nutzung durch den Auszug der Rundfunkanstalten geringer. Ende der 1990er Jahre wurde es dann vollständig restauriert und in den heutigen Zustand mit Kino- und Konzertsälen sowie fünf Aufnahmestudios versetzt. Das Studio 4, in dem wir beide Konzerte sahen, ist der größte Saal und fasst knapp 900 Besucher. Er war an beiden Abenden ausverkauft.
Tage zuvor erreichten mich verschiedene Infomails über Anfangszeiten, Essenstipps und weitere Programmpunkte des Brüssel Jazz Festivals. Soweit, so gut der Service in anderen Ländern. Allerdings war auch eine Mail darunter, die unscheinbar anfängt aber einen gefährlich klingenden zweiten Satzanfang enthält:
Thank you for booking tickets to Tortoise at the Brussels Jazz Festival on the 24th of January 2026. We’re writing to let you know that there has been a change to the band’s…
Oh je, was folgt jetzt? Eine Absage? Eine Terminverschiebung? Nur mühsam las ich den nächsten Absatz:
…Guitarist James Elkington will be joining Tortoise for the show, replacing Jeff Parker, who is unable to perform due to personal reasons. James Elkington has worked with Tortoise frequently. The music and repertoire will remain the same and the band is looking forward to coming together with Belgian audiences after almost a decade.
Okay. Das ist aushaltbar. James Elkington kommt ursprünglich aus London, spielte vor vielen Jahren bei Elevate und Sophia, zog dann nach Chicago, wo er ‘collaborated with everyone from Richard Thompson to Jeff Tweedy to Tortoise’ und er Gitarrist der immer noch aktiven Combo Eleventh Dream Day ist. James Elkington ist im Tortoise Umfeld kein Unbekannter. Man kennt sich. Warum Jeff Parker scheinbar kurzfristig die Tour absagen muss, erfahren wir nicht.

Doch bevor wir am Samstagabend Tortoise sehen, steht abends zuvor Jazz auf dem Programm. Tom Skinner, Mitbegründer und Schlagzeuger bei Sons of Kemet und The Smile, hat dieser Tage sein zweites Soloalbum Kaleidoscopic Visions veröffentlicht und ist mit seiner Band auf Albumtour. Seine Mitmusiker*Innen sind der Bassist Tom Herbert, Cellist Kareem Dayes, Chelsea Carmichael und Robert Stillman am Saxophon sowie Jonathan Geyevu am Flügel. Seine Stimme wird im Übrigen die einzige Gesangsstimme sein, die wir an diesem Wochenende hören. Zu zwei Songs („Logue“ und „The Maxim“) steuert er die Vocals bei. Zufall oder nicht, es sind fuer mich die schönsten Songs des Tom Skinner Sets. Gerade „The Maxim“ erinnert schon sehr stark an The Streets, dem Rap-Projekt von Mike Skinner. Sind beide eigentlich verwandt?
Ansonsten tue ich mich etwas schwer, in den Jazzabend hineinzukommen. Wie auf der Platte ist auch live „The Maxim“ der Hauptsong. Zusammen mit dem anschließenden „Extension 2“, in dem ganz jazztypisch jedes Instrument seinen Solopart bekommt, bildet es den Hotspot des Konzerts. Kaleidoscopic Visions spielen sie, bis auf das kurze Zwischenspiel „Still (Quiet)“, komplett. Möglich aber, dass sie das irgendwo eingebaut haben, ohne es explizit auf die Setlist zu schreiben.
Alle Tracks klingen nach modernem, laid-back Jazz. Urban, freundlich, unaufgeregt. Eigentlich der perfekte Jazzzustand, wenn es nicht zu intensiv sein soll. Doch irgendwie und aus irgendwelchen Gründen bin ich ab „MHA“ raus und kann mich nicht mehr richtig auf die Stücke einlassen. Ist es mir dann doch zu laid-back? Lag es an den zwei Jupiler zuvor, die doch etwas träge machen? Losgelöst von meinem Gemütszustand ist es ein tolles Konzert. Die Band spielt gut und das volle Studio 4 spendet langanhaltenden Applaus. Im Foyer laufe ich überraschend (aber eigentlich auch nicht, denn er ist ein großer Jazzliebhaber) einem ehemaligen Arbeitskollegen über den Weg. Er fand das Konzert wunderbar.
Setlist Tom Skinner:
01: There´s nothing to be scared of
02: Auster
03: Margaret Anne
04: Kaleidoscopic Visions
05: Logue
06: MHA
07: The Maxim
08: Extensions 12
09: See how they run
Zugabe:
10: The Journey
Nachdem wir am Freitag die Räumlichkeiten des Flageys ausgiebig inspiziert hatten, blieb vor dem Tortoise Konzert etwas Zeit für das Wesentliche: auf dem Vorplatz des Flagey steht eine Frittenbude Frit Flagey, die mir bereits am Freitagabend aufgefallen ist. Die Schlange davor war exorbitant lang. Auch an diesem Abend bietet sich dieses Bild; einziger Unterschied: wir stehen mittendrin. Doch das Anstehen lohnt, die Pommes sind gut, die Sossenauswahl ausreichend und der Preis okay.
Das nachmittägliche Kinoprogramm (Köln 1975) und ein anderes Konzert bei freiem Eintritt (PORTA CHIUSA) lassen wir aus. Das Wetter an diesem Samstagnachmittag ist einfach zu schön, um den Tag drinnen zu verbringen. Um kurz vor 21 Uhr betreten wir die Flagey. Mein Sitzplatz ist heute weiter vorn. Saß ich gestern noch auf der Galerie, sitze ich heute in Reihe vier im Parkett. Der Saal ist voll, das Publikum im Vergleich zu gestern jedoch ein anderes. Ich sehe verstärkt graumelierte/grauhaarige Männer im Ü48 Status. Das ist die Zielgruppe!
Tortoise hatten in den 1990er Jahren ihre große Zeit, Alben wie TNT oder Millions now living will never die schufen ein ganz eigenes Rockgenre. Ich habe das damals nicht so ganz verstanden, fand ihre Musik zu langsam, zu ereignislos und wenig spektakulär. Ganz im Gegensatz zu Trans AM, ihren damaligen Labelmates auf dem Chicagoer Indielabel Thrill Jockey. Während ich Trans AM jedoch etwas aus den Augen verlor, begleiteten mich Tortoise, oder einige Musiker der Band, in den nächsten Jahrzehnten. Immer mal wieder tauchten sie auf. Sei es John McEntire mit The sea and cake oder Doug McCombs mit Eleventh Dream Day. 2016 sah ich Tortoise letztmals auf Tour. Später nochmal John McEntire zusammen mit Sam Prekop. Auch wenn Tortoise in den letzten Jahren wenig Musik gemacht haben, sie waren für mich immer irgendwie da.

Das Setting ist identisch zum Vortag. Bevor das Konzert beginnt, wird die Band kurz vorgestellt. Wer, was, wie sind diese Tortoise und warum spielen sie beim Brüssel Jazz Festival? Die Vorstellung ist zweisprachig in flämisch und französisch. Okidoki, die Conférencière erzählt das, was ich schon weiß: neues Album, erstmals seit 10 Jahren wieder auf Tour, den Post-Rock prägende und wegbereitende Band in den 1990er Jahren.
Dann betreten John McEntire, Doug McCombs, James Elkington, John Herndon und Dan Bitney die Bühne. Auf der Bühne sind zwei Schlagzeuge, zwei Keyboards, ein Vibraphon und eine Marimba aufgebaut. Ich hoffe, ich habe mich nicht verzählt. Meine Fotobeweise vom Abend sind nämlich spärlich und auf ein paar Handyaufnahmen begrenzt. Dummerweise ließ ich meine Kamera im Hotelzimmer liegen.
Das Konzert beginnt ruhig, und es bleibt ruhig. Tortoise bauen weder Soundwände noch beeindrucken sie mit elegischen Gesangspassagen. Tortoise setzen unspektakulär spektakulär Ton an Ton, hier ein Vibraphon-Schlag, dort ein Schlagzeugbeat. Oder wie es Plattentests.de formuliert:
Um den Fußballerjargon zu bemühen: Tortoise kommen aus der Tiefe des Raums. Sie sind keine Selbstdarsteller, sondern Meister der Effizienz. Man könnte auch sagen, dass sie der Uwe Bein des Post-Rock sind, aber man sagt viel, wenn der Tag lang ist. Touch verbindet organische Elemente wie Gitarren, Bass und Schlagzeug mit allerhand elektronischem Gefriemel, welches es sich in den Definitionslücken gemütlich machen darf.
Torch heißt übrigens das aktuelle Tortoise Album, das Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde. Gut die Hälfte der Setlist machen Songs von Torch aus. Ergänzt werden sie durch alte Tortoise Gassenhauer von TNT („In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven there were women and men“, „Ten-day interval“, „I set my face to the hillside“) und Songs vom letzten Album. ‘Komplexe Grooves, komplett relaxt’ schreibt die taz und ja, das ist wunderbar zusammengefasst.
Dass die neuen Songs leicht anders klingen, bzw. ich Unterschiede zwischen alt und neu heraushöre, fällt mir auf. Aber das stört mich nicht, denn das Alte ist nicht besser als das Neue, und umgekehrt. Auffällig finde ich auch, dass grundsätzlich alle Songs zeitlos klingen. Die Halbwertzeit von Tortoise Musik ist eine sehr lange. Andersrum, die neue Platte hätte so auch vor 10 Jahren veröffentlicht werden können. Nach jedem Song wechseln die Bandmitglieder ihre Positionen. Gefühlt jeder spielt mal Schlagzeug und Vibraphon. Nur Doug McCombs bleibt seinem Instrument treu. Der Bass gehört ihm, niemand anderes spielt ihn im Laufe des Konzerts und Doug McCombs spielt kein anderes Instrument. Und einen Tänzer haben sie auch in ihren Reihen. Wenn er gerade nicht gebraucht wird, legt Dan Bitney ein paar nette Moves aufs Bühnenparkett. Warum er jedoch sein rechtes Hosenbein hochgekrempelt hat, erschließt sich mir nicht. In seinem weißen T-Shirt und der weiten Cargodreiviertelhose trägt er an diesem Abend am meisten casual. Dagegen wirken John McEntire und James Elkington in ihren Hemden und tapered geschnittenen Jeans geradezu dandyhaft.
Ich finde es erstaunlich, wie flexibel Tortoise agieren und wie gut musikalisch ausgebildet alle sind. Denn egal wer welches Instrument bedient, immer klingt es akkurat und das Zusammenspiel ist hochpräzise. Verpasste Einsätze oder Verspieler höre ich nicht. Und da die Akustik im Studio 4 eine der besten in Europa sein soll (wie ich gelesen habe), hätte man einen falschen Ton herausgehört. Tortoise sind Meister ihres Fachs, keine Frage.
Um halb elf endet der Abend so, wie es begann: mit John Herndon am Schlagzeug. Der Kreis ist geschlossen. Wow, es war ein tolles Konzert. Jetzt bleibt nur noch die After-Festival Party im Foyer. Die aber lassen wir aus.
Die zwei Tage Brüssel Jazz Festival waren ein guter Start ins Konzertjahr 2026. Und das Flagey ist ein weiterer wunderschöner Konzertort, den wir entdeckt haben. Gut, dass wir da waren.
Setlist Tortoise:
01: Vexations
02: Monica
03: In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven there were women and men
04: Layered presence
05: Ten-day interval
06: Night Gang
07: Gesceap
08: Axial seamount
09: Glass museum
10: Oganesson
11: Works and days
12: Crest
Zugabe:
13: Tin cans & Twine
14: Promenade à deux
15: I set my face to the hillside
Kontextkonzerte:
Sam Prekop & John McEntire – Köln, 09.05.2017 / Gewölbe
Tortoise – Bonn, 08.11.2016 / Harmonie
Tortoise – Primavera Sound Festival Barcelona, 03.06.2016