| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: FZW, Dortmund
Vorband:

Ich liebe diese Band. Ich liebe die Musik der Charlatans. Seit ihren ersten Tagen Anfang der 90er Jahre bin ich süchtig nach ihrem Schweineorgellärm. Auch 20 Jahre später schaffe es nicht, ihr Debüt „Some friendly“ einfach im Schrank zustauben zu lassen. Immer mal wieder greife ich danach und höre es. Genauso, und eigentlich viel lieber höre ich ihre EP „Over rising“. Großartige, alte Manchestermusik, die so antiquiert klingt, wie die Doors in den 80ern.
Im Gegensatz zu vielen anderen Bands haben die Charlatans den Manchester-Rave überlebt. Das Psychodelische tauschten sie im Laufe der Zeit zügig gegen Britpop und später Northern Rock ein. Tim Burgess schafft es irgendwie, sich selbst und seinen Sound immer wieder neu zu definieren.
Das klingt nicht immer ganz großartig, aber allemal großartig genug, sämtliche 11 Alben besitzen zu müssen. „Who we touch“ heißt ihr neuestes Werk, vor einigen Wochen wurde es veröffentlicht. Es ist eines ihrer schwächeren Alben, behaupte ich mal. Ich habe es ein, zwei, dreimal gehört und komme bisher zu keinem anderen Resultat. Der Werbesticker auf der CD, der vom besten Charlatans Album seit langem spricht, lügt.

Ich empfinde ihren Vorgänger als deutlich wuchtiger und hitverdächtiger. Was nicht heißen mag, dass auf „Who we touch“ keine Hits wären. Der Opener ist toll, ebenso „My foolish pride“. Aber es gibt eben auch eine Reihe kleinerer Hits.
Ach, ist ja auch egal und für die Entscheidung, ein Charlatans Konzert zu besuchen, nie und nimmer maßgebend.
Also, auf nach Dortmund, ins feine (relativ) neue FZW.
Die Fahrt in die Hauptstadt des Fußballs ist immer ein wenig stressig und nervenaufreibend. Direkt nach der Arbeit los, Unmengen von Fahrzeugen auf der Autobahn und ab und an blöde Baustellen, die ein zügiges Vorankommen nicht selten dann verhindern, wenn man es gar nicht gebrauchen kann. Aber der Laden ist sehr toll. Neu, übersichtlich, gut gelegen mit ausreichenden Parkmöglichkeiten in dunklen Ecken und an holprigen Straßen. Und über allem leuchtet das blaue U der ehemaligen Unionsbrauerei.
Ein nahezu perfekter Ort für eine britische Band. Bierstadt, guter Fußball und an diesem Abend diesiges Nieselwetter.
Manchester kann nicht gemütlicher sein.
Da ich im Vorfeld bereits erfahren hatte, dass es keine Vorband geben wird, hatte ich einen relativ großen Zeitpuffer und keine Eile. So störte mich der elendig zähe Verkehr nicht, und auch der Nieselregen, der zu schwach für Scheibenwischer im Dauerbetrieb ist, aber zu stark für das Zeitschaltintervall, konnte mich nicht verärgern.
Irgendwann kam ich im FZW an. Aus den Boxen dröhnten Charlatansklänge und beschallten den übersichtlich besuchten Innenraum des kleinen Clubs. (Anmerkung 1: Zu Konzertbeginn füllte es sich noch, sodass die Lücken nicht allzu peinlich groß blieben. Anmerkung 2: Ich finde es unglücklich gewählt, vor einem Konzert noch Musik aus der Konserve von der gleich auftretenden Band abzuspielen).
Der Abend war also bereitet.

Eine Konstante konnte ich auch in Dortmund beobachten. Wo die Charlatans auftreten, sind immer auch ein paar Briten im Publikum. Im FZW versammelten sich gut zwei Hände voll. Am lustigsten waren die vier in der ersten Reihe. Über sie musste selbst die Band des Öfteren lachen. Jeder, der schon mal englische Musikfans bei einem Konzert erlebt hat, weiß, was ich meine. Aber so kam wenigstens ein bisschen Stimmung in die Bude.
Tim Burgess war so wie immer. Hibbelig und mit kreisenden Armbewegungen, als ob er in einem großen Topf die Erbsensuppe umrührt, tanzte er zielsicher durch sein Charlatans Set. Zur Vokuhila-Eisenherz-Frisur trug er ein Sonic Youth „Goo“ T-Shirt, für das er während des Abends „thumbs up“ von seinen Landsleuten bekam. Und das macht man so: In einer Songpause deute man angestrengt und hektisch fuchtelnd mit dem Arm so lange auf das T-Shirt, bis die Person irritiert an sich herunterschaut und sich fragt, was denn los sei. Sobald sie den Kopf wieder hebt, deutet man nochmals auf das T-Shirt und lässt direkt danach den ausgestreckten Daumen folgen.

Bei ihrem letzten Konzert spielten sie noch das komplette „Some friendly“ Album. Das war im Frühjahr, in Barcelona und sorgte bei uns für allerbreitestes Grinsen und strahlende Augen.
Für ihre Herbsttour hatten sie ihr Set deutlich umgebastelt. 20 Songs aus nahezu allen Zeiten sorgten für große Abwechslung. Die größten Reißer waren natürlich „Then“, also Opener trefflich gewählt, „North country boy“ und das ewig junge „The only one i know“. Zu dem tanzten dann endgültig alle.
Auch die lange nicht gehörten „Jesus hairdo“ („A song about my hair“), „Tellin’ stories“ und „My beautiful friend“ riefen allgemeine Freude hervor. Und das nicht nur bei den angereisten Insulanern. Oh ja, die Charlatans wissen auch heute noch zu begeistern!
Die finalen „This is the end“ und das wie immer überragende „Sproston green“, das alleine schon einen Charlatans Konzertbesuch rechtfertigt, sprechen für sich. Einzigartige Musik von zeitloser Schönheit.

Dass die Manchestermannen darüber hinaus ihre Position im 21. Jahrhundert gefunden haben, zeigten die fünf Songs vom aktuellen und vorletzten Album „You cross my path“. Sie fügten sich nahtlos ein, trotz einer Zeitspanne von guten zwanzig Jahren merkte man der Setlist weder Brüche noch Unebenheiten an. Die Charlatans klingen auch ohne Schweineorgel wie die Charlatans. Tim Burgess bleibt Tim Burgess. Pop as Pop can. Egal ob der Song „Love is ending“ (2010) oder One to another (1996) heißt.

Das Fazit des Abends, dass nicht treffender hätte formuliert können, stammt vom Konzerttagebuch aus dem Jahr 2008 und trifft voll und nach wie vor ins Schwarze:

Die Charlatans sind meine Helden und werden es immer bleiben. Ich bin heilfroh, sie … gesehen zu haben, und sie haben es wahrlich nicht versaut. Nur jüngere Konzertgänger lockt diese im Prinzip ja topaktuelle Musik nicht mehr hinterm Ofen her, das Durchschnittsalter war deutlich über 3o.

Setlist:
01: Then
02: Weirdo
03: Can’t get out of bed
04: Blackened blue eyes
05: Smash the system
06: You’re so pretty – we’re so pretty
07. One to another
08: Your pure soul
09: Tellin’ stories
10: My beautiful friend
11: Oh vanity
12: My foolish pride
13: Intimacy
14: The misbegotten
15: The only one i know
16: North country boy
17: This is the end
Zugabe:
18. Love is ending
19: Jesus hairdo
20: Sproston green

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
The Charlatans – Primavera, 29.05.2010
The Charlatans – Köln, 23.09.2008
The Charlatans – Brüssel, 17.02.2008

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."