Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Vorband: Liima
Nach meinem letzten Grizzly Bear Konzert waren die Radkappen weg.
Die Kölner Essigfabrik liegt schön schaurig am Rand eines Industrieareals in der Nähe des Rheins. Nachdem ich die ÖPNV Anfahrtszeiten studierte, entschied ich mich, mit dem Auto zu fahren. Rund um das ehemalige Aurora Werk sollte sich doch eine Parkmöglichkeit finden lassen. Und richtig, es gab dort, abseits der Hauptverkehrsstraße und im Dunkeln gelegen, einen Parkstreifen, der auch schon eifrig beparkt wurde. Ich stellte mein Auto dazu. Und dachte mir nichts dabei. Die Abschleppgefahr schien hier nicht gegeben, das ist immer meine größte Sorge. Doch drei Stunden später schaute ich ungläubig. Nein, das Auto stand noch an seinem Platz, nur erkannte ich das nicht sofort. Als ich per Fernöffnung die Türen entriegelte und das Innenlicht aufleuchtete, wunderte ich mich, dass der untere Teil des Fahrzeugs dunkel war. ‘Warum ist es an den Reifen so dunkel‘, fragte ich mich. ‚Warum reflektiert das Mondlicht nicht wie gewohnt an den silbernen Radkappen?‘ Nun, wo keine Radkappen sind, kann auch kein Licht reflektieren. Manchmal ist es einfach. hat ein Schurke doch tatsächlich die Dinger abmontiert. Sprachlos fuhr ich nach Hause. Gott sei Dank, es waren nur die Radkappen, die fehlten. Ein beruhigender Gedanke, der erst in den nächsten Tagen, nachdem ich die Preise eines Radkappen Sets recherchiert hatte, einen faden Beigeschmack bekam. Eigentlich braucht man solche Dinger ja nicht. Aber andererseits, ein bisschen Schutz vor Dreck und so kann bestimmt nicht schaden. Schließlich hat fast jedes Auto Radkappen oder Radzierblenden. Also kaufte ich statt weiterer Konzertkarten ein neues Viererset Radkappen. Ärgerlich! Als ein paar Tage später bei eBay ein Anbieter aus Köln-Poll einen Radkappensatz für genau meine Reifen- und Felgengröße anbot, musste ich dennoch kurz schmunzeln. Ach, das waren sicher nicht meine vier Radkappen.

Wie komme ich auf die Geschichte? Nun, in Brüssel ist das mit dem parken so eine Sache. Dunkle Ecken, winklige Parkhäuser. Ich könnte da ein paar Geschichten erzählen, lasse es aber, weil an diesem Samstag eine komplett andere Entscheidung getroffen wurde. Ein Park and Ride Parkplatz vor der Stadt sollte für eine entspannte Anreise sorgen. Der im Ticketkauf integrierte Eventpass, der die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel am Konzerttag kostenfrei vorsieht, brachte mich auf diese Idee. Die Metrostation in der Nähe des Universitätsklinikums zwei Autobahnabfahrten vor der Brüsseler Verkehrshölle brachte mich in 20 Minuten zum Ancienne Belgique. Schneller geht’s mit dem Auto auch nicht. Und bequemer sowieso nicht. Bleibt nur die Frage: Warum nur haben wir das nicht schon öfter gemacht?

Easy listening Jazzsounds säuseln durch das AB. Das Konzert von Grizzly Bear ist ausverkauft, der Tag in Brüssel war sonnig und lang. Von der hinteren Sitztribüne im ersten Oberrang schaue ich in den Saal. Die vorderen Reihen füllen sich nach dem belgischen Konzertkonzept: Gerne erst kurz vor Konzertbeginn in den Saal.
Aufgrund der zu erwartenden Unaufgeregtheit der Musik (nicht zu verwechseln mit Langweile), der leichten Müdigkeit und der ermatteten Füße entscheide ich mich für einen Sitzplatz. Wie doof wäre es doch, wenn ich das Grizzly Bear Konzert nur wegen kaputter Füße und kaputtem Geist nicht richtig genießen könnte. Das geht nicht, die Konzentration soll der Musik gehören und nicht meinen körperlichen Wehwehchen nach einem langen Ausflugstag. Und dass Grizzly Bear Konzerte nur funktionieren, wenn man sich entspannt auf sie einlassen kann, das brauche ich sicher nicht zu erwähnen. Ed Droste und Kollegen reißen einen nicht mit Discobeats aus der Müdigkeit, sie feiern keine lauten Feedbackgitarren, die meine Trägheit wegwischen könnten. Grizzly Bear sind Meister der ruhigen und ausgeglichenen Melodien, der kleinen Momente, der Zwischentöne, die man nur entspannt wahrnehmen kann. Und darum ging es mir, ich wollte das Konzert genießen, und darum saß ich auf Platz 15 in Reihe eins, übrigens einem sehr durchgesessenem Sessel.

Liima oder die neue Band aus ehemaligen Efterklang Mitgliedern und Tatu Rönkkö eröffneten früh den Abend. Die dänisch-finnische Band Liima klöppelt die Samples noch von Hand. So schreibt Zeit Online über die Band, und hat damit nicht Unrecht.
Efterklang kenne ich nur den Namen nach, und von Liima hatte ich noch nie gehört. Ideale Voraussetzungen, um sich einen Eindruck von Liima zu verschaffen. 1982 nennen sie ihr im November zu veröffentlichendes Album, und der Indieelektropop der vier Musiker beinhaltet einiges an 1980er Jahre Musikmaterial. Synthietöne von anno dazumal aus zwei Keyboardstationen, ein zeitweise stark an Phil Collins „In the air tonight“ erinnerndes Schlagzeugspiel und eine gehörige Portion Autotune in der Gesangsabmischung lassen Liima durchaus interessant klingen. Der Song „1982“ bliebt mir überraschenderweise im Ohr hängen. Das passiert mir mit Vorbands nicht allzu oft. Liima zaubern kein Beatfestival, es ist lichte Indietanzmusik für den Kopf, während der Körper gemütlich auf dem Sofa beziehungsweise im Sitz sitzen kleben bleiben darf.

Grizzly Bear können das verdammt gut. Und wer jetzt fragt ‘was‘, der kennt sich mit Grizzly Bear nicht gut aus. Ich meine dieses: unaufgeregte, ruhige Gesangsstimmen, akkurates Keyboardspiel und melodienstarke Gitarren. Zusammen mit einer wohlbedacht ausgewählten Saalbeleuchtung erzeugen sie eine Stimmung, die kaum eine andere Band so hinbekommt. Vor vielen Jahren hatten sie viele Glühlämpchen auf der Bühne installiert, die Stimmung war schaurig schummrig. Auf dieser Tour verwandeln sie die Bühne in eine Höhle. Und das auf einfachste Art und Weise: Zwei schräg und versetzt hängende Raffvorhängen wirken im angestrahlten Licht wie Felswände. Die so entstehende Tiefenwirkung und Reliefstruktur erweckt in mir den Eindruck, als würden Grizzly Bear in einer Höhle spielen. Das diffuse Licht, egal ob rötlich oder grauweiß schimmernd, verstärkte diesen Eindruck. Ich fühle mich gut aufgehoben, gar geborgen.

Das Konzert im Ancienne Belgique ist ausverkauft. Keine Überraschung, würde ich sagen, zumal nur vier Konzertorte in Mitteleuropa zur Auswahl stehen. Würde ich sagen, wenn auch die anderen Konzerte ausverkauft gewesen wären. Aber in Berlin, so lese ich, wurde das Konzert gedowngradet und in Utrecht einen Tag zuvor war der Saal wohl nicht ganz voll. Grizzly Bear scheinen also nach fünf Jahren Ruhe immer noch beliebt, aber eben auch ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Und da das neue Album Painted ruins zwar schön, aber nicht durchgängig spektakulär gut ist, ist die Konzertlage eben so, wie sie ist. An meiner Tagesplanung änderte das nichts: Kommt der Berg nicht zum Propheten muss der Prophet eben zum Berg.

Painted ruins übrigens ist die schöne Vorsetzung der vertrauten Grizzly Bear Songs der beiden letzten Riesenalben Shields und Veckatimest. In den fünf Jahren Pause haben sie nichts geändert; den bewährten Songstrukturen und Melodien vertrauen sie nach wie vor. Ich habe mir das Album zuvor zweimal im Stream angehört, so nebenbei und wenig konzentriert. Es reichte aber, um im Unterbewusstsein „Morning sound“ als Hit im Gedächtnis abzuspeichern.
Als Ed Droste und Daniel Rossen im AB die ersten Takte von „Morning sound“ klänge im AB aus den Boxen strömen ließen, huschte ein glückliches Lächeln über mein Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil des Konzertes schon vorbei. Erst jetzt, zum Ende des Abends bemerke ich die feine Dramaturgie des Konzertes. War der Anfang eher ruhig und den neueren Songs vorbehalten (Ausnahme das als Warm-up für den Saal gespielte altvertraute „Yet again“ als vierter Song), steigerte die Band zum Ende hin Tempo und Lautstärke. „Two weeks“, kurz nach „Morning sound“ so wie „Three rings“ und „While you wait for the others“ hatten deutlich mehr Fahrt als der Konzertbeginn. Hier erinnerten mich die Grizzly Bear Songs an das musikalische Märchen Peter und der Wolf. Genau wie in dem musikalischen Märchen erzählten die Amis in den ineinander übergehenden „Losing all senses“ und „Cut out“ Geschichten, bauten ihre Musik Stück für Stück zusammen, wechselten das Tempo nach Belieben und schufen so den Grundstein für die an diesem Abend immer da seiende gelassene Konzertatmosphäre. Dabei wirkten Grizzly Bear aufgeräumt und entspannt. Ich fand es gut, dass sich meine Befürchtung aus dem letzten Grizzly Bear Konzert nicht verwirklichte: Seinerzeit in der Essigfabrik war das Konzert langweilig und zäh wie ein trockenes Kaugummi. Oder richtiger: ich schaffte es damals nicht, mich auf die Atmosphäre und die kopflastige Musik einzulassen. Oder noch richtiger: Ich habe aus dem letzten Konzert gelernt und vollkommen richtig gehandelt, mir einen Sitzplatz auszuwählen.

Und was macht die Band? Die spielt undramatisch und unaufgeregt ihre Songs. Das Schlagzeug steht rechts, der Keyboardaufbau im Hintergrund. Bei Grizzly Bear ist fast jeder Sänger. Schlagzeuger Christopher Bear, Bassist Chris Taylor und Daniel Rossen, sie alle beteiligen sich am vielstimmigen Gesang. Mal hilft Christopher Bear im Refrain mit aus, mal Chris Taylor. Hauptprotagonisten sind jedoch Ed Droste und Daniel Rossen. Der Gitarrist und Keyboarder ist klein und zierlich, Ed Droste ist das nicht. Wenn er tanzt, dann baumeln seine Arme an seinem Körper herunter. Aus der Distanz sieht das mitunter lustig tapsig aus.
Dem Konzert fehlte es an nichts. Sie haben alles gespielt. Und zum Schluss wird sogar das Saxophon ausgepackt. „Sun in your eyes“ versetzen sie mit drei, vier Saxophontönen. Ganz so wie es die Glampopbands der 1980er Jahre machten. Es war ein perfekter Abend und ein schöner Tag in Brüssel. Brussels!!!

Auch acht Jahre später erinnert mich „Two weeks“ an die Autowerbung, für die Grizzly Bear ihren Song hergaben. In den USA war „Two weeks“  ihr erster großer Hit. Ach, dieses Stakkato-Klavierspiel am Anfang ist schon schön.

Kontextkonzerte:
Grizzly Bear – Köln, 02.11.2012 / Essigfabrik

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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