| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Gloria, Köln
Vorband: Denis Jones

Hold me closer tiny dancer…
Lange war ich mir nicht sicher, ob ich mir auch in 2013 Get well soon Konzerte ansehen sollte. Wie oft habe ich die zweitbeste deutsche Indieband jetzt gesehen? Manchmal denke ich, ‘zu oft, das reicht doch jetzt und ich brauch mal ‘ne Pause, mal ein Jahr Abstand, um mich wieder neu begeistern lassen zu können.‘ Das ist aber Unsinn.
Unser letztes Aufeinandertreffen war vor einem guten halben Jahr beim Frankfurter Lüften Festival. Damals fand ich ihr Konzert teilweise anstrengend und wenig aufregend, was aber auch an der nachmittäglichen Uhrzeit und dem gerade erst eingetroffen sein zugeschoben werden kann. Denn natürlich war es – wie jedes Get well soon Konzert – großartig. Großartige Bands können nur großartige Konzerte machen! Keine Frage.
Aber sie können durchaus mal weniger gute Platten veröffentlichen. “The Scarlet Beast O’Seven Heads” ist mir zu biestig, zu sehr Soundtrack den Song, zu wenig tiefgründig dramatisch. Da halte ich es lieber mit dem zweiten Album „Vexation“, das ich durch die Bank schön und immer wieder sehr hörenswert finde.
Und hier schließt sich nun der Kreis, oder wie? Eine sich vielleicht sattgesehene Band und ein sehr selten gehörtes Album, wieso sollte ich da am Sonntagabend ins Gloria fahren? Na, weil Sonntag ist und weil all das nur wenig schlagkräftige Gründe sind, um einem arbeitsreichen Wochenende nicht doch noch einen schönen Ausklang mitzugeben. Und weil die Abstinenz Theorie eben großer Unsinn ist.
Um die Sache fix zu machen, die morgendliche Idee nicht doch noch im Laufe des Tages abzulegen, wurde gleich ein Ticket gekauft. Nicht, dass der leichte Schneefall oder plötzlich aufkommende Sonntagsnachmittagsmelancholie als „ach ne lass mal, ich bleib doch lieber zuhause“ Gründe herangezogen werden können. Ein bisschen Druck schadet trotz aller Begeisterung nicht.
Da jedoch das Wetter tatsächlich nicht unwirscher wurde, stand der abendlichen Fahrt endgültig nichts im Weg. Bei vielen anderen Konzertgängern eventuell schon. Als wir gegen acht Uhr im Gloria ankamen, war der Laden gerade mal halb gefüllt. Im Laufe des Abends schlossen sich zwar einige Lücken, so richtig voll wurde es aber nicht. Nun, es gibt schlimmeres als nicht ausverkaufte Konzerte, also für mich. Aber das liegt im Auge des Betrachters, Musiker sehen das sicherlich ganz anders.
Ein Mann mit Bart betrat die Bühne. Er stellte sich hinter sein großes Mischpult und begann, über an- und abgeschaltete Tonspuren zu singen. Beim ersten Track hörte ich sanft den langsam abgespielten Refrain von Radioheads „Videotape“ heraus. Das klang wenig überzeugend und ich dachte, wenn der das jetzt die ganze nächste gute halbe Stunde so macht, wird’s aber arg zäh. Denis Jones gehört zu der Gattung „alles alleine Macher“. Ähnlich wie Liam Finn spielt er all seine Instrumente und Gesangsspuren peu a peu selbst ein, schichtet sie dann übereinander und hat irgendwann nach zwei, drei Minuten den fertigen Klangteppich, über den er dann seine Strophen singt. Loopmaschine und Recorder machen es möglich und ich finde es immer wieder aufs neue überragend, wie schön das daraus entstehende Ergebnis klingen kann. Beneiden tue ich diese Leute nicht, sie sind sicherlich die vollbeschäftigsten Musiker auf Bühnen, die ich mir vorstellen kann. Sie haben wirklich immer was zu tun, werkeln hektisch zwischen ihren Mikrofonen, Instrumenten und Aufnahmeknöpfen hin und her, immer auf der Suche nach der richtigen Aufnahmesequenz und -reihenfolge. Klingt das Resultat meist gut, ist der Weg dahin mitunter lang. Das Ganze funktioniert für mich denn auch live nur, wenn sich die Songs langsam aufbauen können, wenn sie eine Dynamik und eine Struktur beinhalten, die das Warten auf das Endergebnis spannend halten. Denis Jones schaffte dies immer dann, wenn er seine Gitarre als weiteres Instrument zur Hilfe nahm. Gott sei Dank war das sehr oft der Fall, so dass sich sein Recorder-Ding so schlecht nicht anhörte. Zumindest war das unser Umbaupausenfazit: Ja, kann man so machen.
Später flogen eingepackte rote Rosen auf die Bühne. Konstantin Gropper lachte laut auf, er schien Bescheid zu wissen, murmelte etwas vom Dortmunder Konzert und ließ uns kurzzeitig im Ungewissen, bevor er erklärte: In Dortmund hätte Maxi dem Publikum gesagt, dass „sie irgendwann die Flippers beerben wollen. Konstantin Gropper entgegnete ihm, dass man sich in der Band darüber noch nicht einig sei, er jedoch sehr gerne in Cellophan gepackte Rosen überreicht bekommen würde. Nun war es also soweit, also das mit den Rosen. Dass das mit den Flippers noch etwas warten darf, ist durchaus verschmerzbar. Denn was Get well soon als Get well soon zwischen dem Skeeter Davis Intro „The end of the world“ und dem in der ersten Zugabe gecoverten Elton John Schmachtfetzen „Tiny dancer“ geboten haben, war wie immer traumhaft und von größtmöglicher Liveeleganz. Ich glaube, diese Band kann machen, was sie will, sie macht immer alles richtig. Selbst für mich unsägliche Spaghetti-Western Melodien klingen auf einmal toll, und als Konstantin Groppers Schwester Verena die Melodie aus „Dear Wendy“ trällert, muss ich an den Gropper’schen Auftritt bei Roche und Böhmermann zurückdenken. Hätte doch einer der beiden nur die neue CD gehört. Dieses Lied, das in seinen Grundtönen sehr an die R&B Titelmelodie erinnert, wäre das perfekte Gesprächseröffnungsthema. Stattdessen hatte man sich in der Talkshow nichts zu sagen.
Die Flippers-Geschichte lässt Konstantin Gropper im Gloria keine Ruhe. „Wisst ihr, was die Flippers immer getrunken haben, bevor sie auf die Bühne gegangen sind?“ fragt er zwei Songs später. „Ich sag’s euch: Eierlikör mit Fanta.“

Kontextkonzerte:
Lüften! Festival – Frankfurt, 22.06.2012
Rolling Stone Weekender – Ostsee, 13.11.2010
Get well soon – Heerlen, 07.03.2010
Get well soon – Köln, 26.02.2010
Get well soon – Nijmegen, 25.04.2009
Get well soon – Köln, 07.12.2008

Multimedia:
flickr-Fotos

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."