Ort: Reflektor, Lüttich
Vorband: Pop Crimes

Ähnlich wie Teenage Fanclub spielten in den 1990er Jahren auch The Boo Radleys nie um die Champions League Plätze mit. Sie gehörten, wie die Bluetones, Shed Seven und viele andere mehr zur zweiten Garde an Britbands, die hier und da zwar für Furore sorgten, aber nie durchgängig großen Erfolg hatten. Das ‘hier und da’ der The Boo Radleys war definitiv „Wake up Boo!“. Ein Song, ihr einziger, der es in die Top10 geschafft hat und der die Band auch auf dem Kontinent bekannt machte. Ansonsten war nicht viel, auch wenn der Einfluss auf spätere Britpop oder Cool Britannia-Größen, und das eint sie wiederum mit z. B. Teenage Fanclub, durchaus da war. Habe ich zumindest im Internet gelesen, ist mir aber nicht wichtig.
Der Tag begann sonnig. Ausflugswetter, das intensiv für einen erweiterten Stadtbummel genutzt wurde. Das Stadion von Standard Lüttich wollte ich immer schon mal sehen. Check. Boulets à la liégeoise und Frites hatte ich an diesem Tag auch noch nicht, auch das musste sich ändern. Check. Tag zwei in Lüttich bringt die zweite Britband am Abend und so stehen wir dann um 20 Uhr wohlgenährt am Reflektor. Wie viele Leute werden hier wohl auflaufen? Ich meine The Boo Radleys ziehen doch höchstens Stammpublikum aus den 1990er Jahren. Natürlich tun sie das, der Altersdurchschnitt ist entsprechend und die Zahl der Besucher im Reflektor ist dann doch ordentlich hoch. Knapp zur Hälfte ist der Saal gefüllt und das Interesse liegt damit in ähnlichen Dimensionen wie beim gestrigen Teenage Fanclub Konzert.
Das The Boo Radleys Konzert im Reflektor ist ihr allererstes Konzert in Belgien und eines der ersten Konzerte auf dem Kontinent seit ihrer Reunion vor drei oder vier Jahren. So genau habe ich das nicht auf dem Schirm, genauso wie ich die The Boo Radleys seit ca. 25 bis 30 Jahren nicht mehr auf dem Schirm hatte. Warum auch, die Band hatte sich nach durchaus guten Platten Ende der 1990er Jahren aufgelöst und alle Musiker waren komplett von der Bildfläche verschwunden. Eigentlich blieb nur „Wake up Boo!“ als quasi existenzbeweis der Band im musikalischen Mainstreamgedächtnis. Der Song tauchte gerne immer mal wieder in den wdr2 und swr3 Radiorubriken ‘das Beste aus den 90ern’ und so auf. Dabei ist es natürlich fahrlässig, The Boo Radleys nur auf diesen einen Song zu reduzieren. Die Band ist nicht, wie die 4 Non Blondes ein one-hit wonder. Da gibt es schon noch ein paar sehr gute Songs mehr. Und die klingen dann nicht nach Powerpop und gute Laune Song, sondern sind eher gitarrenlastig und leicht shoegazig. „Lazarus“, oder „Lazy day“ haben so rein gar nichts mit dem leichten und poppigen „Wake up Boo!“ gemeinsam. Aber für viele sind The Boo Radleys eben hauptsächlich „Wake up, Boo!“. Ist ja auch ein Spitzensong, der in Sachen Unbeschwert-Pop locker in einer Linie mit „Alright“ von Supergrass oder „Country House“ von Blur steht. Soviel dazu.
Pop Crimes aus Frankreich eröffnen vor vielleicht 50 Leuten den Abend. Die vier Jungs spielen ein überraschend schönes, rockiges Set. Shoegaze, Post-Punk. Es macht Spaß zuzuhören und die Band hätte durchaus mehr als die wenigen Besucher verdient. Läuft es für Pop Crimes gut, sehen wir sie vielleicht auf kleineren, gut kuratierten Festivals wieder; ich denke da an das Out of the Crowd oder an das Sonic City.
Während der Umbaupause füllt sich das Reflektor. Mit Menschen und Vierbeinern. Es taucht auf einmal ein Hund auf. Etwas verwirrt läuft er durch das Reflektor, spielt mit den Schatten an der Wand und macht auch sonst einen irren Eindruck. Irgendwann ist er verschwunden, wie und mit wem er in Club gekommen ist, keine Ahnung. Er verpasst allerdings ein sehr schönes The Boo Radleys Konzert.
Die Band ist bis auf den ehemaligen Co-Songschreiber und Gitarristen Martin Carr in Ursprungsbesetzung am Start: der immer grinsende und sichtlich gut gelaunte Sänger Simon Rowbottom, Bassist Tim Brown und Schlagzeuger Rob Cieka werden unterstützt von einem weiteren Gitarristen (Louis Smith)und ab und an von einem Trompetenspieler (Nick Etwell). Die Trompete ist ja durchaus ein Signature-Ding im Sound der The Boo Radleys.
Wie erwähnt, seit ein paar Jahren spielen The Boo Radleys wieder Konzerte und machen neue Musik. Das aktuelle Album der Band nennt sich In spite of everything, es ist bereits ihre dritte Platte aus den 2020er Jahren. Im letzten Jahr spielten sie erstmals seit Jahrzehnten wieder Konzerte auf dem Kontinent; in Frankreich und einen Gig in Amsterdam. Auch in diesem Jahr liegt der Focus ihrer kleinen Herbsttour auf Frankreich. Das Konzert in Lüttich ist ihr einziges Konzert östlich von Frankreich und für mich die Gelegenheit, The Boo Radleys live zu sehen. Warum die Band so Frankreich-affin ist, weiß ich nicht. Vielleicht waren sie in den 1990er Jahren dort groß.
Im Reflektor spielen The Boo Radleys drei neue Songs, die übrige Setlist besteht aus Reminiszenzen an die frühen Jahre. Songs von Everything’s alright forever bis Kingsize dominieren den Abend: „Wish I was skinny“ hätte ich mir früher auch gewünscht, „Lazy day“, dieser knapp 2-minütige Smash Hit, „Comb your hair“, das mich an die Bluetones denken lässt. Es ist die Zeit zwischen 1992 und 1998, als Gitarrenmusik so extrem abwechslungreich und vielschichtig war. Und ich merke, dass ich neben „Wake up Boo!“ auch noch andere – in meinem Kopf längst vergessene The Boo Radleys Songs – kenne. Wie interessant doch so ein Musikgedächtnis funktioniert.
Ehrlich gesagt, mit so viel ‘ach, kenn ich ja’ Augenblicken hatte ich gar nicht gerechnet. Umso schöner, diese Momente zu erleben. Das Konzert wird dadurch enorm kurzweilig und ja, es war grundsätzlich eine verdammt gute Entscheidung, die beiden Konzerte in Lüttich mitzunehmen. Teenage Fanclub, das zeigte der gestrige Abend, gehen eigentlich immer und ja, die The Boo Radleys, die habe ich unterschätzt. Tolle Band, tolles Konzert.
Setlist:
01: C’mon kids
02: Comb your hair
03: Barney (…and me)
04: Living is easy
05: Find the answer within
06: From the bench at Belvidere
07: How was I to know
08: Oh brother
09: Wake up Boo!
10: Firesky
11: King Budgie
12: Kingsize
13: Wish I was skinny
14: Spaniard
15: Lazy day
16: Bring them back again
17: I hang suspended
18: What’s in the box? (See watcha got)
19: Lazarus
Kontextkonzerte:
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