Ort: Waldlichtung, Roeser
Bands: We are Scientists, Mando Diao, The kooks, The Verve, Uncle

Rock a Field - Luxemburg, 21.06.2008

„Nobody move, nobody get hurt” war das erste, was wir zu hören bekommen. Das ist am Samstag um fünf, wir stehen vor einer großen Bühne auf einer Waldlichtung, die geschätzten 10000 Menschen, Dixieklos sowie einigen Trink- und Essständen Platz bot. 10000 Menschen beim Rock a Field Festival in Luxemburg nicht vor Ort, wohl aber Dixieklos und Essstände. Ich tippe auf 7000 bis 8000. (Menschen, nicht Dixies.)
Rock a Field ist eines der wenigen Ein-Tages-Festivals, die es in diesen Zeiten noch gibt. Die meisten Festivals machen es ja nicht mehr unter zwei Tagen. Was ich schade finde, denn für campfaule Allergiker ist ein Ein-Tages-Festival der Idealzustand. Man fährt mittags gemütlich los, verbringt einen Nachmittag und Abend an der frischen Luft bei guter Musik und das war’s dann. Kein lästiges campen oder unnötiges ausharren in der Natur.
Es ist mein erster Musikbesuch in Luxemburg. Und, um es sofort zu sagen: es hat sich mehr als gelohnt! Rock a Field 2008 war das bestorganisierte Festival, das ich mir vorstellen kann. Schon auf der A3 kurz vor der fr. Grenze wird man Richtung Park & Ride Platz geleitet. Ein großes Industrieareal, wo man sein Auto in einer der vielen Lagerhallen abstellen kann. Parklotsen, die einem den richtigen Weg auf diesem riesengroßen Gelände weisen, sind genügend vor Ort. Mit dem Shuttlebus geht’s dann ins Nachbardorf Roeser zum Festivalgelände. Raus aus dem Bus, noch 10 Minuten zu Fuß durch einen Wald und es öffnet sich vor einem die Lichtung von Rock a Field.

We are scientists

We are Scientists ist die erste Band, die wir sehen. Das war so geplant und pünktlich um fünf stehe ich vor der Bühne. Perfekt. Es ist noch nicht allzu voll, man kam locker und ohne viel Gedränge in den vorderen Bereich. Das teilweise sehr jung aussehende Publikum wartet scheinbar mehr auf Mando Diao und die Kooks. Das soll sich später bestätigen, beide Bands ziehen an diesem Tag den größten Teil der Leute. Gut für mich, so sind die Auftritte von The Verve und UNKLE nicht so stark frequentiert und ich habe eine gemütliche Sicht ohne Enge auf die Bühne.
Den Beginn machen aber We are Scietists aus den USA. „Nobody move, nobody get hurt” ist ihr Opener, mit dem sie dem Publikum wohl sagen wollen ‚Hey, wir sind die mit dem Radiohit hier.‘ Zugegeben, vielmehr kenne ich von ihnen auch nicht, aber gefühlsmäßig sind sie eine gute Besetzung um diesen Nachmittag musikalisch zu eröffnen.
Nach ihrem einstündigen Auftritt setzt dann die erwartete Bewegung im Publikum ein. Es wird ein wenig voller vor der Bühne. Da mich Mando Diao nicht sonderlich anspricht, nutze ich die Zeit bis zu den Kooks für einen ersten Pommes- und Getränkekauf. Von weitem sieht der Auftritt der Männer aus Schweden nicht sehr spektakulär aus. Ich glaube, ihr Set war langweilig. Nachts auf dem Weg zum Shuttlebus hörte ich dann ein Mädchen zu einem anderen sagen: ‚Sie hätten mehr bekannte Sachen spielen sollen.‘ Okay.

The Kooks

The Kooks sind der heimliche Headliner des Tages. Vor der Bühne ist es voll, es scheint, dass viele nur wegen ihnen hier sind. Ihr Auftritt ist vorbildlich. Zwischendurch frage ich mich, ob The Kooks eigentlich nur Hits haben. Das Konzert ist so kurzweilig und abwechslungsreich und unterhaltsam, dass es – eh man sich versieht – auch schon zu Ende ist. Werden Mando Diao in meinen Augen total überbewertet, so kann man die Band aus Brighton gar nicht hoch genug einschätzen. Eine gute Liveband, die noch lange nicht oben angekommen ist.
Obwohl der Kooks– Sänger Luke noch Werbung für The Verve macht (‚Ich hörte The Verve immer als Kind. Also, schaut sie euch an! Sie sind gut!‘), bleiben nicht viele vor der Bühne. Es leert sich deutlich, und auch zu Beginn des Verve Auftritts kommen nicht alle wieder zurück zur Bühne.
Die Sonne verschwindet langsam und es beginnt die schönste Zeit eines jeden Festivals: die blaue Stunde, der Übergang zwischen hell und dunkel. Die Zeit, in der jede Musik einfach gut rüberkommt. Die Zeit der heimlichen Headliner. (Nun, hier nicht ganz, weil: siehe oben.)
Richard Ashcroft steht auf der Bühne. Jacke an, breitbeinig, die Arme provozierend ausgebreitet.

‚We are The Verve. This is music.‘

Und los. Es muss einigen schon wie ein Kulturschock vorgekommen sein. Lupenreine 90er Jahre Britpopmusik mit allem was dazugehört. Langgezogene, psychodelische Stücke mit großen Refrains und längeren Gitarrenphasen. Hymnen einer vergangenen Zeit, denen man ihr Alter deutlich anhört. Die man aber immer noch mag. „Sonnet“, „Space & Time“, „Lucky Man”. Mehr muss nicht gesagt werden. Wunderbar, wunderschön.
So nölt sich Richard Ashcroft durch 15 Jahre Musikgeschichte. Dieser phantastische Sänger und, dieser mit jeder Geste arroganter erscheinende, charismatische Frontmann, dieses letzte Relikt einer aussterbenden Spezies Sänger zwischen Vollspacken und Lad. Schon der stolz-lässige Gang zum Mikrofon will uns mit jedem Schritt sagen ‚ich bin der Sänger, der Macker hier, und du bist nichts‘. Und jede Armbewegung wirkt herausfordernd, provozierend, unnahbar arrogant. Liam Gallagher kann das auch, genauso Ian Brown. Großartig!The Verve haben auch neue Sachen dabei. Ein Album soll noch dieses Jahr erscheinen. Sie fügen sich nahtlos ein, blieben aber nicht besonders im Kopf. Einzig vielleicht das letzte Lied. Es ist die nächste Single und sie kommt extrem dancelastig daher. Wenn man gehässig wäre, könnte man sie als Euro-Dance-Pop abklassifizieren. Wie New Order an schlechten Tanz-Tagen. Stock-Aitkin-Waterman Pop hätte man früher dazu gesagt.

The Verve

Zuvor gab es den Überhit „Bittersweet Symphony“. Da ging noch mal ein Ruck durch das Festivalpublikum. Dieses Lied scheint wirklich jeder zu kennen, und jetzt merken auch viele, das die Band auf der Bühne zu diesem Lied gehört. Zwischendurch, gerade in den langen Gitarrenphasen der weniger bekannten Sachen, verlassen viele jüngere Zuschauer die vorderen Reihen. Scheinbar zu langatmig, bzw. ‚zu langweilig‘ verraten ihre Gesichter. Davon lassen sich The Verve aber nicht irritieren. Und sie zaubern dann doch vielen ein Lächeln in die Augen.
Den Abschluss übernimmt um kurz nach halb zwölf UNKLE. Eine aus einem DJ Projekt geborene Band (kann man mittlerweile doch sagen). Wie wird das live sein? Wie werden die Gaststimmen, das gewisse etwas, was UNKLE Alben auszeichnet, ersetzt? Wie viel Leute wird das noch zum bleiben bewegen können?
Nun, nicht mehr allzu viele. The Verve war für viele das letzte Musikkapital von Rock a Field 2008. Nach der halbstündigen Umbaupause ist es mehr als deutlich leerer geworden.

UNKLE ist hauptsächlich der DJ James Lavalle. Er gründete das Projekt Mitte der 90er Jahre. Erstes Aufhorchen erregt das erste Album Psyence Fiction, dass Lavalle gemeinsam mit DJ Shadow zusammenbastelt. Verschiedenste Gastmusiker und –sänger lassen es zu einem All-Star Elektrodance Album werden. 2007 erschien das bisher letzte Album War Stories, wiederum sind eine Vielzahl von Gastmusikern mit an Bord. So steuerten u. a. Ian Astbury und Josh Homme den Gesang bei.
Das Set besteht hauptsächlich aus Stücken des letzten Albums. „Chemistry“, „Hold my hand“ und „Restless“ dominieren die erste halbe Stunde. Der Sound ist laut, wuchtig und heftig. Die Gitarren ballern einem nur so um die Ohren. Keine Atempause. James Lavalle dreht den Plattenteller, drei Gitarristen, Schlagzeug und Keyboards und allerlei Elektrokram transportieren den UNKLE Sound hervorragend. Alles eine Spur härter als auf CD. Eine Rockshow vom feinsten. Den Gesang übernehmen andere, die Hommes und Astburys werden nicht vermisst. Dafür dominieren die Gitarren zu sehr. Mehr braucht es nicht.
Vielen ist das zu heftig. Während des Auftritts verlassen einige das Gelände. Mittlerweile ist es nach Mitternacht, und auch die ausdauerndsten werden langsam müde. Das Schicksal der letzten Band. Immer auch ein wenig der Rausschmeißer.
Auch wir machen uns auf den Weg durch den Wald zum Shuttlebus. Noch ein kurzer Stopp an der Tankstelle, Super für 1,32 Euro, und dann durch die dunkle, unheimliche Eifel nach Hause.
Es war ein guter Samstag! Es war ein gutes Festival!

Kontextkonzerte:

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Christoph

    Ich könnte jeden einzelnen Satz so unterschreiben! Großartiger Bericht eines tollen Festivals.

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