Ort: Reflektor, Lüttich
Vorband: Euros Childs

Teenage Fanclub - Lüttich, 23.10.2026

Als irgendwann im Spätsommer in kurzer Zeit nacheinander die Konzerte von Teenage Fanclub und den Boo Radleys im Reflektor in Lüttich bekannt gegeben wurden, setzte sich bei mir der Gedanke fest, dass das doch der Anlass für einen guten und angenehmen Lüttich Ausflug sein könne: Freitagmittags hin, abends Teenage Fanclub, Samstag Stadtbummel und Pommes mit Boulets à la liègoise, abends dann The Boo Radleys und Sonntag wieder heim. Das klang eigentlich ganz gut und nach einem schönen Wochenendplan im Oktober.
Gedacht und umgesetzt. Entspannt sah ich dem Wochenende entgegen. Die Zugfahrt von Köln nach Lüttich dauert eine knappe Stunde, also kein Ding und kein großer Stress. Eigentlich, doch mache keine Zug-Zeit-Rechnung ohne die Deutsche Bahn. Natürlich dauert die Reise sehr viel länger. Anstatt in einer Stunde in Lüttich zu sein, sind wir 50 Minuten vor Abfahrt immer noch in der DB-Lounge in Köln. Der Zug aus Frankfurt kommend hat Verspätung. Okay, wir haben Zeit. Als wir dann endlich im Zug nach Lüttich sitzen und dieser auch fährt, kommen kurze Zeit später zwei Hiobsbotschaften. Nummer eins: Wir fahren über Rheydt und Mönchengladbach, sprich Fahrzeit + 1 Stunde, statt planmäßig um 14.16 Uhr ist der ICE nun um 16.15 Uhr in Aachen. Auch das ist ein bisschen egal, wir haben Zeit. Hiobsbotschaft ist dann allerdings etwas nerviger: Der Zug endet in Aachen. Als angebotene Weiterfahralternative wird der ICE in einer Stunde genannt. Aber darauf verlassen wir uns nicht. Am Nachbargleis fährt pünktlich eine belgische Bimmelbahn, die bis Lüttich zwar eine Stunde benötigt und 12 Zwischenstopps hat, aber eine landschaftlich sehr schöne Strecke fährt. Und die fährt und in der zweiten Klasse mehr Beinfreiheit aufweist als der ICE. Okay, dafür fehlen stoffbezogene Sitze und Holzdekor. Und wir haben Zeit. Um 17.30 Uhr sind wir an unserem Zielbahnhof angekommen, füllen noch schnell das Verspätungsformular in der DB-App aus, freuen uns über eine Fahrtkostenerstattung von 50% und checken anschließend im Hotel ein. Da wir es nicht so eilig hatten, war das ganze Hin und Her mit der Deutschen Bahn doch in irgendeiner Art und Weise locker verschmerzbar. Außerdem wird man genügsam und freut sich dann schon, wenn der Zug irgendwann den Zielbahnhof erreicht.

Das Reflektor ist erwartungsgemäß nicht übermäßig voll, aber durchaus gut besucht. Teenage Fanclub Konzertbesucher 2026 sind größtenteils Leute, die Teenage Fanclub auch schon vor 26 Jahren und früher gehört haben. Neue, junge Fans rekrutiert die Gruppe kaum bis gar nicht. Es sind alte britische Indiepop/Britpop Liebhaber, die sich im Reflektor eingefunden haben. Menschen, die Alben wie Grand Prix mögen und die vielleicht auch noch ein Herz für Bandwagonesque, das Album, mit dem Teenage Fanclub früh in den 1990er Jahren ihren Durchbruch feierten. Ich habe das durchaus, und auch wenn die Songs heute wie aus einer anderen Welt klingen, Bandwagonesque hat Evergreen Potential. Zumindest in meinen Ohren.
In den letzten Jahren habe ich die Band so überhaupt gar nicht mehr verfolgt. Die ein oder andere Tour ließ ich aus, die ein oder andere Platte habe ich schon länger nicht mehr gekauft. Warum ich jetzt wieder Interesse habe, ein Teenage Fanclub Konzert zu besuchen, liegt definitiv auch daran, dass am nächsten Tag The Boo Radleys im Reflektor auftreten. Dieses Konzertdoppel rief ja förmlich nach einem schönen Ausflug. Und da ist der Ausflugstag im Liege mindestens genauso wichtig anzusehen wie die beiden Konzerte.

Der frühere Sänger und Songwriter der 2006 aufgelösten 1990er-Band Gorky’s Zygotic Mynci eröffnet den Abend. Um kurz nach acht betritt Euros Childs die Bühne und setzt sich an sein Keyboard. Zwei Alben von Euros Childs und vier Alben von Gorky’s Zygotic Mynci stehen im heimischen CD-Regal. Dinge gibt’s, unglaublich. Ich empfehle, die Band bzw. den Sänger einfach mal auszuchecken. Euros Childs sitzt eine gute halbe Stunde lang am Keyboard und spielt knapp zwei Hände voll Songs. Ein launiger und schöner Einstieg in den Konzertabend. Das hat schonmal Spaß gemacht.

…die harmonisch verschachtelten Gesänge, der unbedingte Wille zur gelungenen Melodieführung, die raffinierte Mischung aus schrabbeligen Gitarren und erfrischenden Keyboard-Sounds

lese ich im Internet über Teenage Fanclub und nicke hinter jeder Aufzählung zustimmend mit dem Kopf. Ja, 2000 waren das auch meine Motive, die Band sehr zu mögen. 
Bandwagonesque (1991) war mein Einstieg. Anfangs habe ich die Platte dabei gar nicht so sehr gemocht, die Gitarren klangen so schleppend und so gar nicht typisch britisch, fand’ ich. Den Nachfolger Thirteen, das mir rockiger vorkam, mochte ich mehr. „Hang On“, und vor allem „Radio“ hatten es mir mächtig angetan. Und mit „Norman 3“ entdeckte ich dann auch die Schönheit Bandwagonesque wieder. Ich kaufte alle weiteren Alben bis zu Words of Wisdom and Hope. Das war irgendsoein Kollaborationsalbum, das wollte ich nicht. Danach wurde es etwas ruhiger um Teenage Fanclub. Vielleicht sah ich noch das ein oder andere Livekonzert der Band, aber ihre Alben, die jetzt im 5-Jahres-Rhythmus veröffentlicht wurden, nahm ich zwar interessiert Rezensionen lesend zur Kenntnis, hörte sie aber nicht. Dann las ich, dass der Mitgründer Gerard Love die Band verließ, und damit der Mann, der meine Lieblingslieder in meiner wichtigsten Teenage Fanclub Phase sang. Das war der Zeitraum zwischen Grand Prix und Howdy. „I need direction“ finde ich immer noch super, und „Ain’t that enough“ oder „Don’t look back“ kommen knapp dahinter.
Als Gerard Love die Band verließ, wurde Euros Childs ein neues festes Mitglied. Allerdings nicht am Bass, den übernahm jetzt Dave McGowan, und auch nicht beim Gesang. Euros Childs spielt bei Teenage Fanclub Keyboard. Den Gesang teilen sich seitdem nur noch Norman Blake und Raymond McGinley. Und damit steht die aktuelle Bandbesetzung. Mittlerweile sind Teenage Fanclub im sagenhaften 37. Jahr ihres Bestehens angekommen, und während ich das schreibe, fühle ich mich gleich um einiges älter. Himmel, was für eine lange Zeit! Verlernt haben sie aber nichts. Ihre 13. Platte heißt I do not dare to dream, ist gerade veröffentlicht und auf ihr klingen Teenage Fanclub wie eh und je. Live kann ich das ein wenig nachhören. „Tomorrow People“ und „Day In The Sun“, „There was you“ und „Over and over“, ein paar neue Songs spielen sie im Reflektor.

Was Fans und Kritiker der Band ahnen: Es gibt auch auf dieser Aufnahme nichts bahnbrechend Neues. Der Teenage Fanclub weiß um seine Qualitäten, seine Einflüsse und die Erwartungen, die man in ihn setzt. Zu hören gibt es zehn formvollendet komponierte und eingespielte Lieder, die sich an den vier großen Bands mit B orientieren: Beatles, Beach Boys, Byrds, Big Star.

Musikexpress.de

Sie mögen immer noch die tollen Harmonien und Melodien, Norman Blake und Raymond McGinley teilen sich immer noch den Gesang und, was ich bei all dem fast vergessen hatte: Teenage Fanclub sind die Meister des Song-Outros. Keine andere Band der Welt lässt ihre Songs so wunderschön elendig lang ausfaden. Auch wenn das live manchmal ermüdend ist und ich nicht nur 1999, sondern auch 2026 wieder denke: warum jetzt noch eine Refrainschleife. Egal, das Konzert wird dadurch nicht schlecht. Ich freue mich, dass ich all die alten Gassenhauer, die sie natürlich immer noch in ihrer Setlist haben, noch einmal live höre und stelle erneut fest, wie toll „Alcoholiday“, „What you do to me“, „About you“ und …. immer noch sind. Perfekte Indiepopsongs, und das sind sie alle, kriegt man einfach nicht klein.
Ihr Konzert beenden Teenage Fanclub mit ihrer ersten Single „Everything flows“. Die ist von 1990, klingt aber heutzutage immer noch frisch.

Das Konzert war überraschend gut, ich kam anschließend tatsächlich nicht umhin, mir das T-Shirt, das ich mir bereits zu Grand Prix Zeiten zugelegt hatte, noch einmal zu kaufen. Auch, um eine Teenage Fanclub Papiertüte zu bekommen. Das scheint übrigens auf der Insel das aktuelle Merchding zu sein: selbstbedruckte braune Papiertüten. Auch Saint Etienne vor einigen Wochen verpackten ihre Merchartikel so. Eigentlich ne ganz schöne Sache.

Setlist:
01: Tired of being alone
02: About you
03: Metal baby
04: Tomorrow people
05: Day in the Sun
06: Alcoholiday
07: Falling into the sun
08: There was you
09: Mellow doubt
10: I Don’t want control of you
11: Over and over
12: Everything is falling apart
13: What you do to me
14: I’m in love
15: My uptight life
16: It’s a bad world
17: The concept
Zugabe:
18: The cabbage
19: Can’t feel my soul
20: Everything flows

Kontextkonzerte:
Teenage Fanclub – Köln, 27.11.2014 / Stadthalle Mühlheim
Teenage Fanclub – Rolling Stone Weekender Ostsee, 12.11.2010

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