Ort: De Roma, Antwerpen
Vorband: –

I have always a heart for Broken Social Scene.
Das mal gleich vorweg. Als im letzten Jahr in Kanada die All the feelings Tour der drei befreundeten Bands Stars, Broken Social Scene und Metric angekündigt wurde, war ich neidisch. Was für ein großartiges Setting, das in Toronto und Montreal und Vancouver und später auch in den USA zu bewundern war. Ich möchte das auch sehr gerne sehen. Aber ich werde das wohl nie sehen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Bands gemacht, denn im Frühjahr kam die Konzertankündigung der All the feelings Tour für Europa. Dass Köln nicht auf dem Tourplan liegt, ist mittlerweile schon irgendwie klar, aber Antwerpen und Utrecht sind ja nicht weit. Also fahre ich zu beiden Terminen, so mein erster Gedanke. Mein zweiter Gedanke war dann der, dass vielleicht doch Antwerpen und das de Roma ausreicht. Auch weil viele andere Termine in diesen Zeitraum fallen und weil ich mir vielleicht den Eindruck eines sehr gutes Konzert nicht von einem vielleicht weniger guten Konzert verwässert lassen wollte. Also entschied ich mich für Antwerpen und kaufte sehr zügig ein Ticket. In Übersee waren die Konzertreihen – wen wundert’s – sehr schnell ausverkauft, und auch zumindest fuer Belgien/Niederlande rechnete ich mit einer höheren Ticketnachfrage. Doch Spoiler: ich irrte. Das de Roma war nur halbvoll, maximal.
Mein Verständnis dafür hielt sich in Grenzen. Ich meine, Stars, Broken Social Scene, Metric. Viel mehr an einem Abend, das geht doch nicht. Es kann doch nicht sein, dass es so wenig Interessierte am kanadischen Indiepoprock gibt. Hat denn niemand die Videos zu den Stars Set yourself on fire Albumkonzerten gesehen, die die Band im letzten Jahr gespielt hat? Weiß denn wirklich niemand, wie toll Broken Social Scene Songs sind oder wie großartig die alten Metric Sachen klingen? Na gut, dann sind eben nur ich und 500 andere Toronto-Indieszenen Liebhaber. Dass alle drei Bands aus Toronto stammen und viele der Musiker bereits zu Schulzeiten gemeinsame Sachen machten, das ist doch wenigstens bekannt, oder? Ich zitiere mal das Internet:
The community that created the tour, which started long before the interest of any record company. Emily Haines of Metric, Amy Millan of Stars, and Kevin Drew of Broken Social Scene all attended school together in one corner of Toronto. Metric’s Jimmy Shaw and Stars’ Evan Cranley have been friends since childhood. Shaw also attended music school in Boston with Torquil Campbell and Chris Seligman of Stars. With such histories together, it would be easy to excuse the All the Feelings tour to be about nostalgia, and the crowd certainly reacted the loudest to classics like BSS’s “7/4 Shoreline,” Stars’ “Your Ex-Lover is Dead,” and Metric’s “Gimme Sympathy.”
Riecht nach Nostalgieabend, und das ist es dann auch ein bisschen. Aber nicht nur. Denn immerhin haben Metric mit Romanticize the Dive) und Broken Social Scene mit Remember the Humans erst in den letzten Monaten neue Alben veröffentlicht, und auch das letzte Stars Album From Capilton Hill ist erst drei Jahre alt. Das wir aber natürlich lieber die alten Smasher hören wollen (und damit die Nostalgie), ist jedoch auch klar. Der Plan für den Abend sah wie folgt aus (und wurde zwei Tage vorab via E-Mail bekanntgegeben:
18:00 bike parking open
18:30 doors
19:00 Stars
19:40 break
19:50 Broken Social Scene
20:50 break
21:10 Metric
22:40 end
23:40 bike parking closed
Mein Plan leitet sich daraus ab: gegen 15 Uhr losfahren, um 17 Uhr im Hotel einchecken, um 18 Uhr am de Roma stehen. Es ist mir schon wichtig, die Stars zu sehen. Wichtiger ist es fuer mich aber, erstmals Broken Social Scene live zu sehen und damit eine weitere Konzertlücke zu schließen. Metric sind die drittplatzierten in meinem Ranking, ihre mit den Jahren immer stärkere Ausrichtung hin zum Synthie- und Belanglospop gefällt mir nicht so. Wenngleich Metric die wohl größte der drei Bands an diesem Abend sind und, wie Kevin Drew später erzählt, die anderen beiden Bands zu dieser Tour nach Europa eingeladen haben. Bis auf einige Metric Fans sind alle schon um 19 Uhr da. Klar, wer Broken Social Scene mag, mag auch die Stars. Und umgekehrt.

Set yourself on fire (aus 2004), In our bedroom after the war (aus 2007) und das 2010er Album The five ghosts ist meine Stars Lieblingsmusik. Mit diesen Alben lernte ich die Band kennen, in diesem Zeitraum versuchte ich, alle ihre Konzerte zu sehen, die für mich machbar waren. Mein letztes Stars Konzert muss aus den Jahren 2011, 2012 sein. Seitdem waren die Stars entweder nicht in Europa unterwegs oder ich hatte schlichtweg keine Zeit oder Gelegenheit, die Band zu sehen. Daher freute ich mich sehr, dass es nach all der Zeit nun endlich wieder klappt. Auch wenn ihr Set mit gut 40 Minuten übersichtlich lang ist, stehe ich mehr als vorfreudig am Bühnenrand. „Take me to the riot“, „Your ex-lover is dead“, „Ageless beauty“, diese drei Songs allein hätten mir fast gereicht, um das Stars Konzert zu sehen. Dass sie fünf weitere Songs spielen, umso besser. Eine weitere, drängendere Frage war die, wie gut gelaunt die Band sein wird. Ist es okay, dass sie die geringste Spielzeit und zu früher Stunde sicherlich den geringsten Publikumszuspruch haben, oder wird es sie annerven? Ich konnte das nicht wirklich abschätzen, und aus meiner Erfahrung weiß ich durchaus zu berichten, dass die Qualität eines Stars Konzerts immer davon abhängt, wie Amy Millan und Torquil Campbell sich verstehen. Haben sie auf Tour eine gute Zeit, spürte man das auch auf der Bühne. Haben sie es nicht und sind nur voneinander genervt, dann wird aus dem sympathischen Ansingen, das das Duo wie kein zweites nach Al Bano und Romina Power beherrscht, schnell ein Ich-dreh-dir-den-Rücken-zu Spiel und ist etwas weniger harmonisch.
Doch die ersten Sekunden geben hier direkt Entwarnung. Die beiden verstehen sich prächtig, sind gut gelaunt und haben Spaß. Vor allem Torquil Campbell ist das mehr als anzusehen. So gut und spielfreudig habe ich den Musiker und Schauspieler live noch nie gesehen, glaube ich. Von den ersten Sekunden ist alles klar. Es wird ein hervorragender Abend werden, bereits die Stars transportieren eine enorme Spielfreude in den noch recht leeren Saal. Amy Millan und Torquil Campbell sind sehr präsent, harmonieren im Duettgesang perfekt und sind so einnehmend, dass es mir schwerfällt, meinen Blick auf die anderen Musiker zu lenken. Da hätte ich doch glatt übersehen, dass Andrew Whiteman von der Broken Social Scene die zweite Gitarre zu „Elevation love letter“ spielt. Auch sowas hatte ich mir von diesem Abend erhofft: das Musiker der jeweils anderen Bands vorbeischauen und gemeinsame Sache machen. Schön, dass dies an diesem Abend mehr die Regel als die Ausnahme wird. Ratzfatz sind die 40 Minuten um, „Your ex-lover is dead“ ist der letzte Song der Stars. Ein gutes Ende. Die Stars haben alles gegeben und für viel gute Laune gesorgt. So kann es nach der Umbaupause gerne weitergehen.
Wenn es schlecht läuft, war das mein letztes Stars Konzert. Aber es war trotz der Kürze ein herausragendes Set, so dass mir die Band live in bester Erinnerung bleibt!
Setlist Stars:
01: Hold on when you get love and let go when you give it
02: Build a fire
03: Elevator love letter
04: Take me to the riot
05: Dead Hearts
06: Ageless beauty
07: Trap door
08: Your ex-lover is dead

Broken Social Scene. Die zweite Band, die zweitlängste Spielzeit. Eine Stunde sieht der Timetable vor, also 60 Minuten, die Broken Social Scene Zeit haben, mich mit tollen Indietunes zu begeistern. Und sie schaffen das locker. Broken Social Scene sind sowas wie die Ursuppe der Toronto Indiemusikszene. Seit 1999 sind sie mitverantwortlich für herausragende Talente. Leslie Feist zum Beispiel sang bei Broken Social Scene, und auch Amy Millan und Emily Haines standen mit Kevin Drew und Co. zusammen auf der Bühne, bevor die Stars und Metric groß wurden. Wie passend, dass zwei der drei Sängerinnen vor Ort sind, und bei den jeweiligen Songs aushelfen können. Jill Harris übernimmt die übrigen weiblichen Gesangsparts, wie z. B. bei „Hug of thunder“, das eigentlich Leslie Feist singt.
Doch von Anfang an. Das sehr lange und elegische Instrumentalstück „Cause = Time“ eröffnet ihr Set. Was für ein Kracher, Broken Social Scene haben mich damit direkt. Die Band steht in sehr großer Anzahl von Musikern auf der Bühne – ich zähle 11 Musiker*innen – und holt zum nachfolgenden „7/4 (Shoreline)“ noch mal einen Schwung mehr Musiker*innen dazu. Warum auch nicht, links auf der Bühne ist noch Platz für die Stars Rhythmussektion, die, angeführt vom sehr quirligen Torquil Campbell, jetzt Trompete und andere Blasinstrumente spielt, während Amy Millan die zweite Gesangsstimme gibt und anschließend für nahezu den Rest des Broken Social Scene Auftritts auf der Bühne bleibt. Erst mit Emily Haines, die kurz vor Schluss das viel umjubelte „Anthems for a seventeen year-old girl“ singt, verlässt sie diese wieder. Himmel, ist das erneut gut und überragend mitanzusehen.
Auch wenn die Bands schon ich-weiß-nicht wie viele Monate in dieser Konstellation zusammen unterwegs sind, erwecken sie immer noch den Eindruck einer ersten Nacht auf Klassenfahrt. Alle sind aufgeregt und hibbelig und alles geht irgendwie ein bisschen durcheinander. Torquil Campbell steht da an erster Stelle. Wie oft er bei Broken Social Scene mit und ohne Trompete auf der Bühne aufkreuzt, kann ich nicht nachhalten. Er ist definitiv die Spaßrakete des Abends. ‘I love being on tour with my friends’ ruft er irgendwann in den Saal, und ja, ich glaube es sofort. Die neueren Songs „Praying for your love“ und „The Call“ vom aktuellen Album Remember the Humans passen übrigens gut zu den älteren Sachen. Und dass „Sweetest kill“ immer noch ein Smasher ist und wunderbar klingt, muss ich nicht extra erwähnen, denke ich.
Es ist ein stimmiges Set, das Broken Social Scene abliefern und in der Konstellation mit den Stars Musikern auch ein für mich einzigartiges Konzert. Das hat noch mehr Spaß gemacht als der Stars Auftritt zuvor und in der zweiten Umbaupause stelle ich fest, dass es Zeit für einen Hydration break ist.
Setlist Broken Social Scene:
01: Cause = Time
02: 7/4 (Shoreline)
03: Ibi dreams of pavement (a better day)
04: Paying for your love
05: Hug of thunder
06: Sweetest kill
07: Fire eye’d boy
08: The call
09: Anthems for a seventeen year-old girl
10: KC Accidental
Metric hatte ich im Vorfeld als wahrscheinlich schwächstes der drei Konzerte ausgemacht. So ist in der Umbaupause ein bisschen die Luft raus und mein Spannungsbogen zeigt nach den zwei wirklich hervorragenden und nicht-missen möchtenden Konzerten stark nach unten. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, zu gehen. Ich schaffe es aber nur bis zum Merchstand, wo ich mir ein Broken Social Scene T-Shirt kaufe. Und natürlich bleibe ich, stehe jetzt aber etwas weiter hinten.

Mit Metric wird es synthiepoppig kühler. Auch im Bühnenbild. Das bisher verhüllte und höher positionierte Schlagzeugpodest wird enthüllt und alles andere davor abgebaut. Nichts bleibt von der heimeligen Enge des Broken Social Scene Auftritts, neben Emily Haines stehen nur noch Gitarrist James Shaw und Bassist Joshua Winstead auf der Bühne. Und damit auch nach über 20 Jahren noch die Metric Urbesetzung. Metric sind für mich wirklich die schwächste Band des Abends. Meine Vorahnung bestätigt sich. Ihre Mischung aus Elektro-Synthie-Pop ist nun wirklich nicht mehr meins. Ich habe die Band schon lange aus den Augen verloren, mein letztes Metric Konzert datiert aus dem Jahr 2015. Und das fand ich, wenn ich mich richtig erinnere, schon nicht mehr wirklich gut. Gut ist dagegen „Help me, I’m alive“ und all das, was in die Band in ihrer Fantasies Phase so machte.
Metric sind definitiv die erfolgreichste und größte Band des Abends, allein der Bühnenaufbau stellt das außer Frage. Alles ist bzw. wirkt jetzt eine Spur fetter: Licht, Leinwand, Sound. Gefühlt für den gerinnen Zuschaueranspruch eine Spur zu dick, wie ich finde. Denn hinter den ersten 10-20 Reihen dünnt es sich jetzt im de Roma merklich aus. Unbestritten ist aber, dass sich Metric deswegen nicht hängen lassen. Emily Haines ist ein powerhorse, wie man so sagt, unermüdlich tanzt und springt sie über die Bühne, schiebt ihr Keyboard von einer Position zur anderen und ist eigentlich nur einmal in stillstehender Pose zu erleben, beim Duett mit Amy Millan zum klaustrophobisch wirkenden „Breathing underwater“. Der 19. beste Song des Abends. Zuvor erzählt sie ausgiebig über die langjährige Freundschaft, die die beiden Frauen verbindet, über das Kennenlernen vor vielen Jahren und das gemeinsame ‘erwachsen werden’ im Musikgeschäft. Wenn auch mit ganz unterschiedlichen musikalischen Ansätzen. In diesem Moment, wenn sie zusammen über Scherze lachen, bekommt das Tourmotto All the feelings enorm viel Sinn. Ja, auch hier merkt man die Verbindungen der Musiker*innen untereinander, die engen Beziehungen, die sie miteinander haben. Deswegen kommen sie auch nochmal alle heraus und spielen „Loyal“ gemeinsam. Und sehe ich das richtig, macht Emily Haines gar zum Ende des Sonsg ein Gruppenfoto? Ach ist das großartig. Mit „Black Sheep“, ihrem vielleicht größten Hit, endet anschliessend dieser Abend standesgemäß.
Das war ein toller Abend und mit den vielen Gastauftritten genau so, wie ich es mir insgeheim gewünscht hatte. Ich denke, diese für mich einmalige Livekonstellation wird bleiben und noch lange nachhallen.
Es war schön zu sehen, wie drei Bands, die irgendwie doch ganz unterschiedlich sind, zusammen harmonieren und nach einer mehr als 25-jährigen gemeinsamen Musikreise mit einer gewissen Altersgelassenheit dieses Konzert spielten. Ohne Neid, ohne gegenseitige Starallüren, ohne wir-sind-besser-als-ihr Gehabe. Wie singen doch Black Country, New Road:
Look at what we did together, BC, NR friends forever
Look at what we did together, BC, NR friends forever
Look at what we did together, BC, NR friends forever
Look at what we did together
Kann ich für diesen Abend ruhigen Gewissens auf Metric, die Stars und Broken Social Scene umdichten. Vielleicht war es doch ein Fehler, nicht nach Utrecht weiterzureisen und alle noch einmal live zu sehen.
Setlist Metric:
01: Victim of luck
02: Oh please
03: Youth without youth
04: Monster Hospital
05: Crush forever
06: Antigravity
07: Now or never now
08: Breathing underwater
09: Leave you on a high
10: All comes crashing
11: Tremolo
12: Synthetica
13: Gold Guns Girls
14: Loyal
15: Gimme sympathy
16: Combat baby
Zugabe:
17: Help I’m alive
18: Black sheep
Kontextkonzerte:
Metric – Köln, 23.10.2015 / Kantine
Metric – Köln, 05.05.2009 / Luxor
Stars – Köln, 24.09.2019 / Luxor
Stars – Köln, 20.01.2015 / Luxor
Stars – Brüssel, 16.12.2012 / Botanique
Stars – New York, 24.09.2010 / Terminal 5
Stars – Köln, 09.09.2010 / Luxor
Stars – Köln, 11.02.2008 / Gloria
Stars – Köln, 27.09.2007 / Gebäude 9