Ort: Luxor, Köln
Vorband: Maia and the Squires

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Oder dann doch. Violet Grohl und Band, und so gehört sich das, machen im weitesten Sinn Grunge Musik. Bei dem Papa nicht wenig verwunderlich, wahrscheinlich steht der heimische Plattenschrank voll mit Rock- und Punkplatten aus den 70ern, 80ern und dem besten der 1990er Jahre. Da kann man sich schon mal genüsslich durchhören und Anregungen und Ideen für den eigenen Sound aufschnappen. Und wie man auf dem Debütalbum Be sweet to me des Grohl Sprösslings nachhören kann, hat sie das auch getan. Full of Grunge/Alternative/Rock 90s vibes sind die 12 Songs; aber hey, es gibt schlimmere Vorbilder. Und Violet Grohl gelingt das Zitieren und Hinzufügen sehr gut. Die Sounds sind zwar altbacken, aber sie klingen durchaus modern.
So ist es nicht verwunderlich, dass das Luxor sehr früh relativ voll ist. Ich hatte damit gerechnet, der Name und das sehr gut klingende Debütalbum ziehen. Nicht umsonst wurde das Konzert zeitnah aus dem Artheater ins Luxor hochverlegt. Was ich jedoch nicht unbedingt erwartet hatte, ist das Publikum, das mit mir auf das Konzert wartet. Der Altersschnitt ist höher als gedacht. Auf der Hinfahrt sah ich mich gedanklich umringt von Teenagern und Jugendlichen im Neo-Grunge Stil, die der gleichaltrigen Violet Grohl zujubeln. Gekleidet im Look von Linda Powell, Janet Livermore oder Cliff Poncier. Doch vor Ort bilden sie nicht die Mehrheit. Menschen mittleren Alters umlagern die Bühne und den vorderen Bereich im Luxor. Mh, ich bin irritiert. Mehrmals blicke ich mich um, aber es scheint so, als ob mehr als nur ein paar Foo Fighter / Dave Grohl Fans den Weg ins Luxor gefunden haben. Der Nachname als Bürde. Wer es nicht mitbekommen hat, die junge Violet ist die Tochter des ehemaligen Nirvana-Schlagzeugers und Foo Fighters Dave Grohl.
Aber eigentlich ist das total unwichtig, es geht ja schließlich um die Musik. Und die ist sehr gut hörbar, wie ich finde. Ihr Debütalbum Be sweet to me hat ein paar amtliche Hits und ist eine der wenigen Rockplatten des Jahres, die ich auch zweimal nacheinander durchhören kann. Wie erwähnt, es klingt nach den frühen 90s, nach einer Mischung aus Alice in Chains, Soundgarden, Stone Temple Pilots und Hole. Es ist der getragene Grunge-Rock von Badmotorfinger oder Jar of flies, den Violet Grohl bevorzugt. Langsamere Stücke, schwere Riffs. Die Punkattitüden von Nirvana oder Mudhoney höre ich nicht. Maximal ein nach „Plush“ klingender Gitarrenpart. Mir gefällt Be sweet to me gerade genau deswegen. Ein bisschen Schwermut passt auch besser in die aktuelle Zeit.
Zurück ins Luxor. Es ist wie so oft. Viele kommen früh und sichern rechtzeitig einen guten Platz vor der Buehne. Was im Luxor gar nicht so einfach ist, denn die beiden Boxentürme stehen links und rechts der Bühne angenehm in Kopfhöhe. Da möchte niemand direkt stehen und so bleibt ein natürlich von allen akzeptierter freier Bereich direkt vor den Boxen. Doch kurz vor Konzertbeginn kommen die, die auch noch was sehen wollen und merken, dass das von weiter hinten nicht richtig funktioniert. Also drängeln sie weiter nach vorn, sehen etwas Luft zwischen den wartenden Köpfen und sorgen dafür, dass der Freiraum vor den Boxen durch die Reindrängler unfreiwillig von den länger Wartenden zugeschoben werden muss, wenn man mit den neuen Nachbarn nicht direkt engen Körperkontakt aufnehmen möchte. Sorgt das für etwas Unmut? Ja. Und regt man sich auf, wenn 10 Minuten vor Konzertbeginn der Hauptband plötzlich ein 1,90 m Mann vor einem steht mit der lapidaren Begründung, dass seine drei Köpfe kleinere Freundin ja von hinten nichts sehe? Ja. Kann man sich in solch einer Situation einvernehmlich einigen? Eher schwierig, wenn Unverständnis auf Unverständnis prallt. Nun, jeder ebenso gut wie er kann. Und manche unterperformen dabei enorm. Die erst höfliche, dann leicht angespannt klingende Diskussion nicht weit von mir entfernt sorgt zumindest das gesamte Konzert über hier und da für unterschwelligen Unmut.
Die Vorband Maia and the Squires machen Spaß. Und sie passen musikalisch gut in den Abend. Ähnlich wie Violet Grohl sind sie im Alternative Rock der 1990er Jahre unterwegs. Beheimatet in Berlin sind Maia and the Squires ein multinationaler Haufen. Die Sängerin ist Argentinierin, die Bassistin kommt aus Polen und Gitarrist und Schlagzeuger aus Vietnam und Frankreich. Sinking into the Ocean nennt sich ihre Debüt-EP, und wenn mein Liveeindruck nicht völlig falsch ist, ist sie eine Mischung aus Mazzy Star und Smashing Pumpkins.
In der Umbaupause laufen Hüsker Dü, Fugazi und Jeff Buckley. Der Sound klingt dabei so blechern wie weiland auf meinen Kassettenmixtapes. Aber „Vancouver“ ist gut gealtert, stelle ich fest.
Um 21 Uhr kommen dann Violet Grohl und Band auf die Bühne und bleiben dort für gut 40 Minuten. Be sweet to me nennt sich die Tour, Be sweet to me heißt auch das Debütalbum der jungen Amerikanerin, das vor kurzem erschien. Bis auf „Mobile star“ spielen sie alle weiteren 11 Songs des Albums, plus ein Cover (leider nicht „Divine hammer“ von The Breeders) und einen weiteren Song. Mehr haben sie sicherlich nicht, mehr kann ich also nicht erwarten. Dass es ein kurzer und knackiger Abend werden würde, hatte ich eingeplant. Und wie ist es musikaisch? Der Rolling Stone schreibt zum Konzert tags zuvor in Berlin u. a. folgendes:
Die Songs auf „Be Sweet To Me“ klingen trotzdem nach dem Grunge der 90er-Jahre. Für „Last Day I Loved You“ hat sich Grohl nicht nur den Gitarrenpart bei „Smells Like Teen Spirit“ abgeschaut. „Plastic Couch“ kommt wie ein Mash-up aus „Heart-Shaped Box“ und „Something In The Way“ daher. Durch das mürrisch aufstampfende „Often Others“ mäandert ein psychedelischer Grunge-Vibe. Und „Applefish“ tobt sich genüsslich inmitten der genretypischen Laut-Leise-Dramaturgie und nihilistischen Doktrin aus.
Ich gleiche mal mit meinen Post-Konzert Notizen ab. Zu „595“ notiere ich: hätte 1994 original so auf MTV laufen können, zu „Often others“: Heavy Metal Soundgarden Gitarren, zu „Plastic Couch“: die anfängliche Akustikgitarre klingt wie Silverchair bei MTV unplugged und zu „Applefish“ merkte ich mir: lieblicher Gesang und krachenden Gitarren im laut/leise Wechsel. Allzu weit liege ich mit meinen Eindrücken vom Expertenwissen nicht entfernt.
Das Konzert leidet ein bisschen unter der mäßigen Soundqualität. Der Gesang ist viel zu leise und geht neben dem Schlagzeug und den Gitarren oft komplett unter. Das ist schade, denn so kommt die tolle Gesangsstimme von Violet Grohl kaum zur Geltung. Das Licht ist das Konzert über in diffusen Blau- und Gelbtönen gehalten. Vorne am Mikrofon steht Violet Grohl, und sie steht da nahezu bewegungslos. Die Band erwähnt sie mit keinem Wort, ihre Positionen sind weiter hinten auf der Bühne eingerichtet.
Wie ich den Setlisten vergangener Konzerte entnahm, spielen sie jeden Abend auch ein Cover. An diesem Abend ist es „Sad tomorrow“ von The Muffs. Kenne ich nicht. Das wechseln sie mit „Divine hammer“ von den Breeders, das ich auch sehr gerne gehört hätte. Das war jedoch in Berlin an der Reihe. Schade, aber nicht dramatisch.
Das Konzert ist gut und fluppt angenehm durch. Irgendwie scheint jeder Song live vorzüglich zu funktionieren und irgendwie entsteht bei mir der Eindruck, dass Violet Grohl kein one-album-wonder bleiben wird. Aber warten wir mal ab. Gerade das Wildern in alten Musikgefilden ist ja sehr trendabhängig. Wenn jedoch alsbald ein Remake von Singles erscheint und Violet Grohl zum Soundtrack beiträgt, läuft die Sache definitiv. Falls nicht, hat sie aber auch ganz gute Karten. Wir werden noch von ihr hören.
„Be sweet to me“ ist somit in erster Linie eine gelungene Ode an eine Nostalgie, die ihre Urheberin nie am eigenen Leib erfahren hat – und trotz kleinerer Monita das bislang grungigste Grunge-Album 2026.
Plattentests.de
Setlist:
01: Stimulant breakfast
02: Cool Buzz
03: THUM
04: Last day I loved you
05: Big memory
06: Bug in the cake
07: Pool of my dreams
08: Sad tomorrow
09: Applefish
10: Sun is blind
11: 595
12: Often others
13: Plastic couch
Kontextkonzerte:
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