Ort: Palladium, Köln
Vorband: Westside Cowboy

Geese - Köln, 18.03.2026

Kurz vor Ende spielen Geese das irre und vertrackte „Long Island City here I come“. Dazu entschwindet Cameron Winter aus meinem Blickfeld, das Klavier (ich vermute, es ist eins), an dem er nun sitzt, steht für mich im toten Winkel. In diesem Moment muss ich kurz daran zurückdenken, dass der Sänger vor einiger Zeit ein Soloalbum mit dem irreführenden Namen Heavy Metal (es ist nicht immer drin, was draufsteht) veröffentlicht hat und damit im letzten Winter auf Kurztour in Europa war. Dummerweise hatte ich mich zu spät entschlossen, ein Ticket fuer sein Utrechter Konzert zu kaufen. Das Wetter, die Anreise, das Datum, es gab einige Abwägungsgründe. Im Nachhinein hat es mich dann sehr geärgert, dass ich so viel und zu lange überlegt habe. Sogar noch mehr, als die blöden Umstände dieses Konzertes.

Geese wurden irgendwann im letzten Sommer groß. Cameron Winter, Emily Green, Dominic DiGesu und Schlagzeuger Max Bassin veröffentlichten ihr drittes Album Getting killed und standen auf einmal auf allen Bestsellerlisten ganz weit oben. Auf einmal waren sie die neuen Darlings des Rock, die  – ich glaube vom Rolling Stone so genannte – erste große Rockband der Gen-Z.

Alle elf Stücke sind ziemlich großartig’

schreibt der Rolling Stone weiter. Nun ja, ich kenne das Album nicht, ich muss das für mich nachprüfen. Den Vorgänger 3D Country habe ich zuhause, auf den ersten Hördurchgang kam es mir sehr sperrig und anstrengend vor, daher habe ich die Platte erstmal beiseitegelegt und seitdem nicht mehr gehört. Songs wie „Undoer“ oder „Gravity blues“ sind zwar irgendwann toll, aber für eine Hörprobe am Samstagvormittag eine zu schwere Kost. Womit ich wahrscheinlich so ziemlich der einzige bin. Denn der Hype um die Band ist enorm. Zweimal wurde das Kölner Konzert hochverlegt (aus der Kantine ins E-Werk, aus dem E-Werk ins Palladium) und letzte Woche wurde gar ein weiteres Geese Konzert angekündigt. Im Sommer spielen sie einen Gig am Tanzbrunnen. Überhaupt ist die gesamte Geese Europatour ausverkauft; allerdings fanden nur in Deutschland Venue Upgrades statt. Nun ja, Geld verdienen schadet nicht, und so ist das Palladium Konzert das größte Konzert auf der aktuellen Tour. (Interessant und unfair übrigens, dass nicht nur die Hallengröße, sondern auch der Ticketpreis mit dem Venue Upgrade gestiegen ist.)
Ich hatte mich bereits für das Kantine Konzert interessiert und finde mich also nun im x-fach größeren Palladium wieder. Fand’ ich nicht so dolle. Auch nicht dolle fand ich den am Konzerttag stattfindenden KVB Streik. In die Schanzenstrasse im Köln-Mülheimer Norden gelangt man bequem nur mit den Kölner Straßenbahnen, wenn man das Auto nicht nutzen will. Und das Auto wollte ich eigentlich nicht nutzen, nun wurde ich doch dazu gezwungen. Beide Dinge zusammen erzeugten bereits am Vortag eine große Unlust auf das Konzert. Aber es nützt ja nix, ich hatte ein Ticket und natürlich wollte ich mir den Geese Hype auch gerne live ansehen. Und endlich mal ein paar Songs von Getting killed hören. Aufgrund des Streiks war die Anreise etwas nervig. Immerhin ersparte ich mir so das Schlangestehen vor dem Palladium. Als ich gegen viertel nach sieben ankomme, ist es vor dem Venue überschaubar voll. Drinnen dagegen nicht: auf der Galerie und vor der Bühne ist schon ordentlich Betrieb.
Als ich so rumstehe und es um mich herum immer voller wird, muss ich an ein Konzert einer anderen New Yorker Band denken, die vor 25 Jahren oder so einen ähnlichen Hype in Sachen Rockmusik ausgelöst hat: The Strokes. Was war das damals für eine Aufruhr, als sie ein Konzert drüben im E-Werk angekündigten, und was war das damals voll. The Strokes wurden seinerzeit mit ihrem Debütalbum Is this it als Hoffnung des Rock’n’Roll ohne Ende abgefeiert. Ich sehe da eine Parallele. Und ich höre sie auch in dem ein oder anderen Geese Song.

Doch zuerst die Westside Cowboys. Eine blutjunge Band aus Manchester, die unter großem Applaus auf der Bühne empfangen wird. 2 EPs und eine Handvoll Singles haben die vier Westside Cowboys bisher veröffentlicht. Sie klingen nach sehr schönem Indiepoprock. Jeder Song wird umjubelt, wie ich es lange nicht mehr bei einer Vorband gehört habe. Ihre Indiegitarren sind aber auch ganz nett anzuhören. Natürlich ist das nicht neu, aber sowas höre ich immer gerne. Und alle anderen um mich herum scheinbar auch. Zumindest wird vor mir heftig getanzt und ab und an die Faust in die Luft gereckt. Gerade kommt noch jemand in die ersten reihen gehetzt. Jetzt ist es noch voller und endlich erlebe ich wieder ein Konzert mit ungewolltem Körperkontakt. Das Publikum ist jung. Himmel, wann ich war ich das letzte Mal auf einem twenty-something-Rockkonzert? Ach ja, bei Turnstile. Das war ähnlich euphorisch. Es scheint, als ob die Gen-Z jede Sekunde und jeden Augenblick aufsaugt. Westside Cowboy bekommen das zu spüren. Also im positiven Sinn. Nach einer knappen halben Stunde ist ihr Auftritt vorbei, nicht wenige im Saal hätten sich noch ein paar Songs mehr gewünscht. Ich bin gespannt, ob die Mancunians den Weg aus der Indiedisco herausfinden. Es gibt halt so viele von diesen Indiepoprock Bands.

Umbaupause. Zeit für einen Blick in den Saal. Wie viele Leute kann man eigentlich in das Palladium stopfen? Ich stehe am Rand, dort wo das Gitter nach hinten wegknickt in Richtung Theke. Einen vollen Blick auf die Bühne habe ich nicht. Wenn sich später Cameron Winter ans Klavier setzt, um „Long Island City here I come“ zu spielen, sehe ich ihn nicht. Aber ich stehe ziemlich weit vorne, was gut ist. Um mich herum erblicke ich zwei Väter, die mit ihren Söhnen da sind. Ich stehe also in der Dad Ecke, gemeinsam heben wir den Altersdurchschnitt um mehrere Prozentpunkte. Hinter mir tummeln sich ein paar britische Kids. Wie ich direkt nach Konzertbeginn feststellen muss, sind sie leider sehr textsicher. Sie kennen jede Zeile von jedem Song. Ich bin Ohrenzeuge für nahezu die gesamte Konzertlänge.

Dann Jubel, dann Geese. In den ersten Minuten bin ich hin und weg. „Husband“ und „Getting killed“ klingen so verdammt nach den Strokes und der Gesang Cameron Winters so verdammt nach Julian Casablancas, dass ich völlig baff bin. Ich spüre sogar einen Hauch der Stroke’schen typischen New York Arroganz. Die Blaupause passt. Zumindest in diesen Augenblicken.

Im Laufe des Konzertes entfernen sich Geese etwas davon, weil sie eben nicht nur verschleppte Gitarren, einen nöligen Gesang und Indierocknummern haben. manchmal klingen die Gitarren nach Bluesrock und der John Spencer Blues Explosion, manchmal nach Noise oder Krautrock. Ein Song klingt stark nach Pavement, einer eröffnet wie dieser Pixies (?) Song mit der Textzeile ‘when i look in the mirror’. Ich überlege anschließend das halbe Konzert lang, wie der Song heißt und von wem er ist. Ich kann mir einfach keine Songtitel merken.
Musikalisch ist es halt die übliche Gemengelage. Die Älteren wissen Bescheid. Und sicherlich könnte ich noch sieben weitere Referenzen aufzählen, die mir während des Konzerts in den Sinn kommen. Ich weiß zwar nicht wie und warum, aber Geese machen das gut. Richtig gut. Und alle fressen ihnen aus der Hand. Selbst als es im Mittelteil etwas schleppender zugeht und das Konzert kurzzeitig eine Länge aufweist, bricht die Stimmung nicht weg. „Au pays du cocaine“ und „Bow down“ zünden nicht so, was vielleicht auch daran liegt, dass Geese die Songs live anders spielen als auf Platte. Sie sind länger und wirken – zumindest mein Eindruck – vertrackter. Das war vorher bei „2122“ auch schon so. Doch das anschließende „Taxes“ reißt es schnell wieder raus. Ein schöner, sich entwickelnder Indierocksong. Das Gehüpfe in der Mitte des Saals und um mich herum wird wieder stärker. Zum Abschluss folgt mit „Apollo“ ein neuer Song, der wiederum krautrockartig mäandert.

Eine Zugabe gibt’s. „Trinidad“, ihren vielleicht im Internet bekanntesten Song.

There’s a bomb in my car (There’s a bomb in my car)
There’s a bomb in my car (There’s a bomb in my car)
There’s a bomb in my car (There’s a bomb in my car)

The Strokes waren damals die Zukunft des Rocks, Geese sind es 2026 wohl eher nicht. Aber the hype is very real und ein Geese Konzert immer einen Besuch wert. Auf ein Neues im Sommer.

Setlist:
01: Husbands
02: Getting killed
03: Islands of Men
04: Here my angels come
05: 2122
06: I see myself
07: 100 horses
08: Cobra
09: Bow down
10: Au pays du cocaine
11: Taxes
12: Long Island City here I come
13: Apollo
Zugabe:
14: Trinidad

Kontextkonzerte:

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