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Ort: Kulturzentrum Alter Schlachthof, Eupen
Vorband: Kissing Gourami

Konzerte in der Provinz. Wenn man wie ich auf dem Land aufgewachsen ist, ist man von klein an das hin und her fahren gewöhnt. Früher erst mit dem Fahrrad eine halbe Stunde in die Stadt zu den Schulkollegen, später dann nachts um zwei Uhr durch Felder und Wälder von merkwürdigen Bauernfeten zurück nach Hause. Noch später dann war das Auto der Eltern ein Segen.
So empfinde ich es heutzutage nicht als ungewöhnlich, mit dem Auto in andere Städte zu Konzerten zu fahren. Auch wenn es mich – ehrlich gesagt – manchmal annervt. Aber wenn die Kultur nicht zu mir kommt, muss ich eben zur Kultur. Konzertgänger in Brüssel, Paris oder Berlin mögen verwundert schmunzeln. Klar, sie haben die Klubs näher an der eigenen Haustür, aber der Vorteil, den ich habe ist, dass ich so zwangsläufig und nebenbei andere Städte und Konzertkulturen kennenlerne. Ich muss nicht immer an die gleichen Orte und in die gleichen Klubs. Wer Positives sucht, findet auch was.

In Eupen zum Beispiel hatte ich zuvor noch nie ein Konzert besucht, in Maastricht (tags zuvor) war ich dagegen schon das ein oder andere Mal. Und so kam es, dass ich an diesem Wochenende erst in den Niederlanden und dann in Belgien ein Konzert besuchte. Und alles ohne Grenzkontrollen, aber mit Frietjes! Wunderbar, dieses Europa. (Frag mal einen Berliner, wie das beim ihm so aussieht. Er pendelt wahrscheinlich zwischen Kreuzberg und Kreuzberg.)

Nachdem 20 Stunden zuvor bereits kurz in Belgien (Irrfahrt durch Maastricht) war, bin ich es an diesem Abend länger. Eupen liegt 20 km von Aachen entfernt, von mir aus gesehen auf der anderen Seite des hohen Venn. Warum gerade in Eupen ein Kulturzentrum mit einem derartigen Programm seinen Betrieb aufgenommen hat (man beachte: u. a. Girls in Hawaii spielen hier in ein paar Wochen), finde ich ein spannendes Projekt. Und ein schön obendrein. Damit hat der Aachener, der selbst keine Musikklubinfrastruktur in der eigenen Stadt hat, nun zwei Ausweichmöglichkeiten. Neben dem Nieuwe Nor in Heerlen nun auch den Alten Schlachthof in Eupen.

Zurück nach Eupen. Der Alte Schlachthof in Eupen scheint ein relativ neues Kulturzentrum zu sein. Alles wirkt neu und riecht unverbraucht. Vom hellgrauen Betonboden könnte man essen, so sauber ist es. In dem ehemaligen Industriekomplex gibt es zwei Hallen / Bühnen. Spain spielen in einem kleinen Saal, der aufgrund seiner vielen Niveauunterschiede von überall aus beste Sicht auf die Bühne bietet. Die Akustik ist top, Bar und Garderobe befinden sich im Foyer vor dem Saal. In dem Gebäudekomplex gibt es noch ein mit Café und Sitzmöglichkeiten drinnen wie draußen. Der Alte Schlachthof macht einen enorm einladenden Eindruck auf mich.
Größentechnisch ist der kleine Saal meiner laienhaften Schätzung nach für vielleicht 300 Personen ausgelegt. An diesem Abend besuchen 30 Leute den alten Schlachthof. Ein perfekter Ort für eine Band wie Spain. Ich bin begeistert von diesem Ort und hoffe ich, dass hier noch ein paar tolle und interessante Bands auftreten. Ich möchte hier unbedingt wieder hin.

‘Happy thanksgiving.‘
Etwas obskur begrüßt uns Josh Haden, Bassist und Bandvorstand von Spain. Neben ihm auf der Bühne stehen seine Schwester Petra Haden, Gitarrist Kenny Lyon (spielte auch mal bei den Lemonheads und NOFX), Keyboarder Shon Sullivan (tourte auch mit Elliott Smith, den Eels und den Rentals) sowie der Schlagzeuger Danny Frankel. Es ist eine kleine 1990er Indie/ Alternative All Star Band, die in Eupen gastiert. Die Bandzusammensetzung und die Vorgeschichte der Musiker kannte ich zu Konzertbeginn nicht, ich habe diese Dinge alle erst im Nachhinein gelesen.

Die neunziger Jahre sind auch die Hochzeit von Spain. The Blue Moods of Spain, das Debüt aus dem Jahr 1995, ist ein Knaller und beeinflusste maßgeblich das seinerzeit kleine große Genre des Slowcore um Bands wie Idaho, Swell, Smog, Red House Painters und Slint. Ihren größten Hit hatten Spain vier Jahre später. „Every time I try“ vom 1999er Album She haunts my Dreams kennt eigentlich fast jeder. Also sollte eigentlich jeder kennen.

Von alle den melancholischen Slowcore Bands der 1990er waren Spain eine der einfallsreichsten: eine unbefangene, vom Blues gekitzelte Gruppe aus LA, angeführt von Josh Haden (Sohn des Jazz-Bassisten Charlie Haden), die regelmäßig nach Spiritualized gekreuzt mit einem coolen Jazzquartett klingen. Hadens ruhiges Sezieren der eigenen Zweifel und Schuldgefühle ist beunruhigend, ähnlich des heimlichen Lauschens einer intimen Konversation… eine herzlich weit unterschätzte Band. (Uncut)

The Blue Moods of Spain ist an diesem Abend mit drei Songs vertreten. „Ray of light“, „Untitled #1“ und „Ten nights“ zeigen, wie toll Spain vor 20 Jahren klangen.
Aber die Band schwelgt nicht nur in Erinnerungen. 2018 sieht das mittlerweile 12. Album von Spain. Großartig klingt die Band immer noch, auf Mandala Brush ist das gut nachzuhören.
Auch live ist Spain eine höchstinteressante Angelegenheit. Der Abend beginnt mit 20 Minuten „God is love“ von besagtem Mandala Brush. Der eh schon längere Song wird auf der Bühne nochmals ausgedehnt und ich frage mich, ob das jetzt den ganzen Abend so weitergeht, denn nach hinten raus wird wild improvisiert. Josh Haden, am Bühnenrand sitzend, zupft verträumt minutenlang eine Basslinie, bevor er eine geöffnete Bierflasche als Blasinstrument umfunktioniert. Shon Sullivan tut es ihm Sekunden später gleich und aus dem Hintergrund frohlockt Kenny Lyon. ‘Oh, i like that!‘ Dann holt er die Automatica hervor, sucht nach dem passenden Einsatz und spielt mit. Einzig Danny Frankel bleibt unbeeindruckt von der vor ihm ablaufenden Szenerie und macht das, was man mit einer Flasche normalerweise macht: er gönnt sich einen Schluck aus der Pulle.
Nach einer kurzen Durchschnaufpause wird meine Frage von Kenny Lyon beantwortet: ‘Any requests?‘ fragt der Gitarrist ins Publikum, das gemütlich auf den Stufen sitzt. Auf Zuruf spielen sie „Lorelei“, nachdem der Gitarrist wohlwollend seine Zustimmung gab: ‘Oh, that’s a good one‘. Okay, so mein Rückschluss, der Abend wird kein reines Free Jazz Improvisationskonzert. Wurde er auch nicht. Nur noch einmal driftete die Band ein bisschen vom ursprünglichen Plot eines Songs ab („Ray of light“), das war es dann mit der Improvisation.
Spain spielen noch ein paar alte Sachen („Ten nights“, „Untitled #1“) und das ein oder andere neue Stück (u. a. „Tangerine“). Am meisten freue ich mich über „Every time I try“. Darauf hatte ich gehofft und es ist das i-Tüpfelchen auf diesen perfekten Ausflug. Anderthalb Stunden Konzert vergingen wie im Flug. Es war toll! Oder wie Josh Haden am Ende des Konzertes ausrief: ‘SPAIN! SPAIN! SPAIN!’

Setlist:
01: God is love
02: Lorelei
03: ?
04: Every time I try
05: Ten nights
06: ?
07: Tangerine
08: Ray of light
09: Battle of
10: Untitled #1
11: ?

Kontextkonzerte:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."