Ort: Gebäude 9, Köln

Espen and the witch - Köln, 13.2.2011

Ich hatte Zeit. Der Download der Windows 7 Professional Version von Microsofts MSDNAA Seite dauert prognostizierte zwei Stunden. Im Rahmen meines just begonnenen Fernstudiums bin ich gezwungen, auf diese Betriebssystemsoftware umzustellen. Na, wenigstens werden die Bits und Bytes kostenlos zur Verfügung gestellt, auf den heimischen Personal Computer müssen sie trotzdem.
Also was tun? Der Rechner war an, die Internetverbindung stand, da könnte ich mich doch ein wenig mit dem abendlichen Konzert bzw. der Band, dessen Konzert ich besuchen wollte, beschäftigen.
Esben and the witch, so ihr Name; Heimatort: Brighton (by the sea). Die BBC hat sie in die TOP 10 ihrer Rubrik „Sound of 2011“ gewählt, was per se keine schlechte Referenz ist, wie ich finde.
Das Debütalbum „Violet cries“ der beiden Gitarristen Thomas Fisher und Daniel Copeman sowie Sängerin und Trommlerin Rachel Davies erschien vor einigen Tagen, die Single „Marching song“, mein Aufhänger für diesen Konzertbesuch, im Oktober des letzten Jahres.
Der „Marching song“ ist toll. Ein wirklich großen Song und wer sich das dazugehörige Video anschaut, wird direkt Fan. So wie ich. Das Video erklärt mir dann auch sofort, warum 1live am sonntäglichen Nachmittag die Band mit nightmare-pop umschrieben hat. Es ist gruselig, der Sound düster und geheimnsivoll.
Ihre Homepage sieht verkünstelt aus. Schwarz-weiß Fotografien in verwischter Optik wechseln sich mit alten Darstellungen von Zahnreihen, Muskelgruppen und obskuren Fotos. Beeinflusst von Hieronymus Bosch. …and you will know us by the trail of dead lassen grüßen.Bisher ist der ganz große Hype um Esben and the witch (noch) ausgeblieben, was vielleicht auch daran liegen mag, dass auf ihrem Album, das man sich auf ihrer Homepage noch im Stream anhören kann, der ein oder andere Hit zu wenig enthalten ist. So widerfährt den dreien noch nicht das gleiche Schicksal (oder Glück), wie es zum Beispiel den XX’en oder Delphic zu Teil wurde. Ganz so hoch wie deren Debütalben wurde „Violet cries“ nicht gehoben. Zu Recht, wie ich finde.
Wie geschrieben, die Bits und Bytes dröppeln gemächlich auf meine Festplatte und ich verplempere die Zeit und Suche nach Erklärungen für diesen interessanten Bandnamen. Espen and the witch, wer denkt sich nur sowas aus? Eine Antwort erhalte ich beim schweizerischen Musikblog 78s. Dort steht:

Als Vorlage für den Band-Namen diente ein dänisches Märchen: Ein Vater spendiert elf seiner Söhne Geld, Gaul und Segen für die Suche nach dem Schicksal, nur Esben, der Jüngste, kriegt nichts ab. Drum schnitzt dieser sich kurzerhand ein eigenes Pferd und zieht mit den Brüdern los in Richtung große weite Welt – und landet im dichten Gebäum direkt in den Armen einer fiesen Hexe und am Hofe des Königs in den Fängen eines böswilligen Adligen. Gleich einige Male muss er mit Mut und spitzbübischer List die Hintern seiner Brüder retten, bevor ihm Vater und König verdienten Dank und Ehr erweisen. Eine ausführlichere Version kann auf ihren MySpace Seiten nachgelesen werden.

Im Hintergrund läuft dabei wie ganz selbstverständlich der Albumstream und auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob es ein guter Abend wird.
Die Melodien klingen sehr dunkel und bleiern, darüber liegt Rachel Davies an Mazzy Star oder Miranda Sex Garden erinnernde Gesangparts. Das kommt sehr gothesk rüber, der Opener „Argyria“ lässt mich gar ratlos zurück.
Live macht Rachel alles richtig. Mit überkreuzten Beinen und leicht gesenktem Kopf steht sie abends auf der Bühne des Gebäudes 9 und singt ihre Textpassagen. Eingerahmt von ihren beiden Bandkollegen Thomas Fisher zur linken und Daniel Copeman zur rechten Seite.
Das Konzert gleicht mehr einer Performance denn einem Konzert. Die Show ist stimmig, passt perfekt zur Musik. Die knappen 40 Minuten ist die Bühne in dunkles blaues und ab und an mattes rotes Licht gehalten. Sämtliche Hobby- und Profifotografen um mich herum verzweifeln. Einzig zwei weiß leuchtende Laternen am hinteren Bühnenrand geben ein permanentes, dunkelweißes Licht ab. Ansonsten herrscht Dunkelheit.
Ein Schlagzeug gibt es nicht, drei Mikrofone, eine Trommel, ein Keyboard und dazu drei Gitarren ergeben den Esben and the witch Sound.
Der ist anders als auf dem Album. Dröhnender, wuchtiger, schmerzender. Wer sagt solchen Bands eigentlich immer, dass es live unheimlich toll ist, wenn man keine klaren Soundstrukturen mehr wahrnimmt, und alles unter dem Mantel des Dröhnens verschwinden soll. Der klare, zarte Gesang Rachels kommt zeitweise kaum durch.
Das ist grundsätzlich nicht schlimm, allerdings führt dieser trockene, laut wummernde Basston, der im finalen Song „Eumenides“ besonders ausgereizt wurde, bei mir immer zu körperlichen Schmerzen. Es zieht dann leicht und kribbelt unangenehm an die Nervenenden unterhalb meines überkronten Backenzahns. Gefühlte Musik.
Also, Dröhnen war die eine Livekomponente, unverstärktes Gitarrenspiel eine zweite. Wie bizarr die Situation: Lärm überall und trotzdem hörten wir zart und leise die Gitarrensaiten Von Daniel Copemans Gitarre. Dass dies kein Versehen war, er hatte keineswegs vergessen, die Schalter umzulegen, wurde uns klar, als wir die unverstärkte Gitarre wiederholt in unterschiedlichen Songs hören konnten. Dieser Effekt war so gewollt, wahrscheinlich wollte er nur nicht aus dem Rhythmus kommen und punktgenau die wenigen Sekunden der Verstärkung in den Songs nicht versauen.
Zwischendurch erinnerte mich das Esben and the witch Konzert an Mono, was aber auch nur an den langen Haaren der beiden direkt in meiner Nähe stehenden Musiker lag. Klanglich haben sie, außer in ihren lauten Momenten, nichts mit der japanischen Band gemein. Ah, vielleicht doch die Dramatik in ihren Songs, ich bin mir aber nicht sicher.
Auch die Shoegazeverbindung greift nur bedingt. My bloody Valentine haben mir zwar das lauteste Konzert bisher gegeben, aber Esben and the witch sind schon mehr als nur Gitarren.
Live sind sie eine Mischung aus heftigen Evanescence, lauten Siouxie and the Banshees und cooleren Health. Ach quatsch, alles Unsinn, Esben and the witch sind Esben and the witch.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Mono – Dortmund, 23.03.2010
The xx – Köln, 15.10.2009
The xx – Köln, 26.08.2010

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. EsBen, nicht zu verwechseln mit AsPen 😉

    freue mich aber auf das Konzert in Münster, die Platte ist nämlich verdammt

    1. Oh Gott natürlich. Da war ich wohl in gedanken beim Schifahren 😉 !
      Vielen Dank Matthias! Du darfst dich zurecht freuen…

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