Car Seat Headrest – Köln, 16.03.2017


Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband: TRAAMS
‘You are listening to Caaar Seeeeat Headreeeesttttt‘. Eine quiekende Mädchenstimme läutet das aktuelle Album der Amerikaner ein, bevor mit “Fill the blanket” – übrigens der beste Pavement Song, der nicht von Pavement stammt – der erste Kracher aus den Löchern gekrochen kommt. Ich höre diese Sequenz sehr oft sehr genau. Mindestens einmal die Woche, wenn ich für meine Laufrunde Teens of denial als Soundtrack auswähle, ist „Fill in the blanket“ mit beschriebenem Intro der Startschuss, der mich über die ersten Meter schweben lässt.

‘You are listening to Car Seat Headrest‘. Das mache ich nicht nur oft, ich mache es auch sehr gerne, seit ich die Band vor einem Jahr live auf dem Primavera Sound erstmals erleben durfte. Ich erinnere mich, wie die vier Teenager mit der großen Bühne überhaupt nichts anfangen konnten und unscheinbar bis nahezu geisterhaft hinter ihren Mikrofonen klebten. Die Schönheit ihrer Indiesongs verlor sich ein bisschen im leeren Bühnenambiente, aber 4000 Leute vor der Bühne feierten Car Seat Headrest dermaßen, dass es nicht schwer war vorherzusehen, dass hier musikalisch vieles richtig gemacht wird.

‘Heute Abend im Gebäude 9, Car Seat Headrest. Die machen eine Mischung aus Folk und Indie.‘ Ich musste schmunzeln, als der 1live Moderator das Konzert in den  morgendlichen Veranstaltungstipps für den Abend ankündigte. Folk. Aha. 1live hat keinen Plan und scheinbar hören alle 1live Moderatoren nur noch die vom radiosenderübertrieben gehypten The xx. ‘Folk trifft es doch noch wirklich‘, denke ich, und weiter ‘ob man mit einer solchen Ankündigung überhaupt Leute ins Gebäude 9 lockt.‘ Irgendwie rechnete ich nicht mit einemvollen Gebäude 9, bis mich nachmittags zwei Meldungen aufschreckten:
Keine Abendkasse mehr und Beginn Cars Seat Headrest um 21.30 Uhr.

Oh ha, dann könnte es spät und doch voll werden. Der gemeine Indiegänger weiß also, was er in dieser Zeit live sehen muss. Sehr gut!
Pünktlich um kurz nach neun Uhr war ich am Gebäude und hörte die letzten Klänge der Vorband TRAAMS. Da schien ich was verpasst zu haben, die zweieinhalb Songs waren krachig & indiepoppig. Musikalisch passte das gut in den Abend. Kurz nach halb zehn kamen Car Seat Headrest auf die Bühne. Erst der Schlagzeuger und unter sanften Trommelschlägen, die sanft in „Vincent“ übergingen, die Gitarrenabteilung der Band. Toll, gleich zu Beginn hauen sie nach und nach „Fill in the blank“ und „Destroyed by Hippie power“ raus. Damit war der Anfang grandios ausgelegt.

Bühnen wie die des Gebäude 9 sind der natürliche Lebensraum der Car Seat Headrest. Das hier wirkt so viel spannender, so viel energiereicher als auf dem Primavera. Der Industriecharme und vor allem die Enge brachten einen zusätzlichen Konzertkick. Nicht, dass es das benötigt hätte, die Stimmung wäre auch ohne das sicher überragend gut, aber so passte das alles perfekt zusammen.

Die Meute war enorm textsicher. So wie vielen hier erging es mir in den 1990er Jahren mit Pavement. Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Musikalisch und generationentechnisch. Damals gaben mir Stephen Malkmus Geschichten über die Stone Temple Pilots und Smashing Pumpkins Konzerte, heute jauchzt der Mitzwaniger über Will Toledos Lebensbeobachtungen. Texte von und für junge Menschen Mitte zwanzig. Manchmal banal, manchmal wirr. Ähnlich wie bei Pavement. Ich wage die These, solch‘ eine Musik kann besser fernab der Großstadt entstehen. Das trifft bei Pavement zu, das passt auch auf Car Seat Headrest. Die kommen Leesburg, Virginia. Da war ich schon mal. Es gibt dort ein tolles Outlet. Sonst nur wenig bis nichts.
Schnell tanzt und hüpft die Menge, ich hüpfe innerlich mit. Es ist ein wahnsinnig gutes Konzert, und es kam mir vor, dass viele sehr lange auf diesen Abend gewartet haben. Logisch, die Band ist zum ersten Mal in der Stadt, da kann man schon mal auf einen Abend hin fiebern.
Es bleibt kaum Zeit durchzuatmen. Erst nach den furiosen ersten 20 Minuten wurde es ruhiger. Sie covern die Pixies („Motorway to Roswell“) und spielen ein paar weniger poppige ältere Sachen. Ich schaue kurz nach lins zur Seite. Die Mittvierziger neben mir haben ein breites Grinsen im Gesicht. Ob sie gerade auch an Weezer denken müssen? Mein Blick geht zurück zu Will Toledo. Im Anzug und mit Riesenpony, der weit über die Brille hängt erinnert er mich sehr an den jungen Cuomo Rivers. Musikalisch ist die Verbindung eh geknüpft.

„Drunk drivers / Killer whales“ bereitet das Finale vor. ‘Drunk drivers, drunk drivers‘, das Gebäude 9 mimt den Backgroundchor. Es kocht, es brodelt. „1937 State Park“ , „Famos prophets“. Diese Slackergitarren möchte nicht nur  ich endlos aufsaugen. Sie spielen noch „Unforgiving girl“ und ich muss auch langsam sehen, dass ich den Zug nicht verpasse.

Car Seat Headrest haben gnadenlos überzeugt.

Kontextkonzerte:
Car Seat Headrest – Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2016

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