Ort: Botanique, Brüssel
Vorband: Bleary Eyed

‘Wir spielen keine Zugabe.’ Die letzten zwei Songs fordern meine Stimmbänder so sehr, dass ich danach nicht mehr singen kann.’ Ein schlüssiges Argument, das die Wednesday Sängerin Karly Hartzman hier vorbringt. Sehr glaubhaft wird es dann, wenn man die letzten zwei Songs gehört hat. Der Schrei-Faktor in den Songs ist enorm hoch, und das nicht nur im Vergleich zu den zuvor gespielten eher indierockpoppigen Songs. Fugazi lassen grüßen, sag’ ich mal.
Wednesday an einem Donnerstag. Okay, ein schlechter Kalauer. Die Band hat mit Bleeds eines meiner Lieblingsalben 2025 veröffentlicht und ist aktuell eine der interessantesten Bands überhaupt, wenn ich der Fachpresse glauben darf. Also beste Voraussetzungen für einen Konzertbesuch. Früher hätte man fuer so ein Konzert ‘nur’ nach Köln fahren müssen, seit einigen Jahren ist das jedoch leider anders: viele Bands, ob bereits etabliert oder aufstrebend, machen einen Bogen um die ehemals wichtige Musikbusinessstadt Köln. Die einstige Tourachse Paris-Brüssel/Amsterdam-Köln ist nicht mehr Normalität. Und kommt der Prophet nicht zum Berg, muss…(oder so ähnlich). Also Brüssel. Also die Botanique. Ein Konzertort, der – nebenbei bemerkt – allen heimischen Konzertorte hinsichtlich Besucherfreundlichkeit und Wohlfühlfaktor himmelweit überlegen ist.
Zugegeben, ich entdeckte die Band erst so richtig im letzten Jahr und mit ihrem phänomenalen Album Bleeds entdeckt. Zwei Jahre zuvor verpasste ich ihren Auftritt beim Primavera Sound Festival noch bewusst. Allerdings hat sich mein musikalischer Fokus in den letzten drei Jahren geweitet, mit Waxahatchees Tiger blood Album und mit MJ Lendermans Manning Fireworks wuchs mein Interesse an Alternative Country und Indiefolkrock. Ich entdeckte Bands wie This is Lorelei und freute mich, als ich las, dass Katie Crutchfield in der Band Snocabs mit MJ Lenderman gemeinsame Sache macht. Dass die beiden gut zusammenpassen, sah ich schon beim letztjährigen Primavera Sound Festival, als sie während des Waxahatchee Konzerts zwei Songs gemeinsam sangen.
Wednesday sind auch Teil dieser Clique, die irgendwie alle eine Gemeinsamkeit haben: MJ Lenderman. Er scheint der Klebstoff der neu erstarkten Alternative Country Szene, singt ab und an bei This is Lorelei, spielt Gitarre bei Wednesday und kollaboriert mit gefühlt jedem, der in dieser Szene Musik macht. Kurz hatte ich den Gedanken, dass ich ihn dann auch als Teil der Wednesday Band sehen werde, las dann aber relativ schnell, dass er sich vom Touren mit der Band aus Zeitgründen verabschiedet hat. Allerdings ist er wohl nach wie vor noch Teil der Band. Genau weiß ich das aber nicht. Bleeds beinhaltet ein paar wunderbare Songperlen. Die tolle Countryballade „Gary’s II“ zum Beispiel oder das sich langsam aufbauende Rockding „Reality TV argument bleeds“ oder die Indiepopnummer „Townies“. Wednesday können gefühlt alles, und machen dabei nahezu alles richtig. Nicht ohne Grund landete das Album in vielen Jahresbestenlisten und machte Wednesday zu einer der heißesten Bands 2025.
Dem Konzert habe ich seit langer Zeit entgegengefiebert und ich war froh, mir zeitnah nach Terminankündigung ein Ticket zugelegt zu haben, denn natürlich ist die Botanique seit Wochen ausverkauft. Etwas verwundert las ich tags zuvor in der Infomail, dass der Konzertbeginn bereits um 19.30 Uhr sei und Wednesday eine Stunde später um 20.30 Uhr die Bühne betreten werden. ‘Dann ist das Ganze ja bereits um 22 Uhr vorbei’, dachte ich so – und ich sollte mit meiner Einschätzung richtig liegen. Gefühlt irritiert der frühe Beginn alle. Das Publikum, das zur Vorband erst sehr spärlich zugegen ist, die Band, deren Ansagen im luftleeren Schweigen verpuffen. Einen Konzertelan haben beide Parteien um halb acht noch nicht entwickelt. Dabei spielen Bleary Eyed gut und interessant auf. Die Band stammt aus Philadelphia und macht eine schöne Mischung aus Shoegaze, Indie- und Noise Rock. Oder wie es ein Zuruf aus dem Publikum auf den Punkt bringt: ‘you guys are good’. Dass die Sounds nichts Neues sind, ist klar. Wahrscheinlich werden Bleary Eyed auch nie die Indie-Rock-Clubs verlassen, aber mein 90s Musikherz ist fuer den Moment sehr angetan.
Pünktlich kommen dann Sängerin Karly Hartzman, Xandy Chelmis (an der Pedal-Steel und Lap-Steel Gitarre), Alan Miller (am Schlagzeug), and Ethan Baechtold (am Bass) und der Tourgitarrist Tyler auf die Bühne. Xandy Chelmis ist ein alter Bekannter, er ist mit seinen Instrumenten auch Teil der MJ Lenderman Band.
Sie starten mit „Reality TV argument bleeds“ und das funktioniert sehr gut. Dadurch, dass sich der Song mit jeder Sekunde mehr aufbaut und entwickelt, passt der perfekt als Eröffnungssong. Am Ende der sechs, sieben Minuten sind Band und Publikum im Konzert angekommen. Es folgen Songs von Bleeds und ein paar alte Gassenhauer. Karly Hartzman entpuppt sich bei ihren Zwischenansagen als gnadenlos gute Entertainerin. Sie schafft es gar, aus einem Gespräch mit einem Zuschauer heraus die ersten beiden Strophen von Justin Biebers „Baby“ anzuspielen. Das sorgt natürlich für große Lacher. Und sie erfüllen einen Request und covern – für die Band live normalerweise sehr unüblich, wie Karly Hartzman anmerkt – „She’s actin‘ single (I’m drinking doubles)“ des Countrysängers Gary Stewart.
A pro pos Publikum. Ich hatte tatsächlich mit einem jüngeren Publikum gerechnet. Ist der Hippnessfaktor von Wednesday gar nicht so groß, wie ich dachte und ist der Hype nur ein Fachmagazinen-Hype? Etwas überrascht über die Publikumszusammensetzung bin ich schon.
Nun ja. Für mich hat sich auch das zweite Konzert der Karnevalswoche sehr gelohnt und es war mehr als richtig, sich innerhalb von drei Tagen zweimal auf den Weg nach Belgien zu machen.
Have you ever listened to shoegaze and thought, “I wish there were more discordant guitar screeches”? Have you been humming along to an alt-country ballad and said to yourself, “This should be more aggressive and sad at the same time?”
fragt das Spin Magazin, und wer diese Fragen mit ‘ja’ beantworten kann, sollte sich Wednesday unbedingt einmal ansehen.
Setlist:
01: Reality TV argument bleeds
02: Got shocked
03: Fate Is…
04: The burned down dairy queen
05: Wound up here (by holdin on)
06: Hot rotten grass smell
07: Candy breath
08: Phish Pepsi
09: Gary’s II
10: The way love goes
11: Pick up that knife
12: She’s actin‘ single (I’m drinking doubles)
13: Elderberry wine
14: Bitter everyday
15: Townies
16: Bull believer
17: Wasp
Kontextkonzerte:
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