Ort: Alter Schlachthof, Eupen
Vorband: Verbrennung 3. Grades

30 Euro oder 20 Euro? Hippe Großstadt oder hippe Stadt? Gloria Theater oder Alter Schlachthof?
Da es entfernungsmäßig wumpe ist, wohin, entschied ich mich für die Provinz und die günstigeren Konzerttickets und fuhr nach Eupen in das Kulturzentrum Alter Schlachthof.
Räumlich gesehen ist Eupen – im Vergleich zu Köln – Provinz, musikalisch dagegen ein bedeutender Musikstandort. Seit 2016 findet hier im zwei Jahres Rhythmus das Meakusma Festival statt, und es hat sich mit seinen letzten Ausgaben zu einem der renommiertesten und interessantesten Festivals für experimentelle elektronische Musik, Avantgarde-Klänge, Klangkunst und Performances. Ein Haufen DJs legt dort auf, unklassierbare Musik, elektronische Avantgarde, Ambient und Dub werden in verschiedensten Locations in Eupen und Umgebung präsentiert. Oder wie es die taz nennt: ‚Die Rache der Nerds.‘
Hauptveranstaltungsort des Festivals ist der Alte Schlachthof. Dieser wurde zwischen 2004 und 2015 zu einem Kulturzentrum mit verschiedenen Sälen und Räumlichkeiten ausgebaut. Seitdem finden hier regelmäßig Konzerte statt. Auch abseits der Musik bietet Eupen Dinge, die man nicht erwarten würde: Lee Ranaldo präsentierte zum Beispiel vor einigen Jahren seine Zeichnungsreihe Lost Highways im ortsansässigen Museum und kam zur Eröffnungsveranstaltung persönlich vorbei, um ein paar Songs zu performen. Musikkulturtechnisch ist Eupen also ganz und gar keine Provinz. Ich habe im Alten Schlachthof schon öfter Konzerte besucht, das Programm bot über die Jahre ein paar schöne Perlen: Spain, try-out Konzerte der Whispering Sons oder eben Die Nerven. Irgendwie fahre ich gerne hierhin. Die Atmosphäre wirkt so angenehm familiär und die Konzerte haben einen ganz eigenen, besonderen Charme. Das letzte Mal war ich vor ziemlich genau einem Jahr hier; Die Nerven sah ich hier auf ihrer letzten Tour vor zwei Jahren. Damals versprachen sie, wiederzukommen. Sie hielten Wort.
Und sie haben, wie vor zwei Jahren auch, eine interessante Künstlerin im Vorprogramm. Die Shitney Beers 2025 heißt Salomé Käsemodel und ihr Bühnenprojekt Verbrennung 3. Grades. Ein MacBook und für einen Song eine Gitarre, mehr benötigt die Schweizerin nicht, um ihre dröhnenden Beats in den Saal zu pusten. Der Sound erinnert stellenweise an ihre Landsleute, die Young Gods, aber nicht nur. Ich fand ihren Kurzauftritt interessant und gut. Mal am Ball bleiben, wie man so sagt.
Dann Die Nerven zum zweiten Mal in Eupen. Ich glaube, der Saal ist besser gefüllt als vor zwei Jahren. Seinerzeit empfand ich es als – für ein Die Nerven Konzert – ungewohnt leer, an diesem Abend, so mein Eindruck, passt das Zuschauerverhältnis. Während der Umbaupause frage ich mich, ob dies das einzige Auslandkonzert der aktuellen Tour sein wird; klar, ich könnte googlen, doch so spannend war die Frage jetzt auch nicht. Live im Elfenbeinturm ist der Titel der aktuellen Tour von Julian Knoth, Kevin Kuhn und Max Rieger. Ein neues Album scheint es aktuell nicht zu geben, Wir waren hier ist nach wie vor die aktuelle Die Nerven Platte. Das Livealbum Live im Elfenbeinturm lasse ich mal außen vor, Livealben oder Kompilationen zähle ich nicht als Bandveröffentlichung. Ich kenne Wir waren hier nicht, ich kenne auch das Livealbum nicht. Mein letztes, gehörtes Lebenszeichen ist „Europa“ von Die Nerven, die erste Single des vorletzten Albums. Nach diesem Song und der damit verbundenen letzten Tour, habe ich Die Nerven etwas aus den Ohren verloren. Denn das letzte Konzert überzeugte mich nicht sonderlich. Ohne dass ich die damalige Platte Die Nerven gehört hätte, reichte mir der Liveeindruck, um mich von Die Nerven langsam zu verabschieden. Den Abend damals in Eupen fand ich nicht so meins. Mich störten die
..vielen stop-and-go Songs, diese kurzen Momente totaler Stille, dieses insgesamt auf mich etwas – ich nenn es mal – arty-haft wirkende, empfinde ich auf Dauer etwas anstrengend. Besonders fällt mir das auf, als sie gegen Ende des Konzertes einfach mal drei, vier Songs gnadenlos runterdreschen, ohne Breaks und/oder zu viele abgehackte Passagen und nicht enden wollende und leider für mich ermüdende Schlagzeugperformances.
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Aber vielleicht hätte ich der Platte dennoch eine Chance geben sollen. Ich tat es nicht und stehe nun etwas ratlos im Saal des Alten Schlachthofs; keine Ahnung habend, was mich erwartet. Die Hälfte der Songs kenne ich nicht. Es sind dies fünf Stücke von Die Nerven und drei Songs von Wir waren hier. Und alle anderen habe ich seit vier, fünf Jahren nicht mehr gehört. Aber das ist an diesem Abend nicht das Problem. Denn anders als beim letzten Konzert überzeugen mich Die Nerven mit ihrem Auftritt von a bis z. Kevin Kuhn nervt mich mit seinem Schlagzeugspiel nicht und überhaupt ist all das, was ich beim letzten Konzert nicht gut fand, nicht da. Echt überrascht stellte ich nach dem Konzert für mich fest, dass Die Nerven tatsächlich noch wichtig sind. Und was das bedeutet, ist auch klar: die letzten Alben kaufen. und unbedingt auch das Livealbum. Denn live sind Die Nerven immer noch noch eine Wucht stärker.
Setlist:
01: Neue Wellen
02: Albtraum
03: Das Glas zerbricht und ich gleich mit
04: Grosse Taten
05: Barfuß durch die Scherben
06: Als ich davonlief
07: Ich erwarte nichts mehr
08: Keine Bewegung
09: Ein Tag
10: Der Erde gleich
11: Skandinavisches Design
12: Eine Minute schweben
13: Angst
Zugabe:
14: Europa
15: Niemals
16: Frei
Kontextkonzerte:
Die Nerven – Eupen, 17.10.2023 / Alter Schlachthof
Die Nerven – Köln, 23.04.2018 / Gebäude 9
Die Nerven – Bonn, 22.10.2015 / Harmonie