Ort: Rockhal, Esch-Alzette
Vorband:

David Byrne - Luxemburg, 26.02.2026

An evening with David Byrne.
A note on smartphones. Yes, phones are allowed. A photo or two? Sure. Filming half the show or holding your screen above everyone’s head? Not so much. Excessive photography and recording won’t be tolerated. Be present. Be respectful. David Byrne will be right there. In real life.

Der Hinweis steht nicht einfach so in der Infomail zum Konzert, die der Veranstalter den Atelier an alle Ticketkäufer verschickt. Es wird an diesem Abend in der Rockhal penibel darauf geachtet, dass niemand zu lange seinen leuchtenden Handybildschirm in die Luft hält. Und bereits an den Einlasskontrollen grummelt der ein oder andere. Das Körbchen neben dem Securitymann beinhaltet nämlich neben ein paar Wasserflaschen auch Kleinbildkameras, die normalerweise keinerlei Probleme bei der Mitnahme zu Konzerten machen. Auch ich darf meine Kleinbildknipse hier ablegen und bekomme im Gegenzug ein Zettelchen mit einer Nummer. 240 steht dort. Der Rücktausch klappt nach dem Konzert dann übrigens eins a. Once in a lifetime, nun muss ich erstmals meine Kamera vor Konzertbeginn abgeben. Hatte ich bisher auch noch nicht. Der Abend beginnt wahrlich besonders!

Ich bin kein großer David Byrne oder Talking Heads Fan. Das war ich nie. Natürlich habe ich die obligatorische best-of Talking Heads CDs im Regal stehen, aber das hat ja jeder. Aber wann habe ich sie zuletzt gehört? Das ist doch die spannendere Frage in diesem Zusammenhang. Ich habe keine Ahnung. Auch hatte ich völlig verdrängt, dass ich noch eine weitere CD der Talking Heads besitze. Remain in light steht direkt neben dem best-of Album, Sachen gibt’s. „Once in a lifetime“ ist eine der Single des Albums und neben „Burning down the house” und „Psycho Killer“ der dritte Song, den ich spontan von den Talking Heads benennen kann. Das ist es dann aber auch schon.
Bekannt wurde David Byrne als Mitbegründer und Sänger der Band Talking Heads irgendwann in den 1970er Jahren. 1991 löste er die Band auf – seine drei Kolleg*innen waren davon, so lese ich, nicht begeistert – und macht seitdem verstärkt Soloalben. Who is the sky?, die aktuelle David Byrne Platte (die habe ich sogar!), ist seine neunte Veröffentlichung seit 1992. Nebenbei erhielt er für den Soundtrack zu Der letzte Kaiser einen Oscar, veröffentlicht Bücher und macht allerlei anderen Kunstkram. Fun fact: Sein Song „Like Humans do“ ist auf der Microsoft Windows XP Installations-CD als Musikbeispiel für den Microsoft Media Player hinterlegt.

Mich reizt irgendwie die Idee, eines der anstehenden David Byrne Konzerte zu besuchen. Einen für die Musikwelt so bedeutenden Mann sollte man mal live gesehen haben, war so mein Grundsatzgedanke. Frankfurt war eine Option, Luxemburg und Brüssel natürlich auch. Das waren die Orte, die entfernungsmäßig machbar waren. Erneut muss ich leider feststellen, dass Westdeutschland nicht Teil einer Konzerttour ist. Tatsächlich entschied ich mich dann für die Rockhal in Luxemburg. Dort ergatterte ich noch ein gutes und im Vergleich zu Frankfurt günstigeres Ticket für die vierte Sitzreihe vor der Bühne. Schließlich will ich ja was sehen. Und richtig, die David Byrne Konzerte sind bestuhlt. Zwar bittet der Musiker in einer Minuten vor Konzertbeginn ausgestrahlten Audionachricht ausdrücklich darum, seinen Sitzplatz aufzugeben, um zu tanzen; weist aber gleichzeitig auch darauf hin, dass man dabei Gänge und andere freie Bereiche nicht zu-tanzt. Da das luxemburgische Publikum eher reserviert und höflich ist, dauert es eine gute halbe Stunde, bis die ersten vor ihren Klappstühlen, die durchaus bequem sind, stehen und tanzen. Ab dann ist der Bann jedoch gebrochen, ein Zurück gibt es jetzt natürlich nicht mehr. Der Stimmung kommt das sehr entgegen.

Ich hatte im Vorfeld das Konzertes schon unzählige Fotos und Videosnippets der David Byrne Auftritte in Frankfurt und Amsterdam gesehen. Das sah schon alles sehr beeindruckend und sehr großartig aus. Videoprojektionen, 12 Musiker*innen, eine gefühlt durchgehende und durchgetaktete Performancedarstellung. Man konnte schon die Frage stellen, ob das überhaupt noch ein klassisches Konzert ist oder ob es nicht vielmehr als Musical bezeichnet werden muss. Die guten 90 Minuten sind von Anfang bis Ende durchchoreographiert. Jeder Tanzschritt, jeder Move ist beabsichtigt. Songansagen, Videoprojektionen, Songauswahl, all das läuft wie aus einem Guss.
Das hier nichts zufällig ist, sieht man schon am Bühnenoutfit der Musiker*innen. In Luxemburg sind wieder die orangen Overalls an der Reihe. Von Konzert zu Konzert wechseln David Byrne und seine 12 Mitmusiker die Farbe ihrer Bühnenuniform. Beim Konzert zuvor in Frankfurt waren sie blau, genauso wie am Tag drauf in der Schweiz. In Luxemburg sind sie orange. Warum gerade diese beiden Farben verwendet werden, das weiß ich nicht.
10 der 21 Songs sind Talking Heads Stücke. Einige Songs stammen vom aktuellen David Byrne Album Who is the sky?. Der Abend ist quasi eine Art David Byrne Werkschau, die versucht, alle Zeitschienen zu berücksichtigen. Die allesamt bekannten Hits fehlen natürlich nicht. Performancetechnisch hat der Abend ein paar schöne Snippets: zu einem Song werden den Bewegungen auf der Bühne folgend alle Vornamen auf den Videoleinwänden visualisiert. Zu „My apartment is my friend“ wird ein visueller Rundgang durch David Byrnes Apartment in New York präsentiert. Unter uns, es ist ein sehr schönes und scheinbar geräumiges Appartement mit einem schönen Ausblick.

Wie erwähnt, 12 Musiker*innen und Tänzer*innen unterstützen David Byrne. Sowas Profanes wie ein aufgebautes Schlagzeug, Monitorboxen, Mikrofonständer sucht man im Bühnenbild allerdings vergebens. Die Instrumente sind tragbare Ausstattungen, alle Sänger*innen tragen Headsets. Das bietet große Bewegungsfreiheit für alle und eine maximal leere Bühne, die optisch sehr clean dem Auge keine Fixpunkte bietet. So sind die Videosequenzen an den drei Seitenwänden der einzige Kontrast zu den Künstler*innen. Das wirkt schon mal enorm arty. Jeder Song hat sein eigene darstellerische Umsetzung. Tatsächlich komme ich mir zeitweise wie in einem Musical vor. Von links und rechts, vorne und hinten tanzen und springen die Künstler*innen über die Buehne, David Byrne mittendrin. Ich habe so ein Konzert noch nicht erlebt, es ist ein immerwährendes hin und her. Dazu laufen passende Videosequenzen und die Bilder umschließen die Bühne quasi. Obwohl die Rockhal eine relativ große Mehrzweckhalle ist, wirkt das Konzert dadurch intim. Okay, ich sitze weit vorne, vielleicht ist der Eindruck aus der zweitletzten Reihe ein anderer. Bevor wir alle aufstehen (so nach einer guten halben Stunde), kann ich mir das Spektakel in Ruhe und Gemütlichkeit anschauen. Ja, ich bin tief beeindruckt und sprachlos. Wow, es ist einfach großartig. Alles! Und wenn bedenke, dass David Byrne 74 Jahre alt ist, bin ich noch sprachloser. Ein irres Pensum, dass er da mit dieser Tour absolviert. Wie schnell 70 Minuten vergehen können merke ich, als ich zur Zugabe kurz auf meine Uhr schaue. Jetzt noch „Everybody’s coming to my house“ und „Burning down the house“, dann ist die Show vorbei. Am Bühnenrand stehend aufgereiht wie an einer Perlenschnur nehmen die Musiker*innen den langanhaltenden und lauten Applaus wohlverdient entgegen.

Bravo! Die Messlatte für Konzerte 2026 liegt hiermit auf Sergej Bubka Niveau. Ob es einen Konzerte Armand Duplantis gibt, ich hoffe es. Er muss dann aber in Topform sein, um diese Show überbieten zu können.

Setlist:
01: Heaven
02: Everybody laughs
03: And she was
04: Strange overtones
05: Houses in motion
06: T Shirt
07: (Nothing but) Flowers
08: This must be the place (Naive Melody)
09: What is the reason for It?
10: Like humans do
11: Don’t be like that
12: Independence Day
13: Slippery people
14: Moisturizing thing
15: My apartment is my friend
16: Air
17: Psycho Killer
18: Life during wartime
19: Once in a lifetime
Zugabe:
21: Everybody’s coming to my house
22: Burning down the house

Kontextkonzerte:

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