„Heute keine Pause“, und: „Jegliche Ton und Filmaufnahmen verboten.“ Zwei Hinweisschilder empfangen mich im Foyer des Düsseldorfer Savoy Theaters. Soap&Skin bzw. Anja Plaschg ist mal wieder in der Gegend. Zum dritten Mal in diesem Herbst besucht sie das Rhein-Ruhr Gebiet. Auch ich bin zum dritten Mal dabei. Dies ist kein Zufall, beileibe nicht. Seit ich Soap&Skin vor gut einem Jahr das erste Mal entdeckte, bin ich Fan. Zu schön, zu ausdrucksstark und zu selbstzerstörerisch ist ihre Musik, als das ich sie links liegen lassen könnte.
Ihr Düsseldorfer Konzert ist etwas anders als die vorherigen, ihr Auftritt wird von einem Ensemble unterstützt, was immer das auch heißen mag.
Als ich Zuhause loskomme, ist es schon spät. Eine knappe Stunde Autofahrt plus x Minuten Straßensuche gilt es einzukalkulieren. Es sieht nach einer Punktlandung aus. Dass ich doch um kurz vor acht Uhr das über den Kinosälen liegende Theater betrete, verdanke ich der entspannten Straßenverkehrssituation, weniger meiner Fahrtvorbereitung. In der Düsseldorfer Innenstadt musste ich feststellen, dass der Ausdruck von Google Maps Wegbeschreibungen und das damit einhergehende Positionieren der Zettel, in meinem Fall sechs DIN A4 Blätter, auf dem Beifahrersitz in der dunklen Winterzeit eher ungeeignet ist. Das Scheinwerferlicht des Hintermanns reicht nicht immer aus, um alle Straßennamen auf den Zetteln entziffern zu können, und ist es an einer Kreuzung mal hell genug, so ist die Ampelphase zu kurz, um Straßenname, eigene Position und Zielort auf einen Blick erfassen zu können. Ganz zu schweigen von der zu nervös justierten Hand des Hintermannes. Lichthupe! Alles klar, ich fahr’ ja schon.
Aber soll ich mir deswegen gleich ein Navi zulegen? Ich halte so ein Gerät ja für sehr überflüssig und da ich auch diesmal meinen Zielort erreicht habe, heißt die Antwort weiterhin: nein. Überdies will ich auch nicht minütlich informiert werden, wie lange ich noch fahre, wann der nächste Stau kommt und wie viele Satelliten gerade meine Position orten. Was hilft es mir, wenn ich unterwegs bin und schon nach halber Strecke weiß, „Mist ich bin eine halbe Stunde zu spät.“ Soll ich dann umdrehen? Das Wissen um solche Fakten ist doch ernüchternd und raubt den Idealismus des Fahrens. Und das möchte ich nicht und so bleibe ich bei der klassischen Variante und verschließe mich (vorerst noch) der Technik, die das Leben einfach macht.

Der Vorraum des Theaters ist gut gefüllt. Um kurz vor acht können wir den Saal betreten. „Bitte keine Foto und Filmaufnahmen.“ Ja ja.
Die Bühne ist präpariert. Klavier und Laptop stehen bereit. Soweit nichts neues. Aber überraschend für mich, ich dachte, heute ginge es ohne Kleincomputer.
Neben dem Flügel stehen drei Stühle, zwei Violinen liegen auf den Sitzflächen, ein Cello lehnt an dem dritten. Komplettiert wird die Instrumentensammlung durch einen Kontrabass und eine Trompete.
Um kurz nach acht betreten die sechs Musiker die Bühne. Eine Sängerin ergänzt die Instrumentenspieler. Die beiden Violinenspieler und der Cellist nehmen auf den Stühlen Platz, dahinter stehend Trompete, Kontrabass und Sängerin. Es ist dunkel auf der Bühne, überraschend, dass alle sechs ohne zu stolpern ihren Weg gefunden haben. Aus den Lautsprechern tönen Samples. Sie klingen nach quiekenden Schweinen und Bauernhofgeräuschen. Aber so ganz klar ist es nicht.
Dann taucht Anja Plaschg auf. Sie tritt ans Mikrofon. Da das Theater wenig Lichtquellen bietet, ist es nahezu stockdunkel. „Cynthia“ ertönt, zum ersten Mal spielt die Trompete.
Da Anja Plaschg ein kleines Ensemble mit auf Tour nimmt, durfte vorher diskutiert werden. Werden die Songs umarrangiert? Wird sie auf Samples verzichten und werden die Instrumente stattdessen diese Parts übernehmen? Es wäre eine, zugegeben sehr interessante Möglichkeit.
Die Antwort gab „Cry Wolf“ mit Fotoapparatsounds zu Beginn. Samples sind also auch mit Ensemble gestattet. Das ist auf der einen Seite toll, weil Soap&Skin Songs erst durch das elektrische Klackern und Blubbern ihre volle Atmosphäre entfalten können, auf der anderen Seite kann ich nicht immer unterscheiden, welcher Ton nun aus dem Laptop kommt und welcher von der Violine oder dem Cello gespielt wird. Das ist ein bisschen schade und so unterscheidet sich das klangliche Soap&Skin Liveerlebnis mit Ensemble nicht groß von den Konzerten in der Kulturkirche oder im FZW.
Was sich aber unterscheidet, ist die Atmosphäre. Das Konzert wirkt orchestraler, majestätischer, bei weitem nicht so düster und bedrohlich wie Anjas Solokonzerte. Was bestimmt zu einem Großteil dem Ambiente des Theaters zuzuschreiben ist, aber in Teilen bestimmt auch mit den sechs weiteren Musikern auf der Bühne zu tun hat. Die Verhältnisse verschieben sich, wenn die Musik auf mehreren Schultern verteilt wird. Und Streichinstrumente wirken per se majestätisch.
Sehr spürbar ist das beim instrumentalen „Turbine Womb“. Zurückgelehnt im Theatersessel ein wahrer Ohrenschmaus. Alles passt perfekt, der Sound ist glasklar, das Ensemble 1a besetzt. Außer dem Gesang gibt es keine Sprache auf der Bühne. Die Musiker verstehen sich wortlos.
Der Saal ist andächtig. Nach „Thanatos“ bzw. vor „The sun“ erreicht der Abend den bekannten Höhepunkt. Das Licht geht aus, die ersten Töne verhallen im nichts. Das ist der Moment, in dem Anja zu ihrer spirituellen Bühnenperformance übergeht. Aber auch heute, wo der Ort der falsche wäre und wo das Ensemble dagegen spräche? Ich hoffte sie würde es nicht tun. Und sie hat alles richtig gemacht. Während der Laptop quäkt bleibt Anja scheinbar unberührt und gelangweilt auf ihrem Schemel sitzen und blickt apathisch zu Boden. Statt Tanz stakkatohafte Klavieranschläge, begleitend von Cello und Kontrabass. Das ist toll und klingt so elegant wie ich es mir nie hätte vorstellen können.
Nach „Spiracle“, bei dem die Bühne dunkel bleibt und der Theatersaal angestrahlt wird, spielen sie einen Song, den ich nicht erkenne. „Vielleicht versteht ihr den Text“, so kündigt Anja Plaschg das Stück an. Nein, leider verstehe ich ihn nicht hundertprozentig.
Es folgt das warm und versöhnlich klingende „Mr Gaunt Pt. 1000“. Der Abend neigt sich langsam dem Ende entgegen. Mit „March Funebre“ verabschiedet sich Anja Plaschg. Die Musiker bleiben jedoch auf der Bühne und spielen noch ein paar Sekunden weiter. Es kommt also noch was. Richtig. Nach sehr kurzen Augenblicken kommt Anja wieder zurück, stellt sich an das Mikrofon am Bühnenrand. Die Musiker haben längst aufgehört zu spielen und stehen bewegungslos direkt vor dem Bühnenvorhang. „Sog nit keyn mo“, ein Stück des jüdischen Dichters und Partisanen Hirsch Gilk singt Anja Plaschg ohne Begleitung. Das Volkslied bleibt die einzige Zugabe. Ein guter Abschluss eines wundervollen Konzertes, das mehr Sinfonie als innerer Herbst war.
Noch lange nach den letzten Tönen blieb der ein oder andere in seinem Sessel sitzen. Es war ja auch erst viertel nach neun.

Setlist:
01: Brother of sleep
02: Cynthia
03: Cry Wolf
04: Turbine Womb
05: …
06: Sleep
07: Estinguish me
08: Thanatos
09: The sun
10: Spiracle
11: ???
12: Mr Gaunt Pt. 1000
13: Fall Foliage
14: March Funebre
Zugabe:
16: Sog nit keyn mo

Multimedia:

Kontextkonzerte:
Soap&Skin – Dortmund, 13.09.2009

Soap&Skin – Köln, 30.09.2009

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