Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband: Marconi Union

Emo-Indierock. Das Musikgenre der großen Melancholie und der schönen Melodien. Introspektiv und komplex. Musik für Menschen, die selbst im Glück den Schmerz des Verlusts spüren, die in jedem Anfang schon das leise Echo eines Endes hören. So schreibe ich mal zusammen, was ich auf der ein oder anderen Webseite dazu lese. Ende der 1990er war ich durchaus Fan, ich hörte sehr viel Jimmy eat world, Drive like Jehu und Weezer.
American Football hatte ich seinerzeit nicht so richtig auf dem Schirm, was auch daran liegen mag, dass ihr Debütalbum American Football seinerzeit stark unter dem Radar lief und erst viel später die Bedeutung erfuhr, die es heute hat: es gilt als eines der wichtigsten und prägendsten Alben des Indierock-Emo der 1990er Jahre. Und es ist das einzige Album der Band, die in den 1990er Jahren nur drei Jahre aktiv war. 2000 lösten sie sich auf, 2014 gab es eine Reunion. Seitdem komplettiert Nate Kinsella die Band, die sich ansonsten aus den Ursprungsmitgliedern Mike Kinsella, Steve Holmes und Steve Lamos (Trompete und Schlagzeug) zusammensetzt. Und seitdem haben sie drei weitere Alben veröffentlicht. Soweit die Fakten.
2015 sah ich American Football beim Primavera Sound Festival. Zusammen mit Mineral, der anderen wichtigen Emo-Band, die zu dieser Zeit wieder Konzerte gab, und ganz vielen anderen tollen Bands. Das 2015er Lineup war eines der besten, die ich im Parc del Fòrum erleben durfte. Es waren zwei Konzerte, auf die ich mich seinerzeit sehr freute. Nach dem Mineral Konzert kaufte ich alle ihre Platten (also alle beide), bei American Football blieb ich zögerlich. Ich dachte mir wohl, ‘ach, dass eine Album habe ich ja quasi jetzt gehört und digital kann ich es mir immer noch zulegen.’ Gedanken, die dann einfach so bleiben und in Vergessenheit geraten.
Als für diesen Sommer Konzerte von American Football angekündigt wurden, griff ich zu. Ich wunderte mich zwar ein bisschen, dass die relativ große Kantine als Konzertort angegeben war, aber egal. ‘Die wird doch nie voll’, dachte ich. Und irrte gewaltig. Als ich letzte Woche nochmal nachschaute, bemerkte ich, dass das Konzert in die Live Music Hall hochverlegt worden ist. ‘Okay, auch die wird doch nie voll’, dachte ich. und irrte erneut.
An mein letztes Live Music Hall Konzert kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es muss Jahre her sein, dass ich hier das letzte Mal ein Konzert sah. (Spoiler: und ich werde hier kein Konzert mehr besuchen, es sei denn, U2 spielen einen Klubgig oder Sonic Youth spielen hier auf ihrer Reuniontour.) So hatte ich dann auch vergessen (oder verdrängt), wie ungemütlich hier Konzerte im Hochsommer sein können. Und ich sag mal so, sie können sehr ungemütlich werden. Und als ich mich erinnerte, musste ich feststellen, dass sich nichts geändert hat. Infrastrukturelle Weiterentwicklung Fehlanzeige. Okay, der Einbau einer Klimaanlage muss erstmal finanziert werden, da kann ich noch verstehen, dass man diese Investition scheut und sie nicht wegen ein paar Hitzesommer bisher und vieler zu erwartender Hitzesommer in der Zukunft einfach mal umsetzt. Aber leider gibt es in der Live Music Hall auch keine Möglichkeit, querlüften, so dass die Luft im Saal einfach nur steht. Nach kurzer Zeit wird es schnell relativ drückend. Okay, geh’ ich wieder raus und hole mir etwas zu trinken. An der Bar wird mir gesagt, Kartenzahlung leider nicht. Bitte was?! Wir haben 2026, wer hat denn da noch Bargeld in der Tasche? Da ich mir aber sehr sicher bin, dass ich die Sauna ohne Getränk nicht überstehe, hebe ich notgedrungen Geld ab. Immerhin steht auf dem Gelände ein Geldautomat. In dem Moment ist es mir auch egal, dass er – als bankenunabhängiger Geldautomat – sicherlich ordentlich Gebühren verlangt.* Immerhin wirft das ältere Automatensemester noch Geld aus. Bei der Warteschlange hätte ich mich nicht gewundert, wenn er kurz vor mir damit aufgehört hätte. Also ein Getränk gekauft und wieder rein in den Backofen.
Drinnen ist es wenig überraschend noch sehr leer. Viele warten lieber draußen und lassen die Vorband Vorband sein. Erst nehme ich die beiden Musiker auf der Bühne gar nicht wahr. Zum einen, weil durch den Wechsel der Klimazone meine Brille beschlägt, und zum anderen, weil deren Sound kaum bis hinten durchkommt. Marconi Union nennt sich das Duo, sie spielen sehr bedächtige Ambient-Electro Sounds. Die letzten Klänge bekomme ich noch mit, zu wenig, um mir wirklich ein Bild von Marconi Union machen zu können.
Umbaupause.
Ich gehe weiter nach vorn und merke direkt, dass das keine so gute Idee ist. Die Luft wird nicht besser und ich finde keinen Platz, wo ich einen Luftzug verspüre. Na gut, schwitzen ist nicht schlimm und stickige Luft kann man mal aushalten. Die Frage ist nur, wie lang. Neben mir verteilt Live Music Hall Personal Eiswürfel aus einem großen Kübel. Ernsthaft, Eiswürfel!? Woanders werden Wasserflaschen ins Publikum gereicht. Das wäre bestimmt hilfreicher. Ach Mensch, das macht doch alles keinen Spaß hier. Ich bin zu alt für diesen Kram.
Während ich das denke, kommen auch schon American Football auf die Bühne. Das lenkt etwas ab. Oder wie sagte doch meine Oma immer: ‘Nicht an die Hitze denken, dann geht’s besser.’ Die Kernband wird durch weitere Musiker unterstützt. Zu sechst stehen sie auf der Buehne, die in unterschiedliche Ebenen unterteilt ist. Schlagzeug und Keyboard stehen etwas erhöht im Hintergrund. Zum dritten Song „I can’t feel you“ kommt noch eine Sängerin dazu.
Die neuen American Football Sachen kenne ich natürlich nicht. So ist die erste Hälfte des Sets komplettes Neuland für mich. macht aber nix, denn einen großen Stilwechsel haben American Football in ihrer Musik nach 2014 nicht vollzogen.
Zur visuellen Unterstützung laufen auf einer, die gesamte Bühnenbreite umfassenden Leinwand Videofilme. Als dort nach sieben, acht Songs erstmals die Giebelseite des Hauses vom Plattencover des ersten Albums American Football erscheint, schwallt Jubel durch die Live Music Hall. Jetzt beginnt die Phase, in der die ganz alten Kamellen ausgepackt werden: „Honestly?“, „Stay home“, „The one with the wurlitzer“ und der große American Football Hit „Never meant“ zum Abschluss des Sets. Dann habe ich genug. Die Wärme ist unerträglich und für mich unaushaltbar geworden. Ich gehe erst nach hinten und dann raus. Dabei bemerke ich, dass die Live Music Hall tatsächlich fast voll ist. Hätte ich zugegebenermaßen nicht gedacht. Aber Sinn macht es allemal. American Football Musik funktioniert auch 2026 noch und ist sehr gut gealtert. Einen Konzertbesuch kann ich sehr empfehlen. Definitiv nicht empfehlen kann ich dagegen einen sommerlichen Konzertbesuch in der Live Music Hall. Es sei denn, man hält Geldkarten für Teufelszeug und hat einen Satz Wechselklamotten mit dabei, um sich im klimatisierten Zug mit klitschnassen Klamotten nicht zu verkühlen.
*5,99 Euro.
Setlist:
01: Man overboard
02: Blood on my blood
03: I can’t feel you
04: Uncomfortably numb
05: Wake her up
06: Home is where the haunt is
07: My instincts are the enemy
08: Honestly?
09: Stay home
10: The one with the wurlitzer
11: Never meant
Zugabe:
12: The one with the piano
13: Patron saint of pale
14: No feeling
15: Bad moons
Kontextkonzerte:
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